Konzerte & Party

Lightning Bolt im Berghain

Lightning Bolt

Man muss dem Progressive-Rock immerhin zugutehalten, dass es ohne ihn auch Punk nicht gegeben hätte. Viel mehr Gutes lässt sich – abgesehen von „In the Court of the Crimson King“, den frühen Yes, den Peter-Gabriel-Genesis und ein paar Van-der-Graaf-Generator-Alben – eigentlich nicht sagen. Ihre exzesshafte Gigantomanie hatte die Rockmusik Ende der 1970er-Jahre in eine Sackgasse bugsiert. Seitdem haftet dem Progressiven der Ruch des Muckermäßigen an: der ästhetische Überschuss als Verrat an der reinen Form.
Eine Möglichkeit, den Exzess mit der reinen Form zu versöhnen, zeigt das amerikanische Lärm-Duo Lightning Bolt auf seinem sechsten Album „Fantasy Empire“. Schlagzeuger Brian Chippendale und Bassist Brian Gibson spielen einen aberwitzig komplexen, durch unzählige Distortion-Effekte gejagten Noise-Rock, der es hinsichtlich Musikalität und Geschwindigkeit locker mit den frühen Slayer aufnehmen kann, statt auf Verfeinerung aber auf kunstvolle Verdichtung und ekstatische Trance-Effekte setzt. Live rotiert Gibsons verzerrter Bass wie eine Abrissbirne über Chippendales manischem Power-Drumming, bis das Publikum, das sich auf Lightning Bolt-Konzerten traditionell um die Band herum versammelt, in eine andere Bewusstseinsebene entschwindet. Mit den Begriffen der Rockmusik lassen sich die brachialen Auftritte der kultisch verehrten Brians nicht erklären, Augenzeugen sprechen von quasireligiösen Erweckungserlebnissen. Nun gibt es zum ersten Mal seit acht Jahren wieder Gelegenheit für eine Epiphanie.

Text: Andreas Busche

Foto: Natalja Kent 2013

Lightning Bolt + Gabriel Saloman, Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, ?Do 2.7., 21 Uhr, VVK: 16 Euro zzgl. Gebühr

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