West-Berliner Subkultur der 80er-Jahre

Ein soziales Wunder: Interview mit Maria Zastrow

Maria Zastrow stand im legendären Risiko am Tresen, wusch in Oswald Wieners Restaurant Exil Teller, tanzte im Dschungel und zeigte Nick Cave wie man sich richtig anzieht und kämmt, außerdem beschallte sie mit ihren Mixtapes die 80er-Jahre-Szene mit ausgesucht guter Musik. Die gebürtige Wienerin spricht im großen tip-Interview über Jobs, Bands und ihre Musikerfreunde von den Einstürzenden Neubauten, The Birthday Party, Die Ärzte und Die Haut und über die Gründe, warum sie nach dem Mauerfall nach New York abgehauen ist, und wieder kam – und ob sie die 80er-Jahre heute vermisst

Foto: Petra Gall

Frau Zastrow, Sie sind Keyboarderin und Bassistin, haben eine Radiosendung, standen in den 80er-Jahren in West-Berlin hinter dem Tresen des Risiko, ihr Musikgeschmack gilt als legendär. Wie hat diese Leidenschaft für die Musik angefangen?

Als ich noch in Wien lebte und zur Schule ging, hat meine Kunstlehrerin 1978 ein Interview mit Lou Reed zu seinem Album „Street Hassle“ geführt. Sie fand mich toll und nahm mich mit auf ein Konzert von David Bowie. Ich war 13, das war das allererste Konzert meines Lebens und es war mein eigentlicher Einstieg in die aufregende, unendliche Welt der Musik. An Ort und Stelle lernte ich dann die Wiener Punkrockszene kennen.

Wien reichte Ihnen aber offenbar nicht, sie zogen so schnell es ging nach West-Berlin. Warum?

Im Sommer 1981 kam ich mit einer Freundin das erste Mal nach West-Berlin. Ich hatte zu der Zeit in Wien eine Band, wir haben eine Art Glam-Pop gemacht im Stil der B-52s, ich spielte in Plastik eingewickelt Orgel und meine Freundin hat gesungen. Wir fuhren zusammen nach Berlin, um einen Bekannten von uns zu besuchen. Wien fand ich damals furchtbar langweilig und einengend, aber von Berlin wusste ich zu der Zeit auch nicht sehr viel.

Hat man in Wien nichts von dem mitbekommen, was in Berlin passierte?

Ein wenig wusste ich schon, da ich davor schon die Einstürzenden Neubauten im Wiener U4 gesehen hatte und immer fleißig den „Musikexpress“ las. Ich stand bei dem Neubauten-Konzert in der ersten Reihe und mir fiel ein Klumpen Metall, das FM Einheit von der Bühne haute, auf die Zehen. Ich ging im Anschluss backstage, um mich zu beschweren. Das war meine erste Begegnung mit ihnen. Alex Hacke, der ein Jahr jünger ist als ich, trat im Vorprogramm mit seiner Ein-Mann-Show Borsigwerke auf. Wir haben uns sofort blendend verstanden und waren von da an beste Freunde.

Haben Sie sich in Berlin dann wiedergesehen?

Na klar. Gleich am ersten Abend meines ersten Berlin-Besuchs sind wir im Dschungel gewesen und da habe ich, wie der Zufall es wollte, gleich Blixa Bargeld wiedergetroffen. In dieser Woche begegnete ich vielen Musikern, mit einigen wie Rumme Beck oder Jochen Arbeit bin ich bis heute noch sehr gut befreundet.

Der Dschungel war das Epizentrum damals?

Ja, da musste ich hin, vor dem Eingang war eine ellenlange Schlange aber ich kam natürlich sofort rein und musste glücklicherweise nicht anstehen. Ich sah sehr speziell und sogar für Berlin ungewöhnlich aus, und im Dschungel gab es das Konzept an der Tür, dass die Mischung stimmen musste. Punks, Künstler, Modeleute, Studenten, vielleicht ein paar Hippies, sogar Skinheads gab es dort, aber sie sollten auf ihre eigene Weise optisch möglichst was hergeben oder zumindest in den aktuellen Mix passen. Im Dschungel sind sich alle begegnet, in diesem wunderbar eleganten Ambiente. Die Musik war auch sehr eklektisch. Es musste tanzbar sein und dort lief neben Disco und Prince auch Alan Vega, Tuxedomoon und viel Reggae. Die super sympathischen DJs gaben sich extrem viel Mühe, um für die jeweilige Situation passend qualitativ Bestes aufzufahren. Sehr beeindruckend und inspirierend für mich.

Sie sind dann aber erst einmal wieder zurück nach Wien gegangen.

Genau. In Wien habe ich nach dem Berlin–Erlebnis erst einmal die Schule geschmissen und wollte unbedingt schnellstens zurück, um und noch mehr in die Szene einzutauchen. Meine Eltern waren naturgemäß nicht sehr begeistert. Ich wollte in Berlin Musik machen, Orgel spielen, irgendetwas halt, bloß nicht in Wien versauern. Als Mädchen bekam ich neben Klavierstunden auch Ballettunterricht, das war in Wien damals fast obligat. Da sollte doch irgendetwas damit anzufangen sein, oder? Um meine Reisen nach Berlin zu finanzieren, begann ich also in einem Jeansladen zu arbeiten. Ich bin die nächsten Monate immer viel mit dem Zug zwischen Wien und Berlin gependelt. Neben dem Dschungel war ich auch viel im Mink, das war eine hell erleuchtete, weiß gekachelte Bar in der Charlottenburger Xantener Straße, dort lernte ich noch mehr Leute kennen: Fotografen, Modezeichner, Designer. Sie ermutigten mich, doch in der Stadt zu bleiben, auch Blixa. Er sagte, ich bekäme sofort einen Job.

Was für einen Job wollte Ihnen Blixa Bargeld vermitteln?

Es lief dann gar nicht über Blixa. Er brachte in mir nur den Stein ins Rollen. Ich kannte in Berlin viele Wiener, die am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer 44a im Exil, dem Restaurant von Oswald Wiener, Sarah Wieners Vater, als Kellner gearbeitet haben. Die besuchte ich und wohnte auch immer bei der Wiener Clique, die Jobs untereinander verteilten. So war es gar kein Problem für mich, in Berlin Fuß zu fassen. Mein Freundeskreis wurde im Nu größer und ich hab anfangs im Exil als Küchenhilfe gearbeitet.

Und nach der Schicht im Exil sind Sie tiefer ins Nachtleben eingetaucht?

Klar, was sonst? Direkt gegenüber des heutigen Huxleys, um die Ecke vom Hermannplatz, gab es damals den Sektor. Das war ein großer, zweistöckiger Club mit mehreren Tresen, in dem auch oft Bands gespielt haben. Heute ist darin Conrad Electronic untergebracht. Als ich das erste Mal dort war, im August 1982, hab ich gleich im Eingangsbereich Blixa mit einigen Leuten an der Bar erspäht. Ich bin zu ihm hin und er stellte mich The Birthday Party vor, Nick Caves damaliger Band. Die lebten gerade in London und waren zu der Zeit mit Die Haut auf Tour und haben später an einem anderen Abend auch im Sektor gespielt. So habe ich Nick kennengelernt.

Wie war Nick Cave an diesem ersten Abend?

Wir haben uns sofort gut verstanden und fanden viel Gesprächsstoff. Er hat es total bewundert, wie ich aussah. Ich war großer Elvis-Fan, und er mochte meine gefetteten Haare, ich hatte so eine fantastische Tolle – und das gefiel ihm. Was äußere Merkmale angeht, sind für ihn anscheinend die Haare mit am wichtigsten. Wir haben uns dann fast jeden Abend im Sektor gesehen, weil wir dort umsonst trinken konnten – dank Kriss Huth, der die Bar im Eingangsbereich geschmissen hat und mit dem ich später im Risiko gearbeitet habe. Nick kam auch öfter mit Blixa ins Mink, man lief sich ständig über den Weg, in den frühen 1980er-Jahren gab in West-Berlin nicht viele Orte, wo man hingehen konnte. Naja, so wenige gab es nun auch wieder nicht. Zum Beispiel das fantastische von Bernd Feuerhelm betriebene Harlekin in Schöneberg, wo sich viele Leute trafen und kennenlernten. Heute ist dort das Pinguin. Und nicht zu vergesse:n die kleine, wilde Berlin-Bar für die spätesten Drinks um acht oder neun Uhr morgens. Nick traf ich eigentlich täglich/nächtlich an all den erwähnten Orten. Im Rückblick frage ich mich, wie das wohl möglich war. Magie?

Worüber haben Sie sich mit Nick Cave unterhalten?

Meistens über Musik und da vor allem über Rock’n’Roll der 50er-Jahre: Elvis Presley, Roy Orbison, Lee Hazlewood, Johnny Cash. Einmal habe ich ihn zu mir nach Hause mitgenommen. Natürlich ganz freundschaftlich (lacht), und ich zeigte ihm, wie ich mir meine Haare kämme. Wir schauten uns meine Musikbücher an, die ich mir einige Wochen zuvor in London gekauft habe, unter anderem ein schönes Buch von einem britischen Künstler, der Rock’n’Roller in Öl gemalt hat. Und meine Cowboyhemden. Nick hat gelegentlich bei mir übernachtet, weil er keine eigene Wohnung hatte. Ich erinnere mich an Autofahrten: Wir saßen viel in irgendwelchen per Anhalter angehaltenen Autos oder in Taxis und fuhren von einem Club in den anderen. Weder er noch ich haben jemals dafür bezahlt. Nur zu essen gab’s nie etwas. In meiner Erinnerung zumindest.

Das Risiko spielte zu der Zeit noch keine Rolle?

Da noch nicht. Ich jobbte wie gesagt im Exil als Küchenhilfe und da waren alle, Kippenberger und auch Bowie, wenn er nach Berlin kam. Und im Exil lernte ich dann endlich Alex Kögler kennen, den Chef vom Risiko. Ich ging ohne jeglichen Skrupel auf den großen, eleganten, damals schon ergrauten Kerl zu und fragte ihn, ob ich denn im Risiko arbeiten könnte. Er war erst einmal reserviert, aber bei seiner Freundin Sabina Van Der Linden, die einmal über mich sagte, dass ich ein soziales Wunder wäre, fand ich wohl Anklang. Sie hat ihn dann überredet, mich einzustellen, obwohl ich gar keine Tresenerfahrung hatte. Das Risiko war damals aber gerade wegen Umbau geschlossen. Alex sagte, er würde mich anrufen, wenn es so weit wäre.

Und hat er angerufen?

Erst im Frühling 1983. Ich saß gerade mit ein paar Exil- und Axbax-Kellnern beim Pokern, unter anderem mit Bruno Brunnet, der heute mit der CFA-Galerie erfolgreich ist. Wir saßen also in Brunnets Wohnung in der Schlesischen Straße und da rief Kögler an und sagte: Wir machen heute auf, du kannst kommen. Ich bin gleich hin mit dem Taxi, stand vorher noch nie am Tresen, war noch nie davor im Risiko und so hat das dann angefangen. Das ist doch Punk: Man weiß nichts und macht einfach.

Das Risiko gilt heute als legendär, was war so besonders daran?

Das lag an Alex Kögler, der eine unbeschreiblich interessante und unkorrumpierbare Persönlichkeit hatte. Er wollte mit seinen Freunden Party machen, Drogen konsumieren und hatte einen fantastischen Geschmack, trug maßgeschneiderte Anzüge und ließ sich neben Bierfässern und Schnaps zeitgleich auch die gebügelten Hemden ins Risiko liefern. Er kannte und liebte seine Gäste und ließ sie meist umsonst trinken – und er liebte Roxy Music, vor allem wegen Brian Ferry. Was am Ende in der Kasse lag, war ihm nicht besonders wichtig. Sabina van Der Linden, eine Künstlerin, hatte den Laden gestaltet, ganz in gelb mit schwarzen Konturen, und somit auch unser aller Sinn für eine gewisse Ästhetik geprägt. Die helle Stimmung und Lautstärke der zerklirrenden Flaschen bei der Eröffnung waren unfassbar. Es waren genauso viele Leute da wie da hineingepasst haben und noch viel mehr. Ich habe in den ersten Stunden eigentlich alles für die nächsten Jahre gelernt. Es war nicht nur ein Sprung, sondern gleich ein Kopfsprung ins kalte Wasser.

Welche Leute gingen ins Risiko: so wie im Dschungel, gemischt, oder eher spezifischer?

Viel subkultureller, Leute aus besetzten Häusern in der benachbarten Bülowstraße kamen neben Künstlern, Musikern, Filmemachern und Verlegern. Es war ziemlich links, aber nicht politisch, eher radikal hedonistisch. Null bis extrem schick. Die Klos waren in dürftigem Zustand und liefen ständig über. Es sah aus wie in einer von einer Künstlerin renovierten West-Berliner Wohnung. Einmal ging das große Auslagenglas kaputt, weil ein starker Gast den fast ebenso starken Mike Hentz durch dieses warf und ihm dabei den Kiefer brach. Der fehlende Teil der Scheibe wurde einfach durch ein Stück Karton ersetzt und mit Gaffer-Tape verklebt. Im Winter 83/84 bei Temperaturen von Minus 28 Grad war das naturgemäß das nackte, eiskalte Grauen.

Die Musik im Risiko war extrem wichtig. Sie haben mit ihren Mixtapes maßgeblich dazu beigetragen. Stimmt das?

Wenn ich am Tresen stand, habe ich meine Kassetten eingelegt, auf die ich damals eher unpopuläre Musik aufnahm. Rockabilly, Beach Boys, Gainsbourg, Hasil Adkins, Suicide, Garage Punk, Lee Hazlewood, Johnny Cash, Country. Das hat damals kein Schwein interessiert. Es galt als uncool, fast rechtsradikal. Niemand hat das verstanden, außer die Leute, die ins Risiko kamen, weil die ernsthaft an guter Musik interessiert waren und nichts in Schubladen steckten. Samstags hatte ich Tresenschicht mit Blixa, und wir haben uns dann abgewechselt mit den Tapes. Ich habe ja damals selbst noch keine Platten gesammelt, war aber die Anlaufstelle für Mixkassetten diverser Musikfreaks und Spezialisten. Sie brachten mir ihre Lieblingssongs, von denen sie dachten, dass sie mir gefielen – und ich spielte sie.

Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews mit Maria Zastrow, in dem sie über Bela B., Jörg Buttgereit, New York, 80er-Nostalgie und das Berlin von heute spricht

 

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