Konzerte & Party

Legale Dilettanten

Hagen LiebingMeine Punk-Clique hing Ende der Siebziger nach der Schule meistens im Tali-Kino am Kottbusser Damm ab. Auch Blixa Bargeld ließ sich dort oft sehen, er riss zur Not Eintrittskarten ab oder half dem Filmvorführer beim Einlegen der „Rocky Horror Picture Show“. Eines Tages kam Blixa herein, zerschunden. Ein Pizzabäcker von nebenan hatte ihm aufs Maul gehauen. Einfach nur, weil er so merkwürdig aussah. Bald darauf wurde Bargeld nicht zuletzt wegen dieses Aussehens zur Indie-Ikone: ausgezehrter Heroinchic, Fetzenkleidung, Zähne zum Gruseln. Und auch seine Musik war imstande, Schrecken zu verbreiten: Bei meinem ersten Neubauten-Konzert 1980 im SO 36 sah ich ihn eine ungestimmte 2-Saiten-Gitarre schrängeln, dazu hemmungslos ins Mikro brüllend. Die anderen machten auch Lärm.
Ich dachte damals nicht, dass jemand diese Band noch ein weiteres Mal auf die Bühne lassen würde. Dann kamen sogar Platten. Und ein Theaterengagement. Treffen mit der Hochkultur, Erwachsenen, gar alten Regisseuren und Kulturministern – legale Dilettanten. Es folgten Lyrik, Bargelds Schwarze-Witwen-Hut-Phase, die Entdeckung des Hochmuts und ein Gourmet-Outing – alles keine Gründe, mir Neubauten-Platten ins Regal zu stellen. Aber dennoch bin ich heute sehr froh, dass es diese Band bereits 30 Jahre mit­ein­­ander ausgehalten hat. Dass sie sich nicht haben beirren lassen. Nicht von Prügel, nicht von den Maßstäben und auch nicht von der Missachtung anderer, denn nur so wird man einzigartig. Feiert recht schön!

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Foto: Harry Schnitger/tip

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