Konzerte & Party

Mariss Jansons in der Philharmonie

Mariss Jansons

Das kann kein Zufall sein. Mariss Jansons, der lettische Dirigier-Liebling, wird am 10. Mai der Letzte sein, der die Berliner Philharmoniker dirigiert, bevor diese tags drauf zur Wahl des Nachfolgers von Simon Rattle schreiten. Man darf das nicht überbewerten. Allerdings wurde auch Rattle 1999 überraschend zum Chef gewählt, nachdem er wenige Tage zuvor bei einem Abo-Konzert überzeugte. Und Claudio Abbado? Den hatte man gar nicht auf der Agenda, als man sich unversehens an ihn erinnerte – und überraschend wählte.
Der größte Unterschied zu jeder bisherigen Wahl zum Berliner Dirigentenpapst besteht darin, dass eigentlich jeder ernst zu nehmende Kandidat seine Geschichte in Berlin längst auserzählt hat. Auch Mariss Jansons. Der 1943 in Riga geborene Sohn des Dirigenten Arv?ds Jansons wäre bei Amtsantritt 75 Jahre alt, sollte er am 11. Mai den prestigereichsten Posten der Musikwelt ergattern (für die Zeit ab 2018). Als Chef des Concertgebouw-Orchesters und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks gastierte er regelmäßig beim Musikfest Berlin. Mit Schostakowitsch, Ives, Widmann, ebenso mit Brahms, Beethoven und Mahler erwies er sich dabei allerdings immer wieder als ein Wunder an Elan, Schwung und Schwärmerei. Sollte es nur für eine kurze Zeit sein, was tut’s? Dann wählt man eben einen inzwischen nachgereiften Jüngeren.
Weltweit gibt es zurzeit keinen anderen Dirigenten, der so ingeniös wie Jansons dem Fluss der Musik nachzugeben verstünde. Die Haartolle klatschnass, das Gesicht verzückt, gestisch auffahrend wie ein Schlossgespenst, ist Jansons ein Bild musikalischer Ekstase. Das sicherte ihm seit dem Sieg beim Karajan-Wettbewerb 1971 seinen Rang als auratischer Darling quer durch alle Publikumsschichten.
Sein Handwerk lernte er als Assistent des legendären Jewgeni Mrawinski in Sankt Petersburg. Wo er bis heute lebt. Dass mit ihm kaum musikalische Revolutionen zu erwarten sind, spricht nicht nur gegen Jansons, sondern noch weit mehr gegen den in Berlin überbekannten Daniel Barenboim. Und ob man einen Jungschen wie etwa den in Venezuela politisch verwickelten Gustavo Dudamel (34) oder den Jansons-Schüler Andris Nelsons (36) den Philharmonikern vorzeitig zum Fraß vorwerfen will, ist fraglich. Aus dem Altersmittelfeld konkurriert außerdem noch der konservative Christian Thielemann (56). Alle Genannten kennt man – im Unterschied zu früheren Kandidaten – längst zur Genüge.
Alternative aus dem Lager der noch Unverheizten wäre eigentlich nur der kapriziöse, weil absagefreudige Kirill Petrenko. Er wäre sogar Jansons überlegen. Das letzte Gastspiel sagte Petrenko aufgrund von Rückenproblemen ab, indem er den Pförtner instruierte, oben anzurufen und zu sagen, er komme nicht. Tut man das? Allerdings muss gesagt werden, dass etwa Carlos Kleiber nicht einmal das getan hätte, sondern einfach weggeblieben wäre. Jansons oder Petrenko, dies wären die musikalisch einzig vernünftigen Optionen für Berlin. Jansons’ taktischer Vorteil, wenn er jetzt Schostakowitschs 2. Violinkonzert (mit Frank Peter Zimmermann) sowie Bartуk und Ravel aufführt: Er dirigiert als Letzter vor dem Tag der Entscheidung.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Bayerischer Rundfunk

Mariss Jansons, Philharmonie, Sa 9.5., 19 Uhr, So 10.5., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 25 48 89 99

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