Konzerte & Party

Madonna war in der O2-World

Madonna in der O2 World

„In Bed With Madonna“ – das war einmal. Mittlerweile heißt die sportliche Disziplin „Desperately waiting for Madonna“: Geschlagene zwei Stunden lässt die Sängerin ihr Publikum vor einem großen Vorhang welken, während DJ Martin Solveig gehobene Ballermann-Tunes abfeuert und alle außerhalb der Halle die erste Halbzeit des EM-Halbfinales zwischen Deutschland und Italien sehen. Als Miss Ciccone sich dann endlich bequemt, das Publikum aus seinem frühabendlichen Gedöse zu erlösen, hat Balotelli Manuel Neuer bereits zwei Dinger eingeschenkt.   
Zu Glockengeläut und Mönchsgemurmel schwingt ein großer Weihrauchtrog dampfend über dem Publikum. Nein, Gregorian kommen erst 2013 in die O2 World – hier verweist Madonna dezent auf die religiösen Konnotationen in  ihrem Leben und Werk. Um Moral und Sünde soll es an diesem Abend gehen. Guter Stoff für ein Musical, müssen sich die Showmacher gedacht haben, denn hier erlebt man eigentlich gar kein Konzert, eher ein grellbuntes Tanz-, Turn- und Singspiel, nicht unähnlich der Stuntshow im Filmpark Babelsberg oder dem Cirque de Soleil mit seinen Gummimännern an Gummiseilen. Kaum eine Minute, wo nicht eingeölte, kettenbehangene, mit Gasmasken ausstaffierte oder im Sniper-Look gewandete Tanzhanseln um die Chefin herumhechten, sie heben und senken, werfen und schleifen und auch als Pausenclowns agieren, wenn sich Madonna mal wieder umdekorieren muss. Nicht einmal bei intimen Balladen wird man diese Posse los, sie sitzen dann Anteilnahme demonstrierend zu Füßen der  Diva – so wie in den Heile-Welt-Teenager-Komödien der frühen Sechziger. Nur – jungen Menschen sollte man den Besuch einer solchen Performance gar nicht gestatten. Ehe Madonna bei „Gang Bang“ ihrem Lover den viel umjubelten (!) Kopfschuss verpasst, hechtet sie zu „Revolver“ an der Spitze eines mit Sturmgewehren ausgestatteten Amazonenquartetts über den Laufsteg und macht die rund 300 Zuschauer, die sich freiwillig im Mosh Pit drängen, zu Zielscheiben. Verzeihung, Madam, ich möchte nicht, dass jemand von der Bühne aus mit einer Waffe auf mich zielt. Und auch nicht auf andere Teilnehmer im Publikum. Da ist Madonna dann mindestens so blöde wie Bushido. Und es ist auch kein wirklich emanzipatorischer und hoffnungsbringender Akt, wenn Frauen die moralischen Verwerfungen der Männerwelt stumpf reproduzieren. Was, nach der Musik fragen Sie? Mal davon abgesehen, dass an diesem Abend alles viel zu laut und in den Höhen übersteuert klang, schien man auch noch einen Soundspezialisten zu beschäftigen, der dem Action–Theater eine krachende Effektkulisse wie in bumsfidelen Bud-Spencer-Filmen verpasste. Da kann nicht einmal mehr die Hiobsbotschaft vom 1:2-Endstand richtig schocken. Man ist ja längst mürbe geballert. Tröstlich allenfalls, dass Madonna heute auf das aus ihrer Jugend bekannte Shirt mit dem Aufdruck „Italians do it better“ verzichtet. Das wissen wir nämlich von ganz alleine.

Text: Hagen Liebing

Foto: POP-EYE / Kriemann

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