Konzerte & Party

Magnetic Fields in der Passionskirche

Stephin Merritt

Los Angeles ist nicht nur die Metropole der Schönen und Begehrten. Die Glamour-City am Pazifik ist auch Sammelort für einige der exzentrischsten Köpfe im Songschreiber-Metier: Eels-Kopf Mark Oliver Everett etwa lebt hier, Beck, und vor ein paar Jahren zog auch Stephin Merritt von The Magnetic Fields in die Stadt. Hollywood ist damit um ein Exemplar des Typus genialischer Kauz reicher. Einen, der für seine Platten am liebsten kuriose Spielregeln erfindet: beispielsweise nur Songs zu versammeln, die mit dem Buchstaben „i“ beginnen, ein Album ganz unter das Zeichen des Gitarren-Verzerrpedals zu stellen, ein anderes mit Folk-Instrumenten aufzunehmen. Als Opus magnum gilt schließlich „69 Lovesongs“ von 1999: ein Dreifach-Album mit eben dieser Anzahl Liebeslieder.
In L.A. bekommt man den Mann mit dem brummeligen Bassbariton allerdings nur selten zu Gesicht. Wenn schon, dann meist in Begleitung eines Schoßhündchens namens Irving. Am wohlsten fühlt sich Merritt in seinem Apartment. Mehr Großstudio als gewöhnliche Wohn-Umgebung, ist es die Schaltzentrale für die Magnetic Fields und all die Projekte, in denen der Workaholic sonst noch involviert ist: Nebenbands wie The Gothic Archies, The 6ths oder Future Bible Heroes; außerdem schreibt der 46-Jährige Filmmusik – den Soundtrack für „Pieces Of April“ von 2003 etwa. Seit einer Weile tut er sich auch als Musical-Komponist hervor.
Derzeit stehen aber die Magnetic Fields klar im Mittelpunkt, die Merritt Ende der Achtziger um Stamm-Mitspieler wie Sängerin ­Claudia Gonson gründete. Unlängst erschien das Album „Love At The Bottom Of The Sea“ – eine ungemein popfreudige Kollektion vieler kurzer Songs, bei denen schwarzhumorige, oft frivole Texte in Verbindung mit obskuren Synthie-Klängen daherkommen. Zum Synthesizer pflegt der Instrumentensammler eine besondere Beziehung. Auf früheren Werken prägte er oft den Ton. Zuletzt aber mied der Songwriter das Instrument. Nach drei Platten ohne Synthies – der „No-Synths-Trilogy“ – folgt nun also das große Comeback.
Im Interview im Berliner Büro seiner Plattenfirma beschreibt Merritt, was es mit der Hassliebe auf sich hat. „Es ist schon eine Liebesbeziehung. Aber so war es nicht immer“, erzählt er. „In den Nullerjahren wollte ich weg davon, Synthesizer auf Platten zu verwenden. Ich hatte angefangen, mich mit den existierenden Tönen, die es gab, zu langweilen. Es passierte auf dem Feld einfach nichts mehr Spannendes. Mittlerweile ist die Situation aber ganz anders. Es gibt viel Neues, und bei mir ist der Spaß zurückgekommen, damit herumzuspielen.“ Das Interesse gilt analogen Geräten, die Merritt leidenschaftlich sammelt und regelrecht studiert. Auf seine Besitztümer in Sachen rarer Synthesizer ist der Sohn eines Folksänger-Paares spürbar stolz. Dann lässt er auch gern mal die Information fallen, dass sich bestimmte Exemplare nur in zwei Musiker-Haushalten in L.A. fänden: in seinem und dem von Nine-Inch-Nails-Chef Trent Reznor.

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Foto: Gail O’Hara

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