Pop

Lily Allen spielt im Astra Kulturhaus

Die Fuck- You-Frau: Lily Allen kann Jazz und Grime und Pop-Alben, die auf Platz 1 der Charts steigen. Aber eins kann sie nicht: die Klappe halten, wenn ihr wer doof kommt. Wir haben mal angerufen und gefragt, was da los ist

Niemand, verfickt noch mal, ruft Lily Allen an. Singt sie selbst auf dem 2018er Album „No Shame“. Man wisse ja schon per Social Media, dass sie eine miese Mutter und auch Ehefrau sei. Die britischen Tabloids haben alles ausgeschlachtet, von verdrogten Teenagerjahren bis zum Sex mit Prostituierten auf ihrer „Sheezus“-Tour 2014. Kein Grund, noch mal durchzuklingeln. Wir tun’s trotzdem.
10.30 Uhr morgens in New York, Lily Allen ist gerade aufgestanden. Hat das also mit Social Media zu tun, dass Leute sich nicht mehr so viel anrufen? „Eher damit, ob man wirkliche Freunde hat“, sagt Lily Allen. „Durch Smartphones haben wir viel mehr Infos übereinander zur Hand, aber kann sein, dass uns das einen Dreck schert.“

Lily Allen hat eine Twitter-Gefolgschaft von nahezu sechs Millionen. „Aber ich bin lieber Teil von Gesprächen“, sagt sie, „in denen es wirklich um was geht. Was mit dem Rest der Welt los ist, nicht mit mir selbst.“ Krasse Ansage für eine Frau, die gerade eine Autobiographie auf den Markt gebracht hat, „My Thoughts Exactly“. Aber auch das hat letztlich gesellschaftliche Gründe und Dimensionen. „Im UK gibt es höchstens noch zwei Zeitungen, die politisch links stehen“, sagt Lily Allen. „Alle anderen ­haben ein Problem mit mir. In den letzten fünf Jahren, als Britannien mehr nach rechts ­rückte, kam es mir so vor, als wäre ich die einzige Person im UK-Pop-Biz, die einen politischen Standpunkt hat.“ Das habe sie für die Rechten zur Zielscheibe gemacht. „Mir war es wichtig, in Langform dagegenzuhalten.“

Das Drogenimage wird Allen schwer los, selbst bei Freigeistern: Als Lady Gaga 2009 den Song „So Happy I Could Die“ schrieb, der von substanzbedingter Euphorie erzählt, dachte sie dabei explizit an Lily Allen – hat Gaga selbst getwittert. Allen sagt nun am Telefon, sie denke da lieber nicht mehr drüber nach. „Aber wenn ich mir die Lyrics anschaue, hab ich Probleme damit, mich darin zu erkennen.“

In der Autobiographie nun hatte Lily Allen eigentlich den Namen eines Mannes aus dem Pop-Biz genannt, den sie eines sexuellen Übergriffes beschuldigt. „Als die Druckfahnen vom Verlag zu mir zurückkamen, war der Name ausradiert“, sagt Lily Allen. „Der Verlag bestand darauf, nach Rücksprache mit Anwälten. Mir fehlen die Worte.“ Im Vergleich zu Hollywood gab es in der Pop-Industrie ja weniger Diskussion zu #metoo. „Ich denke, das hat auch damit zu tun“, sagt Lily Allen, „dass Schauspielerinnen bei einem Studio meist nur für einen Film verpflichtet sind, aber Musikerinnen oft gleich für drei oder fünf Alben bei einer Plattenfirma.“ Da ergeben sich andere Abhängigkeitsverhältnisse.

Politisch trat Lily Allen schon 2009 in Erscheinung, mit ihrem Song „Fuck You“, der wie eine Partyhymne klingt, aber auch ein großes „Fuck You“ war und ist an die Homophobie des damaligen US-Präsidenten George W. Bush. „Leute haben damals gesagt, das Lied sei irrelevant, weil Bushs Amtszeit zu Ende ging und Obama kam. Heute muss ich leider sagen: Er passt perfekt auf Donald Trump und Theresa May. Der Song handelt von LGBT-Hassern und Rassisten. Ihrer faulen und durchschaubaren Agenda. Die Geschichte ist leider repetitiv darin, Menschengruppen zu marginalisieren.“

Obwohl Lily Allen in den USA lebt, schreibt sie viel zur Politik ihrer Heimat, Britannien. „Es ist ein Jammer, was gerade im UK passiert“, sagt sie. „Wir schotten uns ab. Mit nationalistischer, fremdenfeindlicher Rhetorik.“ Das beunruhige sie sehr. „ In der Liga, in der Trump, Theresa May und David Cameron spielen, geht es nicht mal um das nationale Wohl, sondern darum, sich selbst die Kassen vollzuscheffeln. Dazu benutzen sie nationalistische Tendenzen. Eine sehr alte Taktik, die sich im Lauf der Geschichte leider als sehr erfolgreich erwiesen hat.“ Wir sehen schon, Trump und Allen werden keine Freunde mehr in diesem Leben.

Was, Frau Allen, ist denn nun das größte Missverständnis, das über Sie im Umlauf ist? „Dass ich auf Streit und Krawall aus wäre“, sagt sie, schluckt. „Dass ich ein Drogenwrack wäre. All diese frauenfeindlichen Lügen korrumpieren meine eigentliche Message.“

Astra Kulturhaus Revaler Str. 99, Friedrichshain, Di 4.12., 20 Uhr, VVK 32 €

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