Konzerte & Party

Marcus Hagemann über sein Wandelkonzert in der Villa Elisabeth

Marcus-HagemannNormalerweise bedeutet „Wandelkonzert“, dass die Zuschauer unterschiedliche Räume innerhalb eines Hauses ansteuern, die Musiker jedoch an einem festen Ort bleiben. Bei „Exitus“ verhält es sich jedoch anders?
Bei dem Projekt EXITUS spielt sozusagen die Komposition selbst mit den unterschiedlichen Räumen. Das Hauptwerk des Abends mit dem gleichnamigen Titel ist für „2 Räume ‚obbligati’“ geschrieben. Der Komponist Josй-Marнa Sбnchez-Verdъ schreibt in seinem Werk vor, dass man Teile davon in unterschiedlichen Räumen spielt. Das Interessante dabei ist, dass nur die Künstler wandeln, und ein Teil des Konzerts aus der Villa Elisabeth in die St. Elisabeth Kirche übertragen wird, wo das Publikum sitzt. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem Experimentalstudio des SWR-Freiburg und einem von dem Komponisten in Zusammenarbeit mit dem Experimentalstudio entwickelten Instrument namens Auraphon, das die Klänge auf die in der Kirche installierten Tamtams und Gongs überträgt, und diese in Schwingungen versetzt, sozusagen eine ‚Aura’ der gespielten Töne erzeugt. Dies ist ein sehr faszinierender Prozess, weil die erzeugten Klänge wie aus dem nichts zu kommen scheinen. Der Komponist beschreibt dies folgendermaßen: „…Es klingt wie von Geisterhand, mal als Schatten von Stimmen, mal als kontinuierliche und a?therische Resonanz…“  (J.M. Sбnchez-Verdъ). Aus Sicht des Publikums findet das Wandelkonzert also vor allem in den Köpfen statt. Die Vorstellung, dass Töne und Klänge aus einem anderen Raum bzw. anderen Gebäude kommen, und von dort übertragen werden öffnet Ebenen in der Wahrnehmung, die starke Bilder und Assoziationen hervorrufen können. Da die Musiker auch in der Kirche selbst spielen werden, wird diese Rezeptionsebene nochmals geschärft durch den Wechsel zwischen Nähe und Ferne, direkter Tonerzeugung und eben der ‚Aura’ dieser. Die Imagination ist also die treibende Kraft, und genau darin liegt ja auch die Ur-Kraft der Musik an sich.

Stellt das „Wandeln“ für die Musiker nicht nur eine Unterbrechung der Konzentration, sondern auch einen erheblichen Aufwand dar?
Künstlerisch gesehen sollte das ‚Wandeln’ keine Unterbrechung der Konzentration darstellen, da es ja wie oben erwähnt ein fester Bestandteil der Komposition ist. Dennoch hängt natürlich viel von den Gegebenheiten und dem Timing ab. In der Villa Elisabeth und der St. Elisabeth Kirche ist dies schon eine Herausforderung, da die Wege ziemlich weit sind. Dies bedeutet für den SWR, dass viele Strecken überbrückt werden müssen, wobei ein Großteil hier auch über drahtlose Funkverbindungen abläuft. Die Mikrophone stehen sowohl in der Villa als auch in der Kirche, und es ist eine ungemeine Arbeit für Joachim Haas, den Klangregisseur, dies alles so einzurichten, dass es letztendlich auch funktioniert. Da bleibt immer ein gewisses Restrisiko! Ein weiterer Punkt ist der Ablauf und das Timing. Da wir Musiker ja einige Strecken zurücklegen müssen während des Konzerts muss dieser Ablauf so stimmig sein, dass er als eine Einheit wahrgenommen wird, sowohl für das Publikum als auch für die Künstler. Es gibt ja neben dem Hauptwerk des Abends noch weitere Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Hildegard von Bingen, György Kurtбg und Sofia Gubaidulina die in diese Klangreise mit eingebunden sind, und das ist dann schon ein Frage der Konzentration, immer auf den Punkt zu sein. Für mich persönlich ist der Wechsel von Plätzen und Orten eine positive, den Sinn schärfende Komponente, da sie Raum schafft, sowohl im Kopf als auch in der Wahrnehmung. Letztendlich ist es auch ein Aufbrechen der klassischen Frontalsituation eines Konzerts, und das tut immer gut.

Der Komponist Josй-Marнa Sбnchez-Verdъ illustriert den Antagonismus Diesseits / Jenseits. Wie lösen Sie dies räumlich?
Räumlich wird dies durch den oben schon erwähnten Einsatz des Auraphons in Sбnchez-Verdъs Werk zum Ausdruck kommen, das mit den verschiedenen Räumen und Rezeptionsebenen spielt und damit Diesseits und Jenseits suggeriert. Auch spielt die Gegenüberstellung verschiedener Werke und Komponisten aus fast einem Jahrtausend Musikgeschichte eine große Rolle, dies schafft weitere Räume in der Vorstellung. Letztendlich soll es aber jedem einzelnen Besucher und Akteur überlassen bleiben, sich sein eigenes Bild zu machen, vielleicht deckt sich die eine oder andere Assoziation, oder aber es kommen neue  spannende hinzu. An diesem Punkt sei auch das Projekt ‚Junge Musikjournalisten’ erwähnt, das ich in Zusammenarbeit mit der Hörfunkjournalistin und Medientrainerin Julia Kaiser  angestoßen habe, und das hier als Pilot-Projekt startet. Es spricht Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren an, deren Aufgabe es sein wird, das Projekt in seinen Vorbereitungen als Reporter zu begleiten, die auftretenden Ku?nstler zu interviewen und zu portra?tieren sowie die Konzerte selbst abschließend zu besprechen. Fu?r EXITUS wurden sieben Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren ausgewa?hlt, die das Musikprojekt an drei Tagen erleben, erforschen und aus ihrer Sicht abbilden. Wir wollen damit die Rezeption der Jugend fördern, und ihnen die Möglichkeit geben, sich auf einer kreativen und produktiven Ebene mit Musikprojekten auseinanderzusetzen. Die verfassten Artikel, Essays oder Portraits werden dann unter www.marcushagemann.de/exitus präsentiert.

Sбnchez-Verdъs Komposition wird in Beziehung zu Werken von György Kurtбg, Sofia Gubaidulina, Johann Sebastian Bach und Hildegard von Bingen gesetzt. Was genau bedeutet das?
Jose? Mari?a Sa?nchez-Verdu? geho?rt zu den zeitgeno?ssischen Komponisten, die mit Respekt und Leichtigkeit die Bru?cke zwischen der alten und der neuen Musik schlagen. Alle fu?nf Komponisten verbindet eine musikalische Sprache, die sehr intuitiv funktioniert, mit einer Reduktion auf das Wesentliche. Eine Interaktion von Klang und Stille, von Botschaften, Stimmen und Spuren. Dies sind für mich alles auch Bezugspunkte zwischen greifbarer Realita?t und entru?ckter Spiritualita?t. Bei allen existiert diese eine Ebene in der Musik, die durch einen rein intellektuellen Ansatz nicht zu begreifen ist. Und die liegt irgendwo zwischen hier und dort, zwischen Diesseits und Jenseits.

Betreten Sie bei diesem Konzept als Musiker Neuland oder bringen Sie ähnliche Erfahrungen mit? – Sie haben „Exitus“ bereits bei „Klangräume Kloster Hegne“ aufgeführt?
Räume und Orte waren für mich schon immer Anstoß und Anregung für Ideen und Projekte. So ist ja auch das Projekt EXITUS entstanden. Die Idee für das Auftragswerk an Josй, speziell für das Kloster Hegne am Bodensee ein Stück zu schreiben, kam durch einen Besuch im Kloster zustande. Obwohl ich diesen wunderbaren Ort in meiner Jugend auf dem Schulweg vom Fahrrad aus wahrgenommen habe, hat es über zwanzig Jahre gedauert ihn wirklich zu besuchen. Ich war gleich fasziniert von dem voll funktionierenden Kloster mit über 250 dort lebenden und arbeitenden Nonnen. Viele verschiedene Räume, eine alte Kirche, eine moderne Kapelle die alte Krypta unter der Kirche etc. weckten bei mir den Wunsch, diese zu bespielen – in Verbindung mit dem Respekt für diesen Ort, der eben kein Veranstaltungsort ist, sondern Lebensraum einer klösterlichen Gemeinschaft. So ist vor einigen Jahren das Projekt ‚Klangräume Kloster Hegne’ entstanden, wo EXITUS als ein Werk für die Klosterkirche und die darunter liegende Krypta 2011 uraufgeführt wurde. Spannend wird es für mich immer dann, wenn verschiedenen Parameter zusammenspielen, es also nicht nur darum geht irgendwo Musik zu spielen, sondern auch die Fragen nach Ort, Raum, Publikum oder Zeit beantwortet werden wollen. Irgendwie gehört das doch alles zusammen!

Zuletzt eine persönliche Frage: Pendeln Sie noch zwischen Konstanz und Berlin? (Ich persönlich liebe Konstanz sehr). Wie würden Sie dem typischen Berliner die Qualität der Stadt am Bodensee erklären?
Konstanz ist ein wunderschöner Ort, komplett erhalten und traumhaft gelegen am Bodensee nah am Süden, immer einen Blick auf die Berge freigebend. Der See gehört zu den schönsten die ich kenne, er ist liebevoll und wild zugleich! Ich bin gerne dort zu Besuch, komme aber immer wieder sehr gerne zurück nach Berlin, da ist es offen, großzügig und sehr frei. Um es mit einem Auszug aus dem Lied ‚dickes B’ von Peter Fox (Seeds) auf den Punkt zu bringen: „…Im Sommer tust Du gut und im Winter tuts weh…“ das gilt sowohl für Berlin als auch für den Bodensee!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: Ronald Klein
Foto: Yannick Delez

Exitus: Wandelkonzert
24.-26.8., 20 Uhr

in der Villa Elisabeth

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