Konzerte & Party

Lana Del Rey im Velodrom

Lana Del Rey

Alles fing so harmlos an. Eine weitgehend unbekannte Sängerin namens Lana Del Rey schmachtete in „Video Games“ herzergreifend und kam so völlig verdient zu ihrem ersten Nummer-eins-Hit. Allerdings wusste damals, im Herbst 2011, noch niemand, dass dieser Hit nur der Beginn einer gigantischen Offensive war. Plakatierungen, massive Medienpräsenz und ein Riesen-Hype kündigten die Veröffentlichung des Albums „Born to Die“ an. Plötzlich schien sich alles nur noch um diese eine Person zu drehen. Man hatte das Gefühl, ein neues Wunderweib sei geboren – so lange jedenfalls bis die ersten Fernsehauftritte kamen. In der BBC-Sendung von Jools Holland war Lana unverkennbar nervös, aber ihr Gurren ging unter die Haut und das minimale Line-up mit einem Pianisten und vier Streichern passte zum Song. Während des Auftritts in der amerikanischen Comedy-Show „Saturday Night Live“ gewann man den Eindruck, jemand wolle Lana Del Rey schon zerstören, bevor sie richtig angefangen hatte. Es spielte eine viel zu große Band, das Licht war grässlich, der Sound abscheulich und die Sängerin nicht so in Form, wie sie es hätte sein müssen. Schon wurde aus dem It-Girl eine Generalversagerin. An sich ist das kein ungewöhnlicher Vorgang. Pop-Hysterie hat es schon immer gegeben. Heftige Gegenreaktionen ebenso. Aber die Wucht hat im Zeitalter der elektronischen Medien zugenommen. Jeder Mensch auf dieser Welt kann seinen Mist zum Shitstorm beitragen. Von dieser Möglichkeit wurde in diesem Fall dann auch reichlich Gebrauch gemacht. Die Hasskappe der Leute war zwischenzeitlich so groß, man hätte sie über den Globus stülpen können.
Lana Del ReyEine Mitschuld an den Meinungsschwankungen trifft eine Musikindustrie, der zugkräftige Namen ausgehen. Sie peitscht Novizen heute im Eilverfahren zum Event hoch. Das ist bei Rihanna so, die jährlich ein Album veröffentlicht und ständig auf Tour geht. Das ist auch bei Lady Gaga so. Beide Sängerinnen gehören in die Abteilung Pop-Krawall, zu ihnen passt Zirkus jedweder Art. Mit einer Lana Del Rey muss man aber sensibler umgehen. Sie ist eine Patchwork-Künstlerin, die Elemente aus nahezu allen Jahrzehnten der jüngeren Geschichte verarbeitet. Erste Hinweise entdeckt man im Namen, der sich aus Lana Turner und dem Del-Rey von Ford zusammensetzt. Die Schauspielerin hatte ihre große Zeit in den Vierzigern und Fünfzigern, das Automodell lief in den Achtzigern vom Band. Der Produzent des Albums „Born to Die“ stammt aus der Gegenwart. Emile Haynie ist im HipHop zu Hause und hat viel für Kid Cudi und vereinzelt für Kanye West und Eminem gearbeitet. Lana liebt das. Gelegentlich zeigt sie einen funkelnden Fingerring mit der Aufschrift „bad“. Sie findet, er sähe wie bei einer Nancy Sinatra aus, die auf Gangsterin macht. Das Cover der „Paradise“-Ausgabe von „Born to Die“ wiederum könnte jedem beliebigen Kitsch-Katalog entnommen sein. Lana posiert vor Palmen und einem Swimmingpool und ihr Namenszug erscheint in goldfarbenen Lettern. Noch einmal andere Assoziationen erweckt ihr eigenes Erscheinungsbild. Wegen des wallenden roten Haars und den dicken Lippen könnte man meinen, man habe es mit einer rankeren Schwester von Christina Hendricks zu tun, die man aus „Mad Men“ kennt. In dieser Fernsehserie schwingt die Sehnsucht nach einer Zeit mit, in der alles langsamer ablief, man seinen eigenen Stil pflegte und Korrektheit keine große Rolle spielte. Lana macht sich dieses Grundgefühl zunutze. Wenn man im Radio inmitten von allerlei Alltagsdudelei ihre Songs hört, wird man für ein paar Minuten in eine Oase der Ruhe befördert und schweift man für ein paar Minuten in eine andere Welt ab. Gute Kunst kann das.
Lana Del ReyKritiker werfen der 26-Jährigen besonders oft mangelnde Authentizität vor. Sie spiele mit ihrem Alter Ego eine Rolle wie im Film, sei mithilfe von Schönheitschirurgie und Studiotechnologie aufgedonnert worden und wäre ohne ihren steinreichen Vater sowieso nie zu dieser Chance gekommen. Ein Hohn ist das! Das Rollenspiel ist integraler Bestandteil der Popkultur. David Bowie oder Madonna sind deshalb so lange im Geschäft, weil sie ständig in neue Rollen geschlüpft sind. Viele Frauen achten nun mal besonders auf ihr Äußeres. Und Geld der Eltern ist längst nicht immer Garant für Zufriedenheit. Vater Robert Grant war machtlos, als seine Tochter im Alter von 14 Jahren ein massives Alkoholproblem hatte, das sich erst nach der Unterbringung in einem Internat legte. Diese Zeit hat Lana keineswegs vergessen. In ihren Songs, die sie alleine oder als Teil eines Teams schreibt, hallt die dunkle Vergangenheit jetzt noch nach. Auf ihrem allerersten Album „Lana Del Rey a.k.a. Lizzy Grant“ gibt es einen Song namens „Kill Kill“, in dem es heißt: „I’m in love with a dying man.“ Im „Paradise“-Track „Gods & Monsters“ singt sie: „I was an angel in the garden of evil.“ Immer wieder vermischen sich auf faszinierende Weise Schönheit und Morbidität. Es gibt also gute Gründe, die für eine erfolgreiche Karriere der Lana Del Rey sprechen. Man muss diese Frau nur in Ruhe lassen.

Text: Thomas Weiland

Fotos: Universal Music GmbH

Lana Del Rey, Velodrom, Mo 15.4, 20 Uhr, VKK: 50 Euro

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