Konzerte & Party

Leszek Modzder spielt Walter Norris im A-Trane

Walter Norris, Leszek Modzder

Der griesgrämige Schöngeist Walter Norris tat nahezu alles, um sich einen Stein nach dem anderen in den Weg zu wälzen. Ein Leben lang suchte der Perfektionist nach den passenden Scharnieren zwischen Avantgarde und Klassik. Seit 1977 lebte er in Berlin, trat in der Szene jedoch kaum in Erscheinung. Einmal sollte er einen großen Auftritt im Ostberliner Kino Babylon haben, ein ganzes Festival wurde um ihn gebaut. Das Konzert war schon Wochen vorher ausverkauft, und kurz vor dem Anpfiff herrschte Massenandrang. Doch dann verkündeten „Tagesschau“ und „Aktuelle Kamera“ überraschend die Öffnung der Berliner Mauer, und alle, die gekommen waren, verschwanden in Richtung Grenze. Es war der 9. November 1989, und der Pianist zelebrierte seinen großen Auftritt vor vier verbliebenen Gästen. Ein großer Augenblick für die Welt, eine Tragödie für den Künstler. So waren die Geschichten, die Walter Norris schrieb.
Vor gut einem Jahr ist er nun mit fast 80 Jahren gestorben. Nahezu unbemerkt, da ja auch zuvor kaum jemand um ihn wusste. Kurz vor seinem Tod spielte er noch im Berliner Jazzclub A-Trane mit dem gefeierten polnischen Piano-Virtuosen Leszek Modzder das Duo-Album „The Last Set“ ein. Beide Pianisten lieben die große Geste, es ist wie frei improvisierter Tschaikowski. Mit dieser letzten Aufnahme erreicht der notorische Pechvogel wahrscheinlich mehr Hörer als mit irgendeiner Platte zuvor. Nur hat er nichts mehr davon. Typisch Walter Norris. Leszek Modzder lässt es sich anlässlich der Veröffentlichung von „The Last Set“ nun aber nicht nehmen, auf seinem Klavier an den großen amerikanischen Eremiten zu erinnern.

Text: Wolf Kampmann

Leszek Modzder spielt Walter Norris, A-Trane, So 28.10, 22 Uhr

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