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Lady Gaga in der O2 World

Lady Gaga

Irgendwann ist man so betagt, dass man neue Musik erst durch das Lesen darüber entdeckt. Lady Gaga, geboren als Stefani Joanne Angelina Germanotta 1986 in New York, hätte man auch völlig verschwitzen können: Wenn man nicht in Fitnessstudios strampelt, nicht in Großraumdissen komasäuft, keine Radiosender hört, in denen Moderatoren einen anschreien, nicht in den Hofpausen in der Coolen-Ecke pafft, selten Musikfernsehen guckt, wenn in den favorisierten Eckkneipen und Flüsterclubs Grinderman oder Bonaparte laufen, und wenn man ihr nicht bei Twitter folgt und sich dort grisselige Kurz-vor-der-Dusche-Fotos anguckt, dann begegnet Gaga einem ausschließlich in Friseurblättern, in Parfum-Launching-Anzeigen und im Feuilleton. Dort jedoch macht sie sich seit Jahren breit. Schreibt Songs, trägt exzeptionelle Outfits, ist ausgesprochen feministisch, sammelt Grammys (fünf Stück bislang), übt sich in Gender Bending, in Agitprop und in Popkultur im Roger Behrens’schen Sinne, und vernäht zudem so viele Zitate in ihren Videos, dass man darüber eigene Wikipedia-Einträge verfassen könnte.
Lady GagaDennoch bleibt die Frage, warum man sie anhören sollte. Wegen der Texte? Das letzte Werk „Born This Way“ über das tolerante Zusammenleben zwischen allen sexuellen Identitäten und Ausrichtungen wabert auf einem schunkeligen Wir-sind-doch-alle-Brüder-und-Schwestern-Niveau, das einst auch En Vogue mit „Free Your Mind“ betraten. Nur, dass deren Song besser war. In „Paparazzi“ geht es, wie Gaga selbst erklärte, um die Entscheidung für Ruhm oder Liebe, in „Tele­phone“ darum, dass sie zu viel arbeite und kaum Zeit zum Ausgehen habe. Die ganz großen Fragen eben.
Oder wegen der Musik? „Born This Way“ klingt wie „Express Yourself“ von Madonna, die den Refrain bei ihrem Berlin-Gig neulich auch gelassen in ihren eigenen Song eingewebt hatte, anstatt das junge Ding zu verklagen oder wenigstens mit Kabbala o.Ä. zu verhexen. Abgesehen davon war Eurotrash nie mehr als eben Eurotrash, selbst wenn er von US-Amerikanern stammt, und Ohrwürmer sind bestimmt Pop, aber das macht einen Song nicht interessanter. Ein fauler Schlager wie „Alejandro“ hilft einem nicht durch den Winter. Der wärmt einem nicht mal das Herz.
Sollte man Gaga also vor allem visuell wahrnehmen? Die Filmzitate in ihren Videos? Die sind schön, allerdings in Zeiten, in denen bei Schützenfesten saalweise die „Pulp Fiction“-Twistszene nachgetanzt wird, nicht mehr originell. Es bleiben: ein sagenhaftes Fleischkleid bei den MTV Music Awards, die Brennende-Zigaretten-Brille, die hübsche Frauenknast-Ausstattung und die hübschen Mitinsassen im Video zu „Telephone“, die Pumps tragenden, halbnackten Tänzer in „Alejandro“, der Kuss mit Alexander Skarsgard und das glänzende Metropolis-Outfit in „Paparazzi“, dass man sich die Clips, die unter anderem der fantastische Videoclipkünstler Jonas Akerlund zu verantworten hatte, 50 mal angucken kann und immer noch Details findet (Standard bei der mit allen Wassern gewaschenen, echten Ausnahmekünstlerin Missy Elliott), ihr Engagement für die Akzeptanz queeren Lebens und ihr diffuses feministisches Selbstverständnis.
Darüber schwebt vor allem ein Geschick, ihre nicht wirklich greifbare Persönlichkeit musikalisch zwar auf den kleinsten gemeinsamen Four-to-the-floor-Nenner zu bringen, dennoch in der Symbolik so eigenwillig am Mainstream vorbei zu operieren, dass die eine Hälfte der Follower „Geiler Beat!“ grölt und die andere intellektuell orgasmiert.
Lady GagaWas in einer unheiligen Allianz übrigens auch den Mangel an echtem Elternschock-Potenzial illustriert. Denn die werden sich angesichts von anderswo im Kinderzimmer aufgefundenen Frauenarzt-Texten oder rechtsradikalem Hatecore wohl kaum über Gagas Zichtenbrille oder die Pumps an den Männerfüßen aufregen. Zudem erfreut Gaga mit Texten wie „I’m beautiful my way, ‚cause God makes no mistakes / I’m on the right track, baby, I was born this way“ auch Homosexuelle und Kirchen-Arbeitskreise. Es passt, dass Gaga – neben popstarüblichem humanitären Engagement mit Lippenstiftdesign gegen HIV/Aids und Gebetsarmbändchen-Design für die Erdbebenopfer Japans – ausschließlich queere Bürgerrechte fordert: Sie kämpfte gegen die Tatsache, dass Schwule und Lesben in der US Army zu Stillschweigen über ihre sexuelle Orientierung verdammt sind. Und stellt nicht etwa die Invasionspolitik der US-Regierung an sich infrage. Und dass sie Feministin ist, zusammen mit Madonna, Geri Halliwell, Christina Aguilera, Tic Tac Toe und fast allen anderen, zeigt, wie weit der Feminismus in der Gesellschaft angekommen ist: Er ist im Showbusiness, zumindest in dieser auf sexueller Selbstbestimmtheit und Mut basierenden Form, die Norm, nicht die Ausnahme. Immerhin.
Lady Gaga verbrämt in ihrer außergewöhnlichen, nach erfolglosen Jahren als perückenfreie Durchschnittssängerin erschaffene Kunstfigur, die Prinzessin und Monster gleichzeitig ist, ästhetisch unterhaltsam die Hauptaussage des kaufbaren Individualitäts-Effekts im Musikbusiness. Kurz zusammengefasst von Monty Python im „Leben des Brian“: „Ihr seid alle völlig verschieden!“ – „Ja, wir sind alle völlig verschieden!“ Und das nennt man eben Pop. Die Betagten, die Textverliebten, die Indie-Sozialisierten werden es überleben.
Das neue, dritte Album „Artpop“, dessen Titel sie sich auf den Arm tätowieren ließ, damit sie ihn nicht vergisst, erscheint im nächsten Jahr, vorher bespielt sie mit Kleiderkisten und Haushaltsgegenständen-Accessoires im Gepäck auf der „Born This Way Ball“-Tour Berlin. Und das wird auch Zeit: Immer nur in Simpsons-Folgen oder Tweets aufzutauchen, ist auf Dauer ziemlich lahm.

Lady Gaga + The Darkness, 02 World, Do 20.9., 20 Uhr, VVK: 60–100 Euro zzgl. Gebühr

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