Konzerte & Party

Marissa Nadler: „Little Hells“

Marissa Nadler Die Instrumentation insinuiert Licht, ein fahles nur, doch immerhin korrespondiert es mit den langen Schatten, die Marissa Nadlers verwunschene Songs werfen. Das bisherige Werk der gepeinigten Seelenwandlerin aus dem amerikanischen Nordosten, ausgebreitet auf drei so verstörenden wie verzaubernden LPs, schien nacht­schwarz. Erst die Dechiffrierung verrätselter Verse verhalf zur tröstenden Erkenntnis, dass inmitten dieser trauerumflorten und morbiden Lyrik unbändiges Leben pulsierte, verzweifeltes zwar, selbstquälerisches, jedoch auch lustvolles und gallig humoriges. Die irische Witwe, deren Mann als Leichnam nach Hause kommt, in einer „Box Of Cedar„, denkt sich ins Bett zurück, zwischen die Laken, in Dankbarkeit für die vielen befriedigenden Momente, die der Gatte ihr geschenkt hatte. Nein, trostlos waren Nadlers Songs nie, nur verdammt arm an Hoffnung.
So auch auf „Little Hells“ (Kemado/Rough Trade), wenn auch nicht so fingerpickend spartanisch wie auf „Ballads Of Living And Dying„, nicht so subgothic verbrämt wie auf „The Saga Of Mayflower May“ und nicht so irrlichternd wie auf „Songs III: Bird On The Water„. Marissas kleine Höllen sind intimer Natur, berichten einmal mehr vom Verstoßenwerden und den bittersüßen Wonnen der Einsamkeit, aber eben in Arrangements, die das Sinistre der Worte bisweilen musikalisch konterkarieren.
Diese Dialektik hat durchaus ihren Reiz, wenn eine Orgel dunkel zu süßer Poesie wummert oder wenn Nadlers gespenstisch anmutende Stimme eingekreist wird von allerlei Folk-Wohlklang. Auf „Mary Come Alive“, einem Stück aus beinahe blubberndem Synth-Pop, einem Track zumal, den die Künstlerin für besonders gelungen hält, vermag das fadenscheinige Backing die Schwere des Songs indes kaum zu tragen. Eine Petitesse freilich, denn ansonsten weiß sie wieder zu bezirzen, die frivole Melancholikerin.

Text: Wolfgang Doebeling

tip-Bewertung: Hörenswert

Marissa Nadler, Little Hells (Kemado/Rough Trade)

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