Konzerte & Party

Little Dragon im Astra Kulturhaus

Little Dragon

Niemand rümpft noch die Nase, wenn behauptet wird, dass es auch über Abba hinaus in Schweden gute Bands gibt. Seit den Achtzigern schöpfen Adepten aus dem Fundus des Rock’n’Roll und ergänzen die Zitate mit nordländischen Nuancen. Inzwischen tut sich auch auf elektronischem Gebiet etwas. Neben dem Fembot-Pop von Robyn denkt man vor allem an die düsteren Electro-Exkursionen aus dem Hause The Knife/Fever Ray, an die warmen Techno-Produktionen von Alex Willner alias The Field oder an die Breakbeat-Bastler um Stockholm Cyclo. Alles international konkurrenzfähige Kaliber. Dasselbe gilt für Little Dragon.
„Bei uns speziell dreht sich alles um HipHop, R&B und Jazz. Das ist in Schweden in dieser Kombination nicht alltäglich. Aber wir wurden deshalb nie schräg angeguckt. Es gibt in unserem Land keine Regeln, wie etwas zu klingen hat. Man ist froh, wenn es Leute gibt, die das Erbe des Pop weiterführen, auf welche Weise auch immer“, sagt Sängerin Yukimi Nagano. Ihre drei Begleiter Erik Bodin (Schlagzeug), Fredrik Källgren Wallin (Bass) und Hеkan Wirenstrand (Keyboards) kennt sie noch aus ihrer Schulzeit. Die Vertrautheit untereinander sorgt dafür, dass Little Dragon nicht mit typischen Band-Problemen zu kämpfen haben. Egotrips, Karrieredenken oder übertriebene Inszenierungen hat es bei ihnen nie gegeben. „Vor etwa 15 Jahren haben wir den Beschluss gefasst, gemeinsam Musik zu machen. Es war zunächst ein lockerer Zusammenschluss, denn damals waren wir noch Teenager, und die haben bekanntlich alle möglichen Flausen im Kopf. Viele Jamsessions im Studio und vereinzelte Auftritte – das war’s“, erinnert sich Nagano, die auch der Grund dafür ist, warum die Band Little Dragon heißt. Manchmal fährt sie richtig aus der Haut und wird sie im übertragenen Sinne zum Drachen. Das scheint sich aber inzwischen gebessert zu haben. Der tip erwischte sie telefonisch während einer Pause zu Aufnahmen für die amerikanische Kindersendung „Yo Gabba Gabba!“. Über verschreckte Minderjährige oder Studioteams ist nichts bekannt, der Drachen blieb friedlich.   
Little DragonEine voll funktionsfähige Band sind Little Dragon seit 2007. Damals erschien das nach ihnen benannte Debütalbum. Seitdem folgten zwei weitere. „Ritual Union“, das jüngste davon, gibt Anlass zur Vermutung, dass es für die Band nun richtig losgehen könnte. Eigentlich, und das ist das Paradoxe, sind Little Dragon aber schon dick im Geschäft, nur in anderer Rolle. Eigene Aktivitäten der Band stehen stets im Schatten der vielen Fremdengagements, die wesentlich mehr Beachtung finden. ­Little Dragon sind Gastarbeiter mit dickem Auftragsbuch. Anfänglich griffen ausschließlich einheimische Künstler auf die Dienste der Göteborger zurück, darunter die Nu-Jazz-Formation Koop und der Folksänger Josй Gonzбlez. Jetzt zählen DJ Shadow, Dave Sitek und ein gewisser Damon Albarn zu den Bewunderern. Letzterer hat mit Little Dragon nicht nur zwei Stücke für das Gorillaz-Album „Plastic Beach“ produziert, sondern die Band auch gleich mit auf Welttournee genommen. „Wir waren es gewohnt, in kleinen Clubs zu spielen. Und plötzlich stehen wir auf diesen Riesenbühnen in aller Welt und sind Teil einer Reisegruppe von über 80 Leuten, zu denen Mick Jones und Paul Simonon von The Clash, Bobby Womack und die Jungs von De La Soul gehören. Da fühlt man sich so, als bekomme man als Fahrer einer klapprigen Kiste mal die Gelegenheit, einen dicken neuen Sportwagen auszutesten. Es war großartig, na klar, aber auch ganz schön bizarr.“ Nagano gibt zu, dass sie die geringe Aufmerksamkeit, die man der eigenen Musik von ­Little Dragon entgegenbringt, schon auch als frustrierend empfindet. Andererseits weiß sie aber auch um das Doppelleben, das man als Musiker gerade im HipHop oder R&B oft führt. „In diesen Genres sind Gastauftritte üblich. Ohne sie würde ihnen etwas fehlen. Und am Ende ist es immer eine aufregende Sache, wenn Leute wie Damon oder Dave anfragen. Das gibt uns die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“
Von „Ritual Union“ lässt sich das auf jeden Fall behaupten. Der minimale Electro-Soul des Quartetts wirkt jetzt eine Spur selbstbewusster, aber auch weiterhin kauzig. Geradliniges für Clubs haben Little Dragon genauso im Programm wie schräge New-Wave-Ableger im Devo-Stil, Dubstep-Flirts oder Tracks, in denen die asiatische Herkunft Naganos stärker durchtönt. Little Dragon sind weiterhin bemüht, das Offensichtliche zu vermeiden und in ihrer Nische zu wachsen. Sie bleiben ihrer Heimat treu, obwohl sie nach eigener Aussage in Schweden kaum auftreten, nicht annähernd so oft jedenfalls wie in den USA. Sie machen auch keine Anstalten, sich vom kleinen englischen Dance-Label Peacefrog zu verabschieden. Vielleicht ist es ja das, was schwedische Bands am Ende besonders macht: die Fähigkeit, sich von dem ganzen Wahnsinn nicht den Kopf verdrehen zu lassen und stur bodenständig zu bleiben.

Text: Thomas Weiland

Little Dragon, Astra Kulturhaus, Fr 09.12., 20 Uhr

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