Konzerte & Party

Laibach in der Volksbühne

Laibach_-Spectre-7_-photo-by-Maya-Nightingale

Ähnlichkeit zum Artwork des Rammstein-Albums „Liebe ist für alle“ scheinen bei der vorliegenden Selbstdarstellung von ­Laibach nicht ganz zufällig zu sein

Wer im ersten Stock der Volksbühne durch das Sternfoyer flaniert, betrachtet in den Schaukästen die Requisiten historischer Inszenierungen und wird mittels gusseiserner Wandplatten an das Wirken antifaschistischer Widerstandskämpfer erinnert. Vor einer dieser Platten bleiben Gäste meist irritiert stehen und wenden sich anschließend hilfesuchend an den Abenddienst, um zu erfahren, was es mit der „Besetzung der Volksbühne“ im Jahre 1993 auf sich habe.

Drei Tage, vom 8. bis 10. Oktober, erlebte das Berliner Theater die Proklamation des NSK-Staates, begleitet von zwei Konzerten Laibachs und Vorträgen von Philosophen wie Peter Mlakar und Slavoj Zizek. Das Kürzel steht für die Bewegung Neue Slowenische Kunst, die 1984 von unterschiedlichen Ensembles aus den Bereichen Theater, Musik und bildende Kunst gegründet wurde. Im Zentrum lag dabei stets das Spannungsfeld Totalitarismus und die Funktionalisierung der Kunst. „Es wird häufig erklärt, Ethik und Ästhetik bedingen einander“, sinniert Laibach-Mastermind Ivan Novak. „Aber letztlich führt die ästhetische Erziehung nicht zum moralischen Handeln. Man kann Beethoven-Sinfonien genießen und aktiv am Genozid beteiligt sein, lehrt uns der Zweite Weltkrieg. Darüber hinaus ist es schlichtweg dumm zu fordern, Kunst solle moralisch sein. Im Gegenteil, Moral hat in der Kunst nichts zu suchen, sonst wird sie von der Politik missbraucht.“

Den Ideologien misstrauen

Laibach hielten sich von der Politik stets fern. 15 Jahre, seit der Gründung im Jahre 1980, dekonstruierten Laibach die Semantik totalitärer politischer Systeme. Nach dem Wiedererstarken des Christentums auf dem Balkan nach der Auflösung Jugoslawiens 1991 setzten sich die Musiker auch mit der Rolle der Kirche und dem Kippen des Glaubens ins Fundamentalistische auseinander („Jesus Christ Superstars“, 1996). Laibach inszenierten sich stets als ideologieresistent, vermieden aber eine klare Positionierung. Mit dem neuen Album „Spectre“, der ersten regulären Studioplatte seit acht Jahren, scheint dies nun anders. Die ersten Rezensionen feierten Laibach aufgrund der vermeintlich direkten und wenig metaphorischen Texte als die Mentoren der Whistleblower, digitale Freiheitskämpfer und Occupy-Aktivisten. Wer jedoch glaubt, dass „Spec­tre“ auf semantische Doppelbödigkeit verzichtet, irrt: „Laibach würde ganz einfach missverstanden werden, gäbe es keine Missverständnisse mehr“, erklärt Novak.

Dies fängt bereits mit dem Eröffnungstrack „Wistleblowers“ an. Gemeinhin wird darunter eine Person verstanden, die aufgrund von persönlichen Gewissenskonflikten Missstände offenlegt. Prominentestes Beispiel sind die Protagonisten von Wikileaks oder Edward Snowden. Laibach aber setzten in dem Song die „Whistleblower“ als marschierende Armee in Szene und konterkarieren damit die Vorstellung, menschliches Verhalten mit moralischen Kategorien wie Gut oder Böse zu simplifizieren. Dieses Prinzip, dass Einzelpersonen individuellen Interessen folgen, ließe sich auch auf revolutionäre Bewegungen übertragen: „An die Spitze setzen sich Menschen mit klaren und pragmatischen Vorstellungen, die aber nicht unbedingt etwas mit den Gründen für die Revolution zu tun haben“, stellt Novak fest. So wird eine revolutionäre Idee oftmals in eine neue Form der Ausbeutung überführt. Doch so dystopisch wie der Song „Resistance Is Futile“ (dt.: „Widerstand ist zwecklos“) sind Laibach nicht. Der Slogan stellt eher eine Provokation dar. „Letztlich müssen ideologisch motivierte Ausgrenzung und Hass bekämpft werden, um Kriege, Hunger, Sklaverei und Ausbeutung zu beenden“, stellt Novak klar.

Laibach_-Spectre-3_-photo-by-Maya-NightingaleKeine Exklusion im Haus Europa

Diese Übel seien schließlich nicht gottgegeben, sondern Folgen bestimmter wirtschaftlicher Interessen. Auf eine politische Lösung geben Laibach wenig. Schließlich zeigten sich gerade am Beispiel der Europäischen Union während der Finanzkrise die visionäre Leere und Dominanz wirtschaftlicher Interessen: „Die Terminologie der Politiker beinhaltete ausschließlich neoliberale Phrasen. Europa wird heimgesucht von der absurden Idee, dass freie Märkte zu einem freien Leben führen.“ Wenn Laibach davor warnen, dass Europa auseinanderzufallen drohe, flüchten sie sich jedoch nicht in rückwärtsgewandte Terminologien, sondern setzen auf ein egalitäres Miteinander: „Es kann nur funktionieren, wenn Europa vom Atlantik bis zum Pazifik reicht! Das heißt, die nordwestliche Hegemonie muss aufgebrochen werden zugunsten der südlichen und südöstlichen Länder.“ Gerade Osteuropa solle nicht länger funktionalisiert werden, sondern als gleichberechtigter Partner betrachtet werden. Denn die Kriege auf dem Balkan und gegenwärtig die Krim-Krise zeigen, wie schnell Regionen Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen werden können.

Nach dem Soundtrack zur Science-Fiction-Trash-Klamotte „Iron Sky“ (2012) geben sich Laibach somit wieder geerdeter und machen trotz des philosophischen Backgrounds mit „Spectre“ klar, wie gut sie die Mechanismen der Pop-Musik beherrschen: Zehn enorm tanzbare Songs verbinden Milan Fras’ Deklamieren und Mina Spilers Gesang mit eingängigen Melodien und sauber programmierten Beats. Im Gegensatz zum Konzert von 1993 werden keine Passkontrollen von NSK-Staatsbeamten am Eingang der Volksbühne vollzogen. Das Spektakel findet ausschließlich auf der Bühne statt, und die Laibach-Maschinerie ist dafür besser geölt als jemals zuvor.

Text: Ronald Klein

Foto: Maya Nightingale

Laibach Volksbühne, Mo 7.4., 20 Uhr, VVK: 26/20 Ђ (erm.) zzgl. Gebühr

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