Konzerte & Party

La Roux im Astra Kulturhaus

La Roux

Ein wenig aus der Zeit gefallen klang vor fünf Jahren La Roux’ selbst betiteltes Debüt, das sich mit einem Pathos und einer Überzeugungskraft an den ästhetischen Errungenschaften der Achtzigerjahre abarbeitete, wie es wohl nur einer Künstlerin möglich ist, die diese Dekade in erster Linie aus YouTube-Videos kennengelernt hat.
Die Kälte, das Neon, die unvorteilhafte Kleidung, die eher an einen Haltungsschaden erinnerte: Das waren auffällige Signaturen einer Ära, die so weit zurückzuliegen schien, dass sie bei Nachgeborenen unwillkürlich wohliges Befremden auslöste. Für Jackson, die in der Schule wegen ihres schlaksigen Aussehens oft gehänselt wurde, muss eine Zeit, in der es zum ersten Mal okay war, dass männliche Popstars sich zunehmend an femininen Mode-Idealen orientierten, während Musikerinnen sich ganz selbstverständlich androgyne Looks zulegten, wie eine Verheißung vorgekommen sein. Sie wurde – laut eigener Aussage – zu der Musik der Eurythmics gezeugt. Ihre Jugend war geprägt von der Plattensammlung der Mutter. Und als sie alt genug war, warf sie all ihre traumatischen und erträumten Erfahrungen zusammen und nahm eine Platte auf, die genau so klang, wie Elly Jackson sich eine ideale Welt vorstellt.
Und die nicht ganz so ideale Welt dankte es ihr: Ihr erster Hit „In for the Kill“ ließ junge Mädchen davon träumen, wie es sich wohl anfühlt, in einem schmalen Jungenkörper geboren worden zu sein und eine stolz geschwungene rote Haartolle zur Schau zu tragen. Maßgeblich half dabei ein Remix des britischen Dubstep-Produzenten Skream, der eindrucksvoll zeigte, dass sich hinter den Achtziger-Jahre-Effekten auch ein feines musikalisches Talent verbarg, und La Roux’ hüftsteifen Romantikerpop dancefloor-tauglich machte. Nach dem zweiten Hit „Bulletproof“ gab es kein Halten mehr. Chartplatzierungen, Fotoshootings, Grammys.
La RouxPlötzlich trug sie eine enorme Verantwortung auf ihren zierlichen Schultern, an der Elly Jackson zerbrach: Panikattacken, Stimmverlust, die Trennung von ihrem musikalischen Partner Ben Langmaid. Der Siegeszug von La Roux schien vorbei, bevor er richtig begonnen hatte.
Im Juli ist mit „Trouble in Paradise“ das nicht mehr für möglich gehaltene zweite La-Roux-Album erschienen, und es bestätigt die Vermutung, dass Elly Jackson tatsächlich mehr ist als der Novelty-Act eines semiironischen Retrophänomens. Etwas missgünstig könnte man an „Trouble in Paradise“ vielleicht die dünne Substanz bemängeln, aber das wäre angesichts der chromglänzenden, stromlinienförmigen Ausführung ihres Achtziger-Jahre-Pops (analog zum Straßenkreuzer, auf dem Jackson für das Plattencover posiert), der gar nicht mehr sein möchte als perfekt gestylte Oberfläche, ziemlich kleinkariert.
Gleich die erste Auskopplung „Kiss and Not Tell“ mit diesem unwiderstehlich naiven Synthie-Hook, getragen von Jacksons ungewohnt offenherzigem Gesang, erinnerte an den unbekümmerten Enthusiasmus der jungen Kylie Minogue während der Stock-Aitken-Waterman-Phase. Und das ist selbst bei einem Album, das sich stilistisch von allen allzu offensichtlichen Retro-Bezügen souverän freigemacht hat, als Kompliment zu verstehen.
Jacksons skulpturenhafte Frisur fällt heute locker über die Stirn – ganz so, als würde sie inzwischen einsehen, dass ihre Musik als persönliches Statement vollkommen ausreicht. Zusammen mit ihrem neuen Partner Ian Sherwin hat sie dem Album einen wärmeren Sound verpasst, der balladeske Stücke wie das somnambule „Paradise Is You“ oder den Sophisto-Pop von „Let Me Down Gently“ behutsam verpackt. „Tropical Chancer“ ruht sich gar auf einem entspannten Reggae-Beat aus.
Jacksons Hang zu neurotischen Gefühlsregungen hinterlässt nur noch Spuren in den Texten, die sich immer wieder um die zeitlosen Problemkomplexe Liebe, Sex und die Labilität zwischenmenschlicher Beziehungen drehen. Da eine ausgewachsene Neurose aber einer vielversprechenden Pop-Karriere noch nie abträglich war, dürfte Elly Jackson eine glänzende Zukunft bevorstehen.

Text: Andreas Busche

Fotos: Universal Music

La Roux, Astra Kulturhaus, Revaler Straße 99, Friedrichshain, Do 4.12., 20 Uhr, VVK: 30,50 Euro zzgl. Gebühr

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