Konzerte & Party

Lüül & Band: Wanderjahre

Lüül & Band: WanderjahreNeben dieser schönen „West-Berlin“-Reminiszenz, die anlässlich des Mauerfall-Jubiläums im letzten Jahr entstand und die das Album eröffnet, erleben wir hier den Berliner Lutz „Lüül“ Ulbrich in seinem ganz eigenen, klingenden Museum, das die verschiedensten Inkarnationen des ewig jugendlichen, einstigen Szene-Flaneurs abbildet, der zunächst im Berlin der Sechziger an Kraut-Elektronica (Agitation Free, Ash Ra Tempel) bastelte, sich dann mit Nico in New York düsterer Depressiva hingab („Das Lied vom einsamen Mädchen“), zurück in Berlin mit der NDW flirtete („Morgens in der U-Bahn“) und schließlich seine folkloristische Heimat bei den 17 Hippies („Mennoniten-Mädel“) fand.
All dies hat Lüül hier mit seinem live-erfahrenen Quartett auf einen kompakten Folk-Nenner gebracht, alte wie neue Lieder zurückgenommen zu Gitarre, Akkordeon, Ukulele, Bass und Klavier arrangiert, zum Glück sehr weit weg von der hyperaktiven Kultur-Karnevalsbeschallung, wie sie in Berlin gerade während der Sommermonate modern ist.
Vielmehr erlaubt er sich bei diesen 14 Songs auch reichlich Melancholie und Traurigkeit, zitiert die nicht eben zwanghaft aufgekratzten Herren William Somerset Maugham, Erich Kästner und Werner Richard Heymann. Seiner über die vielen Jahre angenehm angerauten Stimme steht das sehr gut. Manchmal klingt die, als würde Rio Reiser singen. Und so wie Reiser ist auch Lüül selbst längst nicht mehr nur Chronist, sondern auch ein guter Teil der Stadtgeschichte geworden.
Wen dieses sentimentale Berlin-Album nicht zumindest ein klein wenig anrührt, der muss wohl ein Zugezogener sein.

Text: Hagen Liebing

Lüül & Band, Wanderjahre (M.I.G./SPV)

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