Konzerte & Party

Lydia Lunch in der Volksbühne

Lydia Lunch

Auf New York ist Lydia Lunch nicht gut zu sprechen. Eine Stadt, die ihr kreatives Herz verkauft und Spekulanten das Feld überlassen hat, kann die Underground-Ikone und Kapitalismuskritikerin naturgemäß nicht mögen. Zu bunt wurde ihr die Überteuerung vor ein paar Jahren, wie so oft packte Lunch die Koffer – diesmal Richtung Barcelona. Leuten, die wissen wollen, was in ihrer Herzensheimat falsch läuft, empfiehlt sie Anti-Gentrifizierungslektüre wie „Dead Cities“ von Mike Davis. Vor einer Weile hat sich die geliebt-gehasste Metropole dann doch mal wieder fast so angefühlt wie zu goldenen Zeiten, als Lunch zur Antiheldin der Lower Eastside aufstieg. Im Sommer 2008 war das, als Sonic Youths Thurston Moore ein Buch über die „No Wave“-Szene New Yorks herausgab und zu diesem Anlass eine der Schlüsselbands der schnell verglühten Ära Ende der Siebziger zur Live-Reunion ermunterte: Teenage Jesus and The Jerks, Lunchs erste Band, in der die damals nicht mal Volljährige ihre gesammelte Wut nach peinvoller, von Missbrauch gezeichneter Provinzkindheit ins Mikro kotzte und dazu die E-Gitarre malträtierte. Das Comeback in der Knitting Factory vor zwei Jahren genoss Lunch dann im Kreise Eingeweihter: eine kleine Genugtuung für die No-Wave-Frontfrau, dem Rollenmodell der Riot Girl-Bewegung, die selbst stets unter dem Radar von Mainstream und US-Musikpresse segelte. „Die Wahrheit ist nicht populär“, sagt Lunch, die ihre Arbeit als Sängerin, Filmdarstellerin, Autorin oder Spoken-Word-Poetin als „öffentliche Psychotherapie“ beschreibt. Um Sex und Begehren kreisen ihre Themen, um die Gewaltmechanismen dahinter. „My target is always the politicians, the fathers, the fore-fathers, the fuckers, the corporate soldiers“, sagte sie einmal. Dabei sieht sich Lunch keineswegs als leidensfixierte Hohepriesterin, auch nicht als Feministin, sondern schlicht als Humanistin: „Das Perverse über mich ist, dass ich über unglaublichen Optimismus verfüge und Hoffnung“, sagte sie dem Online-Magazin Popmatters anlässlich der Teenage Jesus-Reunion. Ihr jüngstes Projekt klingt nun eher wie die Gegenthese zu den kurz abgefackelten Gitarren und kaltschnäuzigen Vokalattacken von Teenage Jesus. Für „Twist Of Fate“ mit dem Experimental-Elektroniker und DJ Philippe Petit aus Marseille tauscht Lunch die schreienden Verbalangriffe gegen gesprochenen Text ein, kurze Stücke gegen lodernde Stimmungsstücke, E-Gitarre gegen Elek­tronika. Die schwarze Prophetie aus dem Textbuch untermalt Petit mit einer klaustrophobischen Partitur aus Großstadtgeräuschen und Noise-Splittern: „Psycho-Ambiente“, nennt Lunch ihre Suite über die Vergiftung von Privatem und Politischem, über Lust, Gewalt und die Selbsterfahrung am Abgrund. „The more they kill the more I fuck“, rotzt Lunch heraus oder: „The American Way Of Life has turned me into a death defying murder junkie.“ – Variationen einer lebenslangen Absage an die westliche Gesellschaft, vorgetragen von einer Frau mit ziemlich spezieller Lesart von Zuversicht: „I’m completely optimistic“, behauptet Lunch spitz, „I know the end is coming!“

Text: Ulrike Rechel

Lydia Lunch & Philippe Petit, Volksbühne, Fr 7.1., 21 Uhr, VVK: ab 22,42 Euro

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