• Konzerte & Party
  • Mats Gustafsson & Fire! Orchestra spielten bei der Jazzwerkstatt Peitz

Konzerte & Party

Mats Gustafsson & Fire! Orchestra spielten bei der Jazzwerkstatt Peitz

Mats Gustafsson & Fire! Orchestra spielten bei der Jazzwerkstatt Peitz

„Free Jazz in der DDR“ heißt eine Wanderausstellung, die man im vergangenen Jahr in Berlin und Potsdam sehen konnte und die derzeit im beschaulichen Peitz Station macht. Das brandenburgische Städtchen unweit von Cottbus war schließlich seit jeher eine Bastion des Free Jazz. Die frei improvisierte, ästhetisch radikale und Publikum wie Kritiker zuweilen verstörende Spielart des Jazz wurde in der DDR eine Zeit lang zumindest toleriert. Denn obwohl die Gattung in den USA entstand, galt sie den SED-Bonzen vermutlich als kulturelle Äußerung einer durch den Imperialismus ausgebeuteten, meist schwarzen Klasse und widersprach damit nicht zwangsläufig der sozialistischen Ideologie.
Ob sich amerikanische Pioniere wie Eric Dolphy, Albert Ayler oder der jüngst verstorbene Ornette Coleman dem DDR-Staat verpflichtet fühlten, sei dahingestellt, in jedem Fall waren sie politisch bewusst und standen oft der Bürgerrechtsbewegung nahe. Das reichte der Zensurabteilung fürs Erste und die entstandene Nische der künstlerischen Freiheit nutzten ab den frühen 1970er-Jahren Musiker wie Conny Bauer, Helmut „Joe“ Sachse, Ulrich Gumpert und Günter „Baby“ Sommer. Allesamt Instrumentalisten, die bis heute als prägende Vertreter des Genres gelten und so ist der Untertitel der dokumentarischen Ausstellung durchaus zutreffend: Weltniveau im Überwachungsstaat.
Zwischen dem Gründungsjahr 1973 und bis zum Verbot 1982, als das Festival den linientreuen Kulturpolitikern dann doch zu bunt wurde, galt die von Ulli Blobel und Peter Metag organisierte Jazzwerkstatt Peitz als bedeutende Plattform der Szene, die auch Gäste und Musiker aus der Bundesrepublik anzog. An Konzerte westdeutscher Musiker wie Albert Mangelsdorff oder Peter Brötzmann erinnert etwa das von Blobel herausgegebene Kompendium „Woodstock am Karpfenteich“. Doch erst 2011 setzte der gebürtige Peitzer Blobel, der sich zwischenzeitlich als Musikproduzent einen Namen machte, das Festival fort und so konnte 2015, trotz einer Pause von knapp drei Jahrzehnten, stolz die 52. Ausgabe der Jazzwerkstatt gefeiert werden.
Ganz Peitz stand wieder einmal im Zeichen des Free Jazz. Ältere Herrschaften mit langen grauen Haaren, Bärten oder markanter Vollglatze strömten vom 12. bis 14. Juni nach Peitz, nicht selten mit einem Packen Schallplatten unterm Arm – die Ost-68er wenn man so will.
Die gastierenden Musiker verteilten sich auf Stüler Kirche, Festungssaal und die Malzhausbastei, am Sonntag wurde standesgemäß eine Jazzmesse gefeiert und zum Abschluss war Jazzfrühschoppen. DDR-Veteranen wie die Sängerin Uschi Brüning und der Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky, der schon in den 70ern dabei war, traten auf, daneben der Berliner Bassklarinettist Rudi Mahall und das Ganelin Trio des israelischen Avantgarde-Pianisten Wjatscheslaw Ganelin.
Zum Auftakt am Freitagabend spielte das Fire!-Orchester des schwedischen Saxofonisten Mats Gustafsson, das man zuletzt 2014 beim Jazzfest Berlin in der Akademie der Künste erleben konnte. Gustafsson, Jahrgang 1964, gilt als einer der versiertesten Free Jazzer Europas, er ist auf mehr als 80 Tonträgern zu hören und arbeitete u.a. mit renommierten Jazzmusikern wie Paul Lovens, Hamid Drake und Ken Vandermark, aber auch mit Genre-Grenzgängern, darunter Jim O’Rourke, Neneh Cherry und Thurston Moore. Für das Fire! Orchestra scharte er, ganz der charismatische Leader der er ist, 15 meist junge bis sehr junge Musiker um sich, die beherzt auf diversen Blasinstrumenten, Bässen, Gitarren, Schlagzeug, einem Fender Rhodes E-Piano und elektronischen Klangerzeugern aufspielten und dabei von zwei traurig dreinschauenden aber äußerst beseelten Sängerinnen begleitet wurden. Gemeinsam produzierte das Ensemble einen Sound zwischen erhabenem Astral-Soul und zerhacktem Krachgewitter, in den Gustafsson wahlweise mit seinem mächtigen Tenorsaxofon reinröhrte oder die sehr konzentrierte freie Improvisation mit Handzeichen dirigierte. Ein gelungener Startschuss, der nicht nur Lust auf die kommenden Tage sondern auch auf weitere Ausgaben der Jazzwerkstatt Peitz machte.

Text:
Jacek Slaski

Mehr über die Jazzwerkstatt Peitz finden Sie auf www.jazzwerkstatt.eu

Mehr über Cookies erfahren