Konzerte & Party

Marissa Nadler im Roten Salon

Marissa Nadler

Wenn Marissa Nadler über denkwürdige Begegnungen mit ihrem Publikum nachdenkt, dann zählt sicher jene dazu, als ein Fan sie mit leicht enttäuschtem Gesichtsausdruck nach dem Auftritt ansprach. Er habe sie sich abseits der Bühne viel „ätherischer“ vorgestellt. Die Songschreiberin mit der schwebenden Samtstimme und dem Schneewittchen-Teint wundert sich dann. Wo sie doch seit zehn Jahren einen Job macht, bei dem man ohne eine gewisse Zähigkeit nicht weit kommt. Das Wesentliche ihrer Karriere hat sie selbst gestemmt, einschließlich der zwischenzeitigen Gründung eines eigenen Labels und dem Zuverdienst als Kunstlehrerin in Boston. All das setzt eine Bodenständigkeit voraus, die man der zerbrechlichen Musik der 33-Jährigen nicht unbedingt zuordnet. Auch auf ihrem jüngsten, sechsten Album „July“ klingt diese wieder einnehmend aus der Zeit gefallen: Ihr makelloser Traumsopran erinnert mehr an den Folk der Sechziger als an die Kolleginnen der Gegenwart, ihre reduzierten, von Hall umflossenen Arrangements, diesmal um Streicher und Synthesizer verfeinert, tauchen ihre Americana-Balladen in einen mythischen Ton. Wo Nadler ihre ersten Platten teils mit der Lyrik von Dichtern wie Edgar Allan Poe verkuppelte, ist sie mit den Jahren bei Geschichten übers eigene Leben angekommen. Die gemeinsam mit Drone-Metal-Fachmann Randall Dunn eingespielten Songs fügen sich zu einem zartherben Trennungsalbum, auf dem Nadler die Höhen, Tiefen und Bruchstellen ihrer eigenen Beziehung im Laufe eines Jahres nacherzählt. „Mabye it‘s the weather, but I got nothing in my heart“, singt sie zum Finale. Ein Happy End würde zu Marissa Nadlers Storys auch nicht recht passen.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Copyright 2013. All rights reserved.

Marissa Nadler, ?Roter Salon, Mo 28.4., 21 Uhr, VVK: 14 Euro zzgl. Gebühr

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