Konzerte & Party

Massive Attack im Tempodrom

Massive AttackZu Beginn der 90er Jahre machten Massive Attack Trip-Hop populär. Das Trio aus Bristol, mittlerweile zum Duo geschrumpft, arbeitete dabei stets mit Gastsängern. Wir sprachen mit Robert Del Naja über Politik, Engagement und künstlerische Seitensprünge.

tip Auf dem Cover Ihrer neuen EP „Splitting The Atom“ sehen wir zwei Menschen, der eine hat einen schwarzen Totenkopf, der andere einen weißen. Wofür steht das?
Robert Del Naja Für all die Leute, die die Welt nur in Schwarz oder Weiß sehen. Aber die Dinge sind nicht immer so klar, wie sie auf den ers­ten Blick vielleicht scheinen mögen. Zum Beispiel finde ich es vermessen, im Krieg die einen als die Guten zu feiern und den anderen die Alleinschuld zuzuweisen.

tip Unterstützen Sie deswegen die Palästinenser?
Del Naja Wir engagieren uns für die Hoping Foundation, für die wir während unserer Tournee Geld sammeln. Es wird in Jugendprojekte fließen, die die Situation der Kids in palästinen­sischen Flüchtlingslagern ein wenig verbessern soll. Das heißt aber nicht, dass wir antiisraelisch sind. Wir wollen dem Schwächeren helfen – ohne für eine Seite Partei zu ergreifen.

tip Trotzdem gelten Massive Attack als eine politische Band.
Del Naja Ich würde das ein bisschen anders formulieren: Wir sind Musiker, auf die Politik durchaus einen Einfluss hat. Meiner Ansicht nach ist es naiv zu glauben, die Entscheidungen einer Regierung beträfen das Leben des Einzelnen nicht. Allein die Frage, wie Steuergelder verteilt werden, sollte jeden interessieren. Überhaupt müssen wir mehr über Wirtschaft, Politik und Religion diskutieren.

tip Können Songs wie „Pray for Rain“ dafür einen Anstoß geben?
Del Naja Warum nicht? Es geht ja um Krieg, um Absolution und Reinigung. Ich will das Lied aber gar nicht im Detail analysieren. Wir halten unsere Stücke bewusst offen, damit sich jeder etwas Eigenes daraus ziehen kann.

tip Haben Sie wieder alle Titel für die EP und Ihr nächstes Album allein geschrieben?
Del Naja Nein. Grant hat sich diesmal ebenfalls eingebracht. Allerdings ist er kein Studiofreak, darum bin ich letztlich gezwungen, die meisten Ideen zu entwickeln. Trotzdem stimmt die künstlerische Chemie zwischen uns endlich wieder. Das war lange anders, nach „Mezzanine“ fühlten wir uns nicht mehr wie eine Band.

tip Stimmt es, dass Sie drei Jahre kein Wort miteinander gewechselt haben?
Del Naja Wir haben maximal sechs Wochen nicht miteinander geredet. In dieser Phase dachten wir ernsthaft darüber nach, uns aufzulösen. Einzig unsere gemeinsame Historie hielt uns davon ab. In den 80ern hatten wir in Bristol eine wirklich tolle Zeit – zuerst mit dem Künstlerkollektiv The Wild Bunch, dann mit Massive Attack.

tip … die sich für jedes Album extrem viel Zeit lassen …
Del Naja Wir müssen eben auch mal raus aus diesem Studio-Tournee-Kreislauf, sonst langweilen wir uns. Deswegen führen Grant und ich künstlerisch eine offene Ehe, jeder gestattet sich Seitensprünge. Ich komponierte beispielsweise einige Soundtracks, aber davon habe ich jetzt genug. Beim Film mischt sich nämlich jeder Geldgeber in meine Arbeit ein. Das finde ich unerträglich!

Interview: Dagmar Leischow

Massive Attack, Tempodrom, Fr 30.10., 20 Uhr, VVK: 36 Euro

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