Konzerte & Party

Marianne Dissard im Roten Salon

Marianne Dissard

Bereits mit 16 Jahren zog Marianne Dissard nach Phoenix, Arizona. Aus künstlerischen Gründen? „Nein, nein, das war keine bewusste oder selbstständige Entscheidung“, sagt die Französin. „Ich war im Schlepptau meiner Eltern, mein Vater erhielt dort damals einen Job in den Flugzeugindustrie, und ich zog eben mit.“ Aus der Pyrenäen-Landschaft wurde die Wüste Arizonas, aus dem Lycйe die Highschool. „Ich hatte nicht viel im Gepäck“, erzählt Dissard weiter, aber die Musik half ihr beim Eingewöhnen. Viele Chansons der Heimat, viele Songs aus dem neuen Westen kamen bald hinzu. Umso mehr, als sie mit Howie Gelb und seiner Band Giant Sand neue Freunde finden sollte. Auch deren Nebenprojekt Calexico lernte sie kennen, in deren Song „The Ballad of Cable Hogue“ Marianne Dissard erstmals im Jahr 2000 als Sängerin zu hören war.
Marianne DissardWas sich damals schon andeutete, diese schöne Mischung aus lebendiger, nach allen Seiten ausbrechender Frankophonie und dem eher trägen, staubtrockenen Sound ihrer amerikanischen Mitmusiker, nutzte Dissard lange nicht für sich selbst, sondern eher für andere Künstler als Songschreiberin. Erst 2008 wagte sie dann mit dem Album „L’entredeux“ den Weg nach draußen. In Frankreich würde man zu dem Ergebnis sagen: rien de pareil – unvergleichlich. Denn kein Chansonnier aus ihrer Heimat hatte sich bislang so sehr auf die Americana eingelassen, hatte die eher süße Gefälligkeit der französischen Sprache dem spröden Rock ausgesetzt. Sie selbst bezeichnet die Musik, die dabei entsteht, sehr zutreffend als Desert Chanson. Das liebt man seither auch in Deutschland, wo ihre ersten beiden Alben beim Label Le Pop Musik veröffentlicht wurden.
Weil Dissard ein wandernder Geist ist, hat sie sich nach dem Filmstudium an der USC in Los Angeles und einer zeitweisen Rückkehr nach Tucson, Arizona jahrelang nur on the road befunden, hat Konzerte gegeben, Dokumentarfilme fürs französische Fernsehen gedreht und hat im Jahr 2013 schließlich ihren Wohnsitz zunächst nach Paris und dann für einige Zeit auch hierher nach Berlin verlegt. In der TanzFabrik Berlin bei den Weddinger Ufer-Studios drehte die Filmemacherin 2014 über Monate Material für die Aufführungen der befreundeten Choreografin Ami Garmon.
Noch in Tucson war zuvor Dissards drittes reguläres Album „The Cat. Not Me“ entstanden. Regulär, weil sie über die Jahre auch noch drei weitere Platten – quasi auf Tournee mit ihrer jeweiligen Band – aufnahm, die jeweils den Stand der Dinge dokumentieren sollten. Auf „The Cat.Not Me“ jedenfalls deutet Dissard schon ihren bevorstehenden Ortswechsel an. Gleich beim ersten Song „Am Letzten“ demonstriert sie deutsche Sprachkenntnis und findet zudem vom Wüstensound mittels Akkordeon ein Stück weit zurück auf den alten Kontinent. Weit dunkler eingefärbt ist das als noch bei den ersten beiden Platten. Und auch ihr Gesang gerät ein gutes Stück spröder. Aber: „Mir steckten schließlich auch Jahre der Rastlosigkeit auf Tournee in den Knochen, das Alleinsein, Identitätsfindung.“
Und die Lady bleibt rastlos. Mittlerweile trifft man Marianne Dissard schon wieder nicht mehr in Berlin an. Sie ist weitergezogen nach Matera in Süditalien. Dort lebe es sich für sie derzeit am besten, dort schreibt sie auch – das hatte der Songschreiberin, Produzentin, Filmemacherin und natürlich Sängerin bisher noch gefehlt – nun ihren ersten Roman.
Auf die Frage, was denn wohl die wertvollste Lehre sei, die sie aus ihrer Zeit in Tucson, Arizona mitgenommen habe, wo Marianne Dissard einst regelmäßig Konzerte in Bars und Saloons gab, antwortet sie: „Es hilft dir dort kein bisschen, als niedliche französische Prinzessin auf die Bühne zu gehen – in einer Bar musst du geradeheraus sein und um die Aufmerksamkeit der Leute kämpfen, sonst drehen sie sich einfach wieder zu ihrem Bier um und lassen sich weiter von der Sportübertragung aus dem Fernsehschirm berieseln.“

Text: Hagen Liebing

Fotos: Flavien Prioreau

Marianne Dissard, Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Mo 23.2., 21 Uhr, VVK: 13 Euro zzgl. Gebühr

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