Anti-Americana

Lambchop-Frontman Kurt Wagner im Interview

„Noch ist die Welt nicht untergegangen“ – Es sollte eine Hommage an die erste Präsidentin der USA werden, das 12. Studioalbum von Kurt Wagners Band Lambchop. Nun ist Trump im Amt. Wie wahrt man die Zuversicht?

Foto: Elise Tyler

Seit über 30 Jahren ist Kurt Wagner, Jahrgang 1959, Sänger und Songwriter der US-Gruppe Lambchop. Im US-Wahlkampf machten sich die Alternative-Country-Pioniere für die Demokratin Hillary Clinton stark, Anfang November veröffentlichten sie   ihr 12. Studioalbum „FLOTUS“  – fünf Tage, bevor Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Vor seinen Auftritten in Berlin erzählt Wagner, wie er die ersten Trump-Tage im fernen Europa erlebt.

tip Herr Wagner, das Akronym „FLOTUS“ im Titel Ihres neuen Albums sollte eigentlich für „First Lady Of The United States“ und damit für eine Präsidentin namens Hillary Clinton stehen. Das war wohl nichts.
Kurt Wagner Leider, ja. Nun greift nur noch die zweite Bedeutung für diese Abkürzung: „For Love Often Turns Us Still“ (dt. etwa: Weil uns Liebe lähmt). Das trifft es derzeit wohl besser.

tip Sie haben gesagt, ein Sieg Donald Trumps käme einer Katastrophe gleich. Nun realisiert er in den ersten Tagen seiner Präsidentschaft all das, was er angekündigt hat. Wie ist es für Sie, das aus der Ferne während einer Europatour mitzuerleben?
Kurt Wagner Ich fühle mich wirklich etwas abgekoppelt von den Geschehnissen zuhause. Ich bekomme hier die Informationen wie jeder andere auch, aber Informationen scheinen zurzeit generell fragwürdig. Und im Weißen Haus dementieren sie offensichtliche Fakten.

tip Trump hat „Alternative Fakten“ zu bieten.
Kurt Wagner Es ist schon alles sehr verstörend im Moment. Wenn man, wie wir gerade, nur Informationen über Social Media bekommt, bleibt man auch nur in seiner eigenen Bubble verhaftet. Ich wünschte, es gäbe einen Weg, der die direkte, ungefilterte Information ermöglicht, die nicht schon beeinflusst ist. Natürlich sind Trumps erste Amtshandlungen betrüblich. Andererseits: alles, was er tut, hat er angekündigt. Eigentlich ist es nicht überraschend, nur deprimierend. Gleichzeitig wünschte ich mir, dass auch die positive Seite aktuell sichtbar würde.

tip Sie meinen die erwachte Zivilgesellschaft und die Proteste in den USA?
Kurt Wagner Ja, der „Women’s March“ und die Proteste auf den Straßen waren ermutigend und überwältigend. Ich hoffe, es kommen noch mehrere dieser Momente. Es muss ganz schön mühselig gewesen sein, den Protest weltweit so stark auf die Straße zu tragen.

tip Ihr Album ist auch eine Hommage an Ihre Frau Mary Mancini, die Vorsitzende der Demokratischen Partei in Ihrem Bundesstaat Tennessee ist. Was macht sie gerade?
Sie kämpft darum, in ihrer Partei wiedergewählt zu werden. Sie ist dafür die ganze Zeit durch den Staat gereist in den vergangenen Wochen.

tip Erleben Sie Ihre Heimat Tennessee als ähnlich gespalten wie die USA insgesamt?
Kurt Wagner Ja. Die Städte scheinen liberal und fortschrittlich, die ländlichen Gegenden sind eher konservativ. Auf dem Land haben die Leute aber genauso ein Recht auf gute Gesundheitsversorgung und Beschäftigung. Die gescheiten Leute sollten deshalb nicht alle in die Städte ziehen – nur, damit sie es dort einfacher haben. Mehr von ihnen sollten dort bleiben und für ihre Interessen vor Ort kämpfen.

tip Wir haben gesehen, dass fast die ganze US-Musikszene aufgestanden ist gegen Trump. Wie ist derzeit die Atmosphäre in der Pop-Landschaft?
Kurt Wagner Jeder sucht sich gerade seinen eigenen Weg, um daran teilzuhaben – ob man nun Fraueninitiativen unterstützt, die großen Bürgerrechtsorganisationen wie American Civil Liberty Union oder andere Gruppen, die sich für das einsetzen, was gerade massiv infrage gestellt wird. Künstler und Musiker versuchen Freiräume und alternative Strukturen zu schaffen.

tip Planen Sie mit Ihrer Band auch Protestveranstaltungen?
Kurt Wagner Wenn wir zurück in Amerika sind, werden wir uns um etwas bemühen. Soviel ist sicher.

tip Was ist Ihres Erachtens die größte Herausforderung für die liberale Gesellschaft in den USA?
Kurt Wagner Man muss beginnen, auf einer lokalen Ebene Leute für die Politik zu gewinnen – ob das nun in der Kommune ist oder im County. Man muss die Leute auf dieser Ebene wieder zusammenbringen. Nur so können sich die Verhältnisse in den Countys und in den Bundesstaaten ändern – und dann irgendwann auch im Senat und im Kongress. Wir müssen die einfachen Leute und ihre Stimmen wieder hören. Wenn sie merken, dass man sie hört, werden sie vielleicht aktiv. Es müssen mehr normale Leute in die Politik. Menschen, die wissen, wie das wirkliche Leben ist.

tip Musikalisch haben Sie ja einiges geändert auf „FLOTUS“. „Alternative Country“ nannte man Ihre Musik vorher immer – das trifft es nicht mehr, oder?
Kurt Wagner Nun, den Begriff fand ich immer unscharf. Aber es stimmt, ich habe unter anderem Voice Processing und Ableton Live für mich entdeckt – ein tolles Tool, um elektronische Musik zu machen. Das habe ich schon bei meinem Projekt HeCTA verwendet, nun auch bei Lambchop. Auch von Musikern wie Kendrick Lamar oder den Shabazz Palaces habe ich mich inspirieren lassen.

tip Abschließend nochmal zur Politik: In Europa werden dieses Jahr auch politisch die Weichen gestellt. Was wollen Sie den Europäern während Ihrer Tour vermitteln?
Kurt Wagner Uns geht es um eine Message von Mitgefühl. In dem Sinne: Wir feiern hier noch zusammen, wir sollten weiter für Zusammenhalt sorgen. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Welt noch nicht untergegangen ist.

Heimathafen Neukölln Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Sa 18.2., 21 Uhr, ausverkauft, Zusatzshow: So 19.2., 21 Uhr, VVK 35 € zzgl. Gebühren

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