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„Masters Of Reality“ im Lido

Masters Of Realitytip Mr. Goss, wie war Ihr Sommer in der kalifornischen Wüste?
Chris Goss Extrem heiß. Eigentlich kaum auszuhalten. Im Sommer hast du schon mal 45, 50 Grad. Meine Frau hat enorm zu tun, alle unsere Tiere zu versorgen in dieser Hitze. Ich bin kein Fan davon, glauben Sie mir. Ich lebe seit 15 Jahren in der Wüste. Aber auf den Sommer dort kann ich gut verzichten.

tip Sie leben direkt am Joshua Tree National Park. Andere Menschen buchen teure Urlaubsreisen dort hin.
Goss Sie müssen sich vorstellen: Im Sommer erwacht die Wüste zum Leben. Die Hitze bringt alles Mögliche zum Vorschein, aus dem Erdboden – alles, was kriecht. Klapper­schlangen zum Beispiel. Es ist wie ein Dschungel zur Sommerzeit. Wenn du dir die Gegend in Joshua Tree anschaust, sieht erst mal alles völlig reglos aus. Aber sobald die Nacht kommt, geht das Gewimmel los, dann kriecht und fliegt es. Morgens kommt es schon mal vor, dass du aus dem Bett steigst und mit dem Fuß auf irgendwas Weiches trittst.

tip Du lieber Himmel.
Goss Wer steht morgens schon gern als Erstes auf einer Klapperschlange, wenn man noch halb verpennt ist? Ich hasse es.

tip Statt mit der Wüste befassen Sie sich auf Ihrem neuen Album mit dem Ozean. Eine Flucht vor dem Sandmeer?
Goss Das passt schon zusammen. Die Wüste ist schließlich wie ein Ozean ohne Wasser. Man kommt sich dort, wo ich lebe, vor wie im Irak: trockene, braune Bergketten über Hunderte von Meilen. Das ist ungefähr wie der Boden des Ozeans, aus dem jemand den Stöpsel gezogen hat. Der Ozean hat auch etwas Furchteinflößendes.

tip Entsprechend abgründig klingen Ihre neuen Songs. Der Schluss etwa ist eine lange instrumentale Space-Rock-Jam.
Goss Stimmt. Improvisation ist seit jeher der Schlüssel für meine Musik. Aber ich habe das noch nie so konsequent ausgelebt auf einem Album. Bei dieser speziellen Jamsession waren wir alle sehr aus dem Häuschen. Als wir fertig waren, haben wir uns angesehen und gedacht: Das war ziemlich gut. So ein Stück Musik habe ich schon immer machen wollen. Ein Stück, das so klingt, als ob da ein paar Leute wirklich spielen können.

tip Jetzt stapeln Sie aber tief.
Goss Wissen Sie, ich habe mir so oft Bands angehört wie Weather Report – zehn Minuten, zwölf Minu­ten lange Stücke – und mich gefragt, wie sie an diesen Punkt oder jenen hinkommen. Ob sie das vorher so geplant hatten oder nicht. Ich glaube jedenfalls, dass bei unserem Schluss-Track Musik raus­kommt, die nicht langweilig ist, nicht selbstgefällig. Mir würde er vermutlich sogar gefallen, selbst wenn ich bloß Zuhörer wäre …

tip Keine Selbstverständlichkeit?
Goss Aber nein! Ich habe mal mit Kim Gordon von Sonic Youth da­rü­ber diskutiert. Wissen Sie, bei Sonic Youth geht es mir manchmal so, dass da oft was Prätentiöses mitschwingt, das mich stört. Ich denke dann: Less talkin’, more ro­ckin’! Kim hat mir mal erzählt, dass sie mit ihrer Tochter über Jazz gesprochen hat. Und die sagte zu ihr: „Mommy, Free Jazz macht niemandem Spaß außer den Spielern.“ Da hat sie völlig recht.

tip Neben dem Impro-Stück am Ende haben Sie auch einige radiotaugliche Ohrwürmer aufgenommen, „Up In It“ zum Beispiel.
Goss Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe Popmusik. Abba zum Beispiel.

tip Sie sehen nicht gerade aus wie ein Abba-Fan.
Goss Bei Abba findest du immer wieder geniale Momente. „Dancing Queen“ – ist eine geniale Harmonie. (singt laut:) „You can dance, you can jive, having the time of your life!“ – Wie die Melodien verlaufen, sich die Harmonien entwickeln, wie sich das schichtet. Was sich unter all diesen Melodien alles abspielt: Es ist absolut wundervoll, die reine Freude. Die Freundlichkeit, mit der das alles rüberkommt, ich finde das sagt auch was über die Persönlichkeiten aus, die da hinter stehen.

tip Auf dem Album finden sich mit Songs wie „Up In It“ in der Tat auch wieder hochmelodiöse Rock­­songs.
Goss Klar, Popmusik ist per se nichts Schlechtes. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass eine Band wie Arcade Fire einen Nummer-eins-Hit hätte. Ich würde mir wünschen, dass Joanna Newsoms Songs in den Top Ten wären, dass David Bowie noch immer Nummer-eins-Songs hätte. In der perfekten Welt wäre Björk in den Top Ten.

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 21/09 auf den Seiten 74-75.

Interview: Ulrike Rechel

Foto: Nigel Cobb

Masters Of Reality, Lido, Mi 7.10., 21 Uhr, VVK: 24,75 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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