Konzerte & Party

„A L\ARME!“-Festival mit Neneh Cherry im Radialsystem

Neneh Cherry und Mats Gustafsson

Das Wort Jazz löst weiß Gott nicht nur positive Assoziationen aus. Zu weit hat er sich zuletzt von der Lebenswirklichkeit seiner Hörer entfernt. Das Berliner Festival „A L’ARME!“ will diese Distanz nun mit verschiedenen Protagonisten von Elektronik über Noise und HipHop bis zur freien Improvisation überwinden, die die Relevanz des zeitgenössischen Jazz auf den Prüfstand stellen. Man könnte dem Spektakel getrost das Motto „Jazz von unten“ verpassen, würden nicht auch veritable Stars für Glanz und Glamour sorgen, unter ihnen Neneh Cherry.
Die Stieftochter des legendären Jazztrompeters Don Cherry hatte schon immer einen ausgeprägten Hang zur Extravaganz. In den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren versetzte sie HipHop mit Avantgarde, Elektronik und Weltmusik. Mit Songs wie „Manchild“ oder „7 Seconds“ landete sie Welthits, aber in den letzten Jahren war immer weniger von ihr zu hören. Umso erstaunlicher ist nun die Rückkehr der einstigen Diva auf ihrem Album „The Cherry Thing“, das auf den ersten Blick wie eine radikale Abkehr von ihrer bisherigen Laufbahn erscheint. Mit der skandinavischen Free-Jazz-Band The Thing, deren große Offenheit für Punk und Alternative schon oft Aufsehen erregt hat, zelebriert sie einen von allen elektronischen Zutaten befreiten Meta-HipHop. „Mir persönlich geht es darum, wie viel Raum wir der Musik, mit der wir aufgewachsen sind, in unserer aktuellen Inspiration einräumen“, erklärt eine fröhliche Neneh Cherry. „Ornette Coleman, Archie Shepp oder mein Vater waren Innovatoren. Sie wussten genau, was sie wollen, fürchteten sich aber nicht, mit allen Erwartungen zu brechen. Sie waren die Pioniere, wir müssen heute den Faden aufnehmen und unsere eigene Stimme finden. Trotz der erwähnten Einflüsse erinnert mich irgendwas in dieser Musik an Punk.“
Neneh CherryNeneh Cherry traut sich was. Baritonsaxofonist Mats Gustafsson unterlegt ihren hörbar reiferen Gesang mit Salven, die nicht selten wie lustvolle Garage-Riffs auf der elektrischen Gitarre anmuten. Drummer Paal Nilssen-Love und Bassist Ingebrigt Hеker Flaten umtanzen die komplexesten Rhythmen, als handele es sich um einen fröhlichen Sommerreigen. Gemeinsam covern sie sich durch eine Reihe von Klassikern aus Free Jazz, Protopunk und HipHop, für die sie einen ganz neuen Kontext schaffen. „All diese Dinge wie HipHop, Bebop, Free Jazz und Punk“, so Cherry, „haben doch ganz enge Verbindungen untereinander, auch wenn ihnen verschiedene Stile übergestülpt wurden. Auf diesen Gemeinsamkeiten bauen wir auf.“
Das Konzept des bittersüßen Kirschdings ist allumfassend, denn es geht eben nicht um oberflächliche Stilverbindungen, sondern um jene innersten Urbedürfnisse, die uns Musik überhaupt erst machen und hören wollen lassen. Nun hatte Neneh Cherry ja schon immer ein Faible für provokante Konstellationen. Wie aber kann sich ihr Fan von einst in dem neuen Programm wiederfinden? Die Frau mit den vielen Gesichtern verweist auf den Beginn ihrer Laufbahn in der Punkband Rip Rig + Panic. „Ich habe mit 16 in dieser Band angefangen und blieb etwa sechs Jahre dort. Dieser Sound ist in gewisser Weise mit dem Cherry Thing verwandt. Ich komme ja von der Live-Seite der Musik. Das hat meine Persönlichkeit geformt. Auf diesem unkonventionellen Platz fühle ich mich nach wie vor zu Hause.“

Text: Wolf Kampmann

Fotos: A L’ARME Festival

A L’ARME! Festival, Radialsystem, 18.–21.7., Mi–Do 19.30 Uhr; Fr–Sa 20 Uhr; Tagestickets: 24 Euro (erm. 16 Euro), Festivaltickets: 65 Euro (erm. 45 Euro), das komplette Programm unter www.radialsystem.de

The Thing & Neneh Cherry + Ken Vandermark + Peter Evans, Mi 18.7., 19.30 Uhr

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