Konzerte & Party

Maike Rosa Vogel: „Fünf Minuten“

Maike Rosa Vogel

Es ist Montagmittag, als Maike Rosa Vogel im Cafй am Volkspark Friedrichshain erscheint. Draußen brummt der Stadtverkehr, die Kellner laufen emsig herum. Die Sängerin sucht sich ein Plätzchen im Halbschatten. „Montag ist für mich entspannt“, erzählt sie, „Dafür kommt an den Wochenenden oft alles auf einmal. Für ihren Freund, einen irischen Musiker, sind die Wochenendnächte wichtige Arbeitszeiten. Wenn dann auch Vogel selbst zu tun hat, etwa auf der Bühne des Gorki-Theaters singt, braucht es schon etwas Erfindungsgeist, was die Betreuung der gemeinsamen kleinen Tochter angeht.
Dass die 34-Jährige einen etwas anderen Lebensrhythmus als die meisten hat, daran hat sie sich gewöhnt. Als junge Mutter mal eben von der Theaterprobe nach Dresden zu fahren, um vor 3?000 Leuten ein Konzert von Element Of Crime zu eröffnen, ist für viele ihrer Freundinnen exotisch. „Aber ich kenne mittlerweile immer mehr Menschen, die das kennen“, sagt sie. Theaterleute wie Milan Peschel etwa, bei dessen Inszenierung „Der Kleine Bruder“ nach Sven Regener sie zurzeit auf der Bühne musiziert; oder Regener selbst, seit langem so was wie ein Mentor der Sängerin mit der feinen Stimme und den schonungslos persönlichen Texten. Ihre jüngsten beiden Alben, darunter das neue „Fünf Minuten“, hat Regener produziert und mit seinem Trompetenspiel veredelt.
Mit ihrer mädchenhaften Stimme, Singsang-Melodien und gelegentlich so schlichten wie ergreifenden Refrains а la „Ich bin ein Hippie“ erntet Vogel nicht nur Zuspruch. „Es gibt auch viele, die es ganz furchtbar finden“, erzählt sie und kichert. „Ich glaube, es ist dieses Ungebrochene, dass vieles nicht auf intellektuelle Weise verarbeitet wird. Es ist schon sehr direkt.“ Auf dem neuen Album singt sie Zeilen wie: „An einem Abend im Juni hab ich mir die Formel für den Weltfrieden notiert.“ Oder: „Wenn andere so richtig wütend sind, dann halte ich genauso wütend noch die andere Wange hin.“
Dass ihre Musik offenbar entweder Liebe oder Hass hervorruft, kennt die Songwriterin schon aus Grundschultagen. „Ich war schon als Kind ’ne Rampensau, die von den Lehrern nach vorn gedrängt wurde, um Gedichte aufzusagen“, erinnert sie sich, „damals gab es auch immer ein paar Erwachsene, die dachten: ‚Das ist ja ein furchtbares Kind.'“
Ihre Unerschrockenheit hat sich Vogel bewahrt, doch äußert sie sich nie offensiv, sondern sympathisch verschmitzt. Als Songschreiberin fällt zudem ihr Gespür auf, wichtige gesellschaftliche Themen aufzugreifen. „So Leute wie ich“ etwa ist eine beklemmend genaue Erzählung aus der Perspektive einer Hartz-IV-Empfängerin. Für andere Bands, etwa ihre Jugendidole Tocotronic, ist tagesaktuelle Politik tabu. „Hartz IV“ aber, da ist sich Vogel sicher, sei längst zeitlos. Nun hat der Inbegriff sozialer Stigmatisierung erstmals eine Antihymne.
Rosa Vogel heißt sie übrigens wirklich. Ihren Zweitnamen gaben ihr die Eltern nach Rosa Luxemburg – der Vater war lange engagiert im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Die Widerständlerin, die einst die „Freiheit des anderen“ einforderte, ist keine üble Namenspatronin für eine wie Vogel. Vor einen bestimmten politischen Karren aber lässt sie sich nicht spannen. „Viel politischer als eine bestimmte Partei zu wählen ist es, wie man mit Leuten umgeht und wie man sich in der Welt fühlt“, sagt sie. Sie trennt beide Sphären nicht. Und kommt damit zu einem erstaunlich eigenständigen Tonfall im deutschen Pop.

Text: Ulrike Rechel

Maike Rosa Vogel, CD „Fünf Minuten“ (Our Choice / Rough Trade)

Record Release Party
Maxim Gorki Theater, Mi 6.6., 19 Uhr, nur geladene Gäste

Instore Gig
Dussmann, Friedrichstraße 90, Do 7.6., 19 Uhr, Eintritt frei

Auf der Theaterbühne
„Der Kleine Bruder“ von Sven Regener, Maxim Gorki Theater, So 10.6., Do 14.6., Mi 27.6., 19.30 Uhr

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