Konzerte & Party

Das war das Greenville-Festival 2013

Greenville 2013

Drei Tage von Freitag bis Sonntag heißt es in Paaren im Glien vor den Toren Berlins zum zweiten Mal: Greenville-Festival! Das „grüne Festival“ vor den Toren Berlins wartete mit allerlei Top-Acts von Nick Cave & The Bad Seeds, dem Wu Tang Clan, der Bloodhound Gang bis hin zu Westbam oder den Kaiser Chiefs auf. Wir waren die gesamte drei Tage vor Ort. Wer es nicht ins Grüne geschafft hat, kann hier nachlesen, wer sich während des Festivals zum wirklichen Highlight mauserte. In unserer Bildergalerie (unten auf der Seite) gibt es viele Fotos vom Festivalgelände und den Bands.

TAG EINS

Der erste Eindruck ist auch schon vielversprechend. Die Organisatoren waren so klug, ja weise, das Gelände mit Rasenspengern und großen Pools zu versehen. Die angesagten 38 Grad in den kommenden Tagen sollten so gut überstanden werden. Und dass die Festivalbesucher nicht nur wegen des Wetters ins Schwitzen kommen (werden), hat gerade Thees Uhlmann mit einem mitreissendem Set auf der Mainstage bewiesen.

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Es scheint zur Tradition zur werden: Das Greenville lädt Bands ein, die man wohl auf keinem anderen „anspruchsvollen“ Festival sehen würde. Im letzten Jahr kamen Scooter, in diesem Jahr ist es die Bloodhound Gang. Bloodhound Gang? Da gabs doch mal was. Fäkalhumor. Drei-Akkord-Struktur. Saufgelage. Porno. Viel geändert haben Jimmy Pop, Evil Jared und Co. nicht. Nicht mal ein neuer Song hat es ins Set geschafft. Und trotzdem macht das, was dort auf der Bühne passiert auf dumpfe Weise Spaß. Die Herren sauen nicht mehr so rum, sind ja auch älter geworden. Sichtlich. Einige haben proppere Schwarten angesetzt, mit Ausnahme von Bassist Jared Evil, der tatsächlich seinen Penis NICHT präsentiert. Auch hier erinnern wir uns – das war mal Standard. Diesmal ist sein Penis zwar bedeckt, nackig ist der Bassist am Ende dennoch. Aus der Adoleszenz werden sie es wohl nicht mehr schaffen. Scooter ist heute der erklärte Lieblingsfeind. Fuck. Ficken, ja, das gehört auch dazu. Und die erste Reihe bekommt ein beschwingtes „Ihr seht aus wie ein Pettingzoo“ zugeworfen. Jägermeisterfans sind sie. Ihre Instrumente beherrschen sie immer noch nicht. Aber das war auch noch nie anders.

Mindestens ebenso lange im Geschäft, aber wesentlich lauter sind Atari Teenage Riot. Und laut sind die Berliner immer noch – wie eh und je. Alec Empire und Co. schreien ihre Frust raus und unterlegen das Ganze mit harten, schnellen elektronischen Beats. Was in den Anfangstagen ihrer Agitationen jedoch auch musikalisch noch ungewohnt klang, ist inzwischen von der Zeit eingeholt worden. Das macht die Sache nicht schlecht – außergewöhnlich ist es heute jedoch auch nicht mehr.

Den Auftritt hatten sich Mike Skinner (Ex The Streets) und Rob Harvey (The Music) wohl etwas ander vorgestellt. Reduziert auf Gesang, Gitarre und Keybords/Laptop wird ihr Set von Beginn an von kleineren Unterbrechungen begleitet. Mal ist der Sound nicht stimmig. Es knarzt und knackt. Ein andermal ist das Mikro gänzlich aus, weshalb letztlich keine rechte Stimmung aufkommen mag. D.O.T., wie sich Skinners und Harveys aktuelles Projekt nennt, ist live dennoch spannend und erschöpft sich in seiner zwanglosen Ausrichtung nicht nur im Easy Listening. Knapp hundert Zuschauer sind, egal in welcher technischen Perfektion so ein Konzert abläuft, dennoch eindeutig zu wenig. Um so besser haben sich Skinner und Harvey trotz aller Widrigkeiten geschlagen.

Zum heimlichen Gewinner des ersten Abends wurden zu später Stunde dann La Brass Banda, die fast in Blasorchesterstärke auf die Bühne traten. Mit ihrer Mischung aus Brass, Gypsy, Ska und Funk mischten die Bayern das schwitzende Publikum noch einmal richtig auf. Wer bei dem atemberaubenden Tempo, das da vorgelegt wurde, still stehen konnte und nicht mindestens mit dem Fuß wippte, dem ist nicht mehr zu helfen. Passender kann Festivalmusik bei heißem Wetter nicht sein.

TAG ZWEI

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Man leidet schon ein wenig unter der Hitze. 37 Grad. Die Sonne brennt unerbittlich, auch wenn es sich am Nachmittag etwas zu zieht. Allerdings sind wir keine Wetterfrösche. Darum beschweren wir uns nicht über dieses formidable Wetter. Trotzdem kommt man nicht umhin festzustellen: Bands wie Besucher leiden – zumindest etwas. Zeitlupeneffekt. Dementsprechend langsam kommt der Tag in Schwung. Mit der norwegischen Folklore-Formation Katzenjammer dann aber so richtig. Den größten Respekt, das mal vorweg, hat Sängerin Marianne Sveen verdient, die mit prächtigem Babybauch auf der Bühne steht. Sie wirbelt, jubelt, tanzt und grölt, als wäre sie, wir schätzen mal achter Monat, nicht froher Hoffnung. Sie und der Rest ihrer Bandkolleginnen sind echte Multitalente an den Instrumenten und wechseln ständig die Plätze, von den Drums zur Gitarre zur Balalaika, zum Banjo und wieder zurück. Nach einer Stunde war das zu großen Teilen fröhlich tanzende Publikum gut durchgeschwitzt, aber die eine Stunde schien trotzdem irgendwie zu kurz.

Vergeblich mühten sich zur selben Zeit Die letzte Instanz, die ihre Zuschauer vor der Greenville Stage einzeln per Handschlag hätten begrüßen können. Sommerliche Temperaturen und heller Sonnenschein: Da kommt von der Düsternis der Mittelalterrocker wenig rüber. Routiniert brachten danach Jupiter Jones ihr – vorwiegend junges – Publikum zum Mitgröhlen. Punkige Indie-Rock-Hymnen in der Dämmerung – für die Jungs aus der Eifel war es ein leichtes Spiel.

wu tang clac_c_martin dassinniesHöhepunkt des Abends sollte dann der Wu Tang Clan werden. Während am warmen Nachthimmel effektvoll die Blitze zuckten, mussten die New Yorker zunächst mit massiven Tonproblemen kämpfen. So dauerte es ein paar Songs, ehe der Funken schließlich übersprang und RZA und Co. ihr ganz eigenes Beat-Gewitter wüten ließen. Da machte es dann auch nichts mehr, dass das Wetter seinen Sturm am Festival-Gelände vorbeiziehen ließ. New Yorker-Hip-Hop funktioniert also auch in Paaren. Soviel zur Erkenntnis. Dass die Band sichtlich Spaß am Festival im Grünen hatte, zeigte sich überdies an der Menge an Leuten, bis zu zehn, die dort auf der Bühne herumsprangen. Zugegeben – manchmal auch standen. Daraus ergibt sich dennoch eine zweite Erkenntnis des Abends. Der Wu Tang Clan ist ganz eindeutig das demokratische Axiom in der Hip-Hop-Welt: Jede hat seinen Part, jeder darf mal singen und jeder hat seinen ganz eigenen Auftritt. Denn bis die Bühne einmal voll war, hat es geschlagene 30 Minuten gedauert.

Kopfnickend ging es nach dem Konzertende in die Nacht und wer zu später Stunde noch Reserven hatte, ließ noch einmal den ganzen Körper zucken. Tobias Jundt öffnete seinen Punk-Zirkus Bonaparte und kaum waren die ersten Töne gespielt, wusste man sofort, warum die Band auf keinen Fall früher hätte spielen können: In ihren gewohnt wahnwitzigen Kostümen wären die Beteiligten sonst wahrscheinlich allesamt mit Hitzschlag zusammengeklappt – allen voran der Frontmann, der als eine Art Waldschrat die Bühne betrat.

TAG DREI

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Hitze. Hitze. Hitze. Sophie Hunger bringt es bei ihrem Auftritt auf der Mainstage gegen 16. 30 Uhr auf den Punkt: „Ich bin froh, dass ihr hier seid und nicht tot in euren Zelten liegt.“ Das Publikum dankt ihr diese Lakonie. So wenige sind nämlich gar nicht gekommen, wenn auch die meisten sich ihr Konzert nicht aus der Nähe anschauen. Gern unterm Rasensprenger. Noch viel lieber aus der Distanz im Schattenbereich. Randnotiz: Es tun sich bei diesem Wetter die tollsten Kopfbedeckungen auf. Mützen und Caps in tropfnasser Form. Feuchte Handtücher. T-Shirts zum Auswringen. Alles auf dem Kopf. Und sogar Mülltüten versehen ihren Dienst. Dass auch die Künstler in der Umformung bewandert sind, beweisen Efterklang. Vor ihrem Auftritt zieren Birkenstocks ihre Füße. Den Kopf der Keyboarderin ziert ein elegant zum Turm gewickeltes Handtuch. Aber das wirklich nur am Rande. Gut gewappnet scheinen die Dänen sowieso, ihren hitzigen Auftritt in der Halle meistern sie mit Bravour. Tocotronic verfallen sogar in Bewunderungsstürme. Das Durchhaltevermögen, betont Dirk von Lowtzow immer wieder, dieser Greenville-Besucher ist herausragend. Na dann.

Am frühen Abend entern die Kaiser Chiefs die Bühne und auch, wenn die großen Hits wie „Ruby“, „I Predict A Riot“ oder „Modern Way“ inzwischen einige Jahre auf dem Buckel haben, sorgt das Quintett mit seinem Indiepop für beste Stimmung. Die Temperaturen werden langsam wieder erträglich und so holt das Publikum nach drei Tagen Festival noch einmal alles aus sich raus – und das obwohl Chiefs-Frontmann Ricky Wilson zu Beginn der Show stimmliche Probleme offenbart und ein paar schiefe Töne raushaut. Highlight der Show: Wilson dreht am Ende eine ausgiebige Ehrenrunde durchs Publikum. Er ist damit beim Greenville in diesem Jahr der erste seiner Zunft. Zumindest auf der Hauptbühne. Maximilian Hecker, der die „Ehre“ hatte, den Tag zu beginnen, lud die wenigen Besucher, die sich zur Mittagszeit zu seinem Auftritt begeben hatten, ein, ihn doch mal anzufassen. So nah kommt man ihm ja sonst nicht. Gut geschlagen hat sich der Sympath damit allemal.

Neues gibt es derweil auch von der Hutfront: Erlend Hjelvik, Frontmann der norwegischen Metal-Band Kvelertak, gibt sich mit einem müden Basecap nicht zufrieden. Hjelvik nimmt gleich eine ganze Eule (wie man unserer Fotogalerie weiter unten entnehmen kann.) In der Halle, der dritten Stage des Festivals, ist es immer noch verflucht heiß. Er nimmt sie wohl auch deshalb schon nach dem ersten Song ab. So ein Federkleid schützt eben vor Hitze nicht. Zudem grunzen Eulen üblicherweise ja nicht und Hjelvik kann das ausgenommen gut.

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Ein Festival sollte immer mit einem großen Tusch enden. Das tat es auch – und das in doppelter Form. Während der Mädchenchor Scala aus dem belgischen Aarschot die Stimmung nach dem Kaiser Chiefs-Konzert angenehm runterkühlte und auf die lauen Abendstunden einstimmte, und zudem bewies, wie gut einigen Popsongs ein chorales, musikalisch reduziertes Gewand steht, bereitete der Himmel wortwörtlich ein Donnerwetter vor: Auftritt Nick Cave and the Bad Seeds. Mit pastoralem und gewohnt übergroßem Gestus bot der mit seiner Band ein gelungenes Best of, bei dem sich frühe Hits wie „The Weeping Song“ mit neuen, etwa dem elegischen „Mermaids“, abwechselten. Je mehr sich Cave auf der Bühne in seine Predigten sang, je dräunender kündete der Horizont vom nahenden Unwetter. Drei Tage blendender Sonnenschein – und nun steht Nick Cave vor bedrohlicher anwachsender Kulisse. „Push the Sky Away“ heisst sein letztes Album – in Paaren, so scheint es, nimmt Cave diesen Titel geradezu wörtlich. Besser hätte der letzte Abend des Festivals nicht untermalt sein können.

Text/Foto: Martin Zeising, Martin Daßinnies

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