Konzerte & Party

Matthew Herbert im Berghain

Matthew Herberttip Warum suchen Sie sich immer negative Themen heraus? Machen Sie dies, um Ihr Gewissen zu beruhigen, oder glauben Sie wirklich, dass Sie etwas verändern können?
Matthew Herbert Ich wollte schon immer die Welt verändern. Andererseits fühle ich mich aber auch den Musikern gegenüber verpflichtet, die vor mir lebten und gerne diese Möglichkeiten gehabt hätten. Aus den Geräuschen eines Schweins Musik machen zu können ist doch total aufregend!
Trotzdem gibt es immer noch eine Unmenge an Dingen, die ich nicht tun kann. Die größte Herausforderung ist es gerade, Samples in Big Bands zu bringen. Die Musiker dort können mit ihren Instrumenten unglaubliche Subtilität, Nuancen und Details herausarbeiten. Anstatt Trompete oder Saxofon sollten sie mit Samples spielen. Das wird geschehen, denn eine neue Generation von Musikern ist herangewachsen. Sie gibt sich nicht mehr mit den konventionellen Instrumenten zufrieden.

tip Gibt es eine Grenze dessen, was man mit Musik ausdrücken kann? Gibt es da etwas, das Sie nicht tun würden?
Matthew Herbert Einmal habe ich ein Geräusch aufgenommen, das ich nie benutzt habe. Ich arbeitete damals an einem Remix für Mala. Um Aufnahmen zu machen, gingen wir in ein Krematorium. Dort stieß ich auf ein kraftvolles, aber auch eines der furchtbarsten Geräusche, die ich je gehört habe. Es entsteht dabei, wenn menschliche Knochen von einer Maschine zermalmt werden. Sie heißt „Cremulator“. Das ist eine riesige Waschmaschine aus Metall mit großen Steinen drin. All die Knochen, die während der Einäscherung nicht verbrennen, kommen da rein. Und jetzt stell dir mal das Geräusch deiner Waschmaschine vor, wenn du anstatt deiner Kleider Steine und Knochen reinsteckst. Aus Anstand gegenüber der Familie des Toten habe ich das Sample nie benutzt. Ich glaube also schon, dass es Grenzen gibt. Außerdem habe ich im Moment auch nicht die nötige Unterstützung, um so etwas alleine zu tun.

tip Unterstützung von Ihren Fans?
Matthew Herbert Ich glaube nicht, dass ich Fans habe – das sind vielmehr Zuhörer. Manchmal schenken sie mir ihre Aufmerksamkeit, manchmal nicht. Außer mir kenne ich niemanden, der solch schwierige Klänge aufnimmt, um daraus Musik zu machen. Wir können über Leben und Tod schreiben, das ist doch total aufregend! Viel interessanter als verdammte Gitarren und Drum-Maschinen. Wir haben unglaubliche Möglichkeiten. Ich verstehe einfach nicht, warum wir nicht eine große Bewegung sind. Das ist alles so seltsam.

tip Ist Tanzmusik da überhaupt noch ein Thema für Sie?
Matthew Herbert Sicher, ich lege ja auch immer noch ein- bis zweimal im Monat auf. Ich liebe Tanzmusik, weil sie eine Möglichkeit bietet, der Realität zu entfliehen. Aber ehrlich gesagt baue ich mittlerweile morgens um acht lieber Sandburgen mit meinen beiden kleinen Kindern, als mit einem Vodka in der Hand im Club zu stehen.

Interview: Lucas Negroni

Matthew Herbert, Berghain, Do 17.11., 21 Uhr, VVK: 20 Euro

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