Konzerte & Party

Laurie Anderson in der Universität der Künste

Laurie Andersontip Frau Anderson, mögen Sie Popmusik?
Laurie Anderson Manche schon. Ich stecke die Dinge aber nicht gerne in Kategorien.

tip Ich frage, weil Ihr letzter Ausflug in die Popwelt mehr als 25 Jahre her ist. Seitdem haben Sie in vielen Bereichen gearbeitet, in den Charts ist Ihre Musik aber nicht mehr aufgetaucht.
Anderson Ich habe mich allerdings nie vom Pop wegbewegt, weil ich ja auch nie dort war. Als „Oh Superman“ 1982 ein Hit wurde, war das eher ein Glückstreffer. Es war kein Popsong, es war eine achteinhalbminütige Geschichte, die in England Erfolg hatte, weil dort das Publikum aufgeschlossener ist als etwa in den USA.

tip Das Erzählen von Geschichten und die Überwindung von Genres scheinen im Zentrum Ihrer Arbeit zu stehen.
Anderson Stimmt, das Geschichtenerzählen ist nun mal die älteste Kunstform der Welt. Mein Projekt „Burning Leaves“, mit dem ich dieses Jahr unterwegs bin, ist eine Sammlung von Geschichten. Sie stammen aus verschiedenen Phasen meines Lebens, und ursprünglich entstanden sie auch in unterschiedlichen medialen Zusammenhängen. Einige sind Songs, andere kommen aus literarischen Texten, Filmen oder Theaterstücken.

tip Gibt es einen roten Faden, der diese Geschichten verbindet?
Anderson Es mag nicht sehr spezifisch klingen, aber sie betrachten alle aus verschiedenen Perspektiven die Zeit.

tip Die vier Projekte, aus denen diese Geschichten stammen, sind aber schon spezifisch. In „End Of The Moon“ beschäftigen Sie sich mit Ihren Erfahrungen bei der NASA, „Homeland“ war Ihr Versuch einer Definition dessen, was es bedeutet, Amerikaner zu sein, und „The Speed Of Darkness“ und „Happiness“ sind biografisch geprägt.
Anderson Alle diese Projekte sind im Grunde biografisch, es sind Abenteuergeschichten. Ich wurde tatsächlich von der NASA als Artist in Residence eingeladen, und in „Homeland“ geht es mir darum, wie das Gefühl, aus einem speziellen Land zu stammen, das eigene Leben beeinflusst. Es geht um die Diskrepanz zwischen persönlicher und nationaler Identität.

tip Wie verwandeln sich solche Themen und Ideen zu Ihren Stü­cken?
Anderson Die Bandbreite der Möglichkeiten ist riesig. Ich habe Stü­cke aus diesen Projekten auch schon als reine Lesung präsentiert oder mit traditionellen mongolischen Musikern. Es ist ein riesiger Spaß, sich mit anderen Kunstformen wie Film oder Theater auszutauschen oder elektronische Instrumente und digitale Technik zu verwenden. All diese Sachen können die Geschichte kommentieren, so kann man parallel eine zweite erzählen.

tip Was wird in Berlin passieren?
Anderson Es wird keine multimedialen Elemente geben. Ich bin mit dem Keyboard und der Violine allein auf der Bühne, verwende dafür viele elektronische Geräte, Samples, Filter und Effekte. Technik, die normalerweise eher im Studio benutzt wird und nicht bei einem Konzert.

tip In diesem Jahr ist es Ihr einziges Konzert in Deutschland. Sie arbeiten in Hamburg aber auch noch an einem Projekt mit Lou Reed, der Ihr Lebensgefährte ist. Stört es Sie, über Lou Reed zu sprechen?
Anderson Nein, überhaupt nicht. In Hamburg arbeiten wir an einer gemeinsamen Sache. Das ist sehr lus­tig, denn es klingt weder wie seine Sachen noch wie meine, es wird etwas ganz anderes. Im Moment ist das alles aber noch im Anfangsstadium, wir haben nicht einmal einen Titel dafür. Ich arbeite oft an mehreren Projekten gleichzeitig, gerade etwa an mehreren Theaterstü­cken, die im nächsten Jahr vorgestellt werden.

tip Sie haben schon so viel gemacht, gibt es etwas, was Sie niemals tun würden?
Anderson Broadway! Ich hasse diese sentimentale Ernsthaftigkeit.

Interview: Jacek Slaski

Laurie Anderson, Universität der Künste, Fr 8.5., 20 Uhr, VVK: 40-50 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

Mehr über Cookies erfahren