Eigentlich wollten sich am 5. September Joy Denalane und Max Herre die Ehre im IFA-Sommergarten geben. Krankheitsbedingt muss das Konzert aber leider entfallen. Hier lest ihr das tipBerlin-Interview aus der September-Ausgabe. Darin sprechen die beiden über ihre gemeinsame Platte, Berliner Lieblingsorte und die Kunst, sich als Paar und als Künstler:innen immer wieder neu zu begegnen.

Open Air beim IFA Sommergarten 2025
Fast ihr halbes Leben lang teilen Max Herre und Joy Denalane Bühne, Studio und Leben. Ihre musikalische und persönliche Beziehung begann Ende der 1990er-Jahre, als Max – damals Frontmann der einflussreichen Hip-Hop-Gruppe Freundeskreis – für den Song „Mit dir“ eine Sängerin suchte. Die Wahl fiel auf Joy Denalane. Aus dem Duett wurde schnell mehr, und „Mit dir“ wurde zum Ausgangspunkt einer besonderen Liebesgeschichte.
Mehr als zwei Jahrzehnte, zwei Söhne, eine Trennung und eine zweite Hochzeit später veröffentlichten die beiden 2024 mit „Alles Liebe“ ihr erstes gemeinsames Album. In den Songs erzählen sie von Höhen und Brüchen, vom Zusammenwachsen und Auseinandergehen, von Alltäglichem und Zeitlosem. Auf die Veröffentlichung folgten eine große „Alles Liebe“-Tour und mehrere Festival-Shows. Bis zum Ende des Jahres sind allerdings alle weiteren Auftritte abgesagt. „Leider lässt meine gesundheitliche Situation nicht zu, dass ich gemeinsam mit Joy und unserer wunderbaren Band für euch auf der Bühne stehe“, heißt es von Max Herre in einem Statement des Konzertveranstalters.
Joy Denalane & Max Herre im Interview
tipBerlin Letztes Jahr erschien euer gemeinsames Album „Alles Liebe“ inklusive Tour, nun steckt ihr beide gerade mitten im Festivalsommer. Wie geht’s euch?
Max Herre Es macht total Spaß. Mit der Band unterwegs zu sein, das ist immer wie Ferienfreizeit. Und die Berlin-Show wird ein Highlight.
Joy Denalane Besonders schön finde ich es, Teil eines Festival-Line-ups zu sein: Man erlebt nicht nur tolle Shows, sondern trifft auch Kolleg:innen wieder – das habe ich sehr vermisst. Aber man muss gut haushalten, Reisen und Performen kostet und gibt zugleich viel Energie.
tipBerlin Seit über 25 Jahren macht ihr gemeinsam Musik, habt euch 1999 kennengelernt, als ihr beide den Song „Mit dir“ aufgenommen habt, und seitdem immer wieder zusammengearbeitet. Trotzdem ist „Alles Liebe“ euer erstes gemeinsames Album. Warum hat das so lange gedauert?
Max Herre Der Hauptgrund: Unsere Kinder sind inzwischen erwachsen. Früher war einer von uns auf Tour, der andere hat sich um die Familie gekümmert. Das fällt jetzt weg, und damit entstand plötzlich Raum. Wir haben uns gefragt: Machen wir jetzt eine große Reise? Oder gehen wir ins Studio? Eigentlich war das längst überfällig.
Joy Denalane Wir haben ja schon immer zusammengearbeitet. Täglich gemeinsam im Studio zu sein, war vielleicht neu – aber eigentlich auch nicht. Bei meinen Alben war Max oft sowieso jeden Tag mit dabei.
Max Herre Es war eine Herausforderung, ein ganzes Album zu machen, auf dem wir beide durchgehend präsent sind. Also 13, 14 Tracks zu finden, die als Duett funktionieren. Das spannend und vielfältig zu halten, ohne sich zu wiederholen, war neu – aber auch sehr reizvoll.

Ein Satz: „Liebe ist Arbeit“
tipBerlin Gibt es bei euch eigentlich eine Trennung zwischen Beruf und Privat – oder fließt das alles ineinander?
Joy Denalane Bei uns ist das immer ineinander geflossen. Unsere Beziehung war von Anfang an stark mit Musik verbunden, nicht nur mit unserer eigenen, sondern auch mit der, über die wir sprechen, die wir hören. Ich habe das immer als Vorteil empfunden: mit jemandem zusammen zu sein, der genau versteht, was mich antreibt.
Liebe steckt in vielen Dingen: im Streit, im Ringen um Wahrheit, um Raum. Im gegenseitigen Interesse
Joy Denalane
tipBerlin Wenn ihr einen einzigen Rat für eine Langzeitbeziehung geben müsstet – welcher wäre das?
Max Herre Das ist ein großes Missverständnis: Wir wissen genauso viel wie andere – oder wenig! Wenn überhaupt, dann vielleicht dieser eine Satz: Liebe ist Arbeit. Sie ist nicht einfach da und bleibt. Sie verändert sich, entfernt sich, kommt wieder näher.
Joy Denalane Ja, Liebe ist wirklich Arbeit. Und Liebe steckt in vielen Dingen: im Streit, im Ringen um Wahrheit, um Raum. Im gegenseitigen Interesse. Neugier ist Liebe. Es gibt doch nichts Traurigeres, als wenn Liebe einschläft, weil man sich nicht mehr füreinander interessiert. Was unsere Beziehung trägt, ist der Wille, dranzubleiben.
Doku-Serie in der ARD
tipBerlin Für eine dreiteilige ARD-Doku, die im Mai erschienen ist, habt ihr viel privates Videomaterial ausgegraben. Wie war das für euch, so eine Reise in die Vergangenheit? Wie habt ihr entschieden, was ihr der Öffentlichkeit zeigt – und was privat bleibt?
Max Herre Es war ein sehr natürlicher Prozess. Unser langjähriger Freund Sékou Neblett [Kollaborateur von Freundeskreis, Anm. d. Red.] hat das Ganze begleitet. Es fühlte sich an wie normales Zusammensitzen und Reden, nicht wie eine Doku-Produktion. Wir haben irgendwann alte TV-Kassetten aus dem Keller geholt – teilweise aus den 90ern – und hatten gar nicht realisiert, wie viel schönes Material da lag. Was man zeigt und was nicht, das hat sich ergeben.
Joy Denalane Für mich ist die Doku nicht so privat, wie man vielleicht denkt. Das Archivmaterial zeigt uns als ganz junge Leute – da hat man fast liebevollen Abstand. Das, was im Hier und Jetzt entstanden ist, ist eher intim, aber nicht wirklich privat.
Max Herre Es gab schon Momente, die wir rausgeschnitten haben. Wenn wir uns im Studio achtmal gestritten haben, reicht es vielleicht auch, wenn zwei Male davon drin sind (lacht). Der Sender wollte natürlich auch ein bisschen Drama. Aber für uns war es sehr entspannt, mit Sékou und seinem liebevollen, freundschaftlichen Blick zu arbeiten, nicht mit einem investigativen Anspruch oder so. Unter anderen Umständen hätten wir es auch nicht gemacht.
Wie politisch muss Musik heute sein?
tipBerlin In der letzten Folge der ARD-Doku sprecht ihr auch über politische Haltung. Wie wichtig ist euch Haltung in der Musik?
Max Herre Für uns ging es bei der Platte auch um Liebe als gesellschaftliches Thema: Wie bleibt man solidarisch und lässt sich nicht spalten? Gerade mit dem aktuellen Rechtsruck und dem Erstarken der AfD ist es wichtig, Räume zu verteidigen. Der Kern muss Liebe sein, als universalistischer Gedanke. Das versuchen wir mit Songs wie „Mmina Tau“ einzufangen.
Joy Denalane Haltung ist in unserem Leben eine Grundvoraussetzung, aber wie man sie teilt und ihr gerecht wird, das finde ich gerade auf Social Media oft schwierig. Dort herrscht eine Lautstärke, ein Schreien nach Sichtbarkeit und das bedeutet auch, sofort Reaktionen auszuhalten: Wenn ich zu einem politischen Thema etwas teile, werde ich sofort gefragt, warum ich zu diesem oder jenem nichts gesagt habe. Man kann der Sache kaum gerecht werden.
Max Herre Genau, Social-Media-Debatten sind einfach sehr verkürzt. Wir machen seit 25, 30 Jahren Musik mit politischen Inhalten, weil uns das wichtig ist und es aus unserem Leben entsteht, wie andere Themen auch. Es ist aber auch schön zu sehen, dass es heutzutage viele junge Musiker:innen gibt, die den Mut aufbringen, klare Standpunkte zu beziehen.
Joy Denalane Das stimmt, aber für junge Künstler:innen ist es auch eine Herausforderung, einen Umgang mit den Reaktionen zu finden.
„Für junge Künstler:innen ist es heute schwerer, von Musik zu leben“
tipBerlin Ihr habt die Anfänge von deutschsprachigem Hip Hop und Soul geprägt wie kaum jemand. Welche Veränderungen beobachtet ihr sonst noch in der deutschen Musiklandschaft?
Max Herre Ich bin stolz auf die Entwicklung. Es gibt viele gute junge Artists, vor allem im Rap. Besonders cool finde ich, dass immer mehr starke MCs weiblich sind. Die Demokratisierung durch günstigere Produktion und Plattformen hat mehr Vielfalt gebracht, die unsere Gesellschaft abbildet. Früher gab es mehr Gatekeeping – Plattenfirma, Radio, Videorotation. Allerdings: Wer drin war, hatte Verdienstmöglichkeiten. Heute verdient man kaum noch was am Recording, außer die Top 10.000 weltweit.
Joy Denalane Junge Künstler:innen können sich unabhängiger zeigen, aber der Druck ist riesig. Es gibt viel mehr Konkurrenz, und es ist schwieriger, Aufmerksamkeit zu bekommen oder davon zu leben. Ich habe von Anfang an Geld mit Musik verdient, mal mehr, mal weniger, aber es war möglich – von Musik leben zu können, das ist heute definitiv schwerer.
Joy: „Ich liebe die Berliner Schnauze“
tipBerlin Joy, du bist in Berlin aufgewachsen, Max, du bist aus Stuttgart hierher gezogen. Wie unterschiedlich nehmt ihr die Stadt wahr?
Joy Denalane Ich liebe Berlin – von Kopf bis Fuß. Die Stadt ist unglaublich vielfältig und hat für mich immer noch diesen Pioniergeist. Man kann sich hier neu erfinden, Dinge ausprobieren, die man vielleicht woanders nie gewagt hätte. Natürlich ist heute vieles davon gar nicht mehr so möglich, gerade mit Blick auf Wohnraum. Meine erste Wohnung kostete 100 Mark, ich musste nicht viel arbeiten, konnte kreativ sein und mein Leben genießen. Das ist heute natürlich anders. Trotzdem spürt man dieses Freiheitsgefühl noch, und genau das liebe ich an Berlin – auch wenn die Stadt manchmal zum Prokrastinieren einlädt (lacht).
In Berlin kriegt man erst auf die Schnauze, und wenn man dann noch steht, kommt die Umarmung
Max Herre
Max Herre Nach 23 Jahren würde ich sagen, ich bin angekommen (lacht). Anfangs musste ich mich hier wirklich neu orientieren, Kontakte knüpfen und mich an die andere Atmosphäre gewöhnen. Stuttgart war ein kleines Nest, aber für uns total interessant, weil man sich kannte und ein gutes Netzwerk für Musik hatte. Hier in Berlin, vor allem in unserem Viertel in Charlottenburg, fühle ich mich mittlerweile wohl und schätze die Möglichkeiten, die die Stadt bietet. Trotzdem habe ich einen etwas anderen Blick auf Berlin als Joy – für mich ist Berlin zwar mein Zuhause, aber Heimat ist woanders.
Joy Denalane Bin ich nicht deine Heimat?
Max Herre Klar, du bist immer Heimat.
Joy Denalane Ich liebe zum Beispiel die Berliner Schnauze. Ich kann sie zu hundert Prozent verstehen und das Liebenswerte darin raushören.
Max Herre Das kann ich inzwischen auch, aber es hat gebraucht. Dass ich gerade beschimpft werde und das eigentlich nett gemeint ist, das lernt man in Berlin (lacht). Man kriegt erst auf die Schnauze, und wenn man dann noch steht, kommt die Umarmung.
tipBerlin Gibt es bestimmte Orte in Berlin, die euch besonders am Herzen liegen?
Joy Denalane Ich liebe den Schlosspark Charlottenburg und den Lietzenseepark. Die haben für mich etwas sehr Beruhigendes und Schönes, da bin ich wirklich gern unterwegs.
Max Herre Ja, ich auch. Gerade im Sommer finde ich Berlin großartig – die Seen, die man in einer halben bis einer Stunde erreicht, sind super. Und ich mag, dass sich jeder Kiez ein bisschen anders anfühlt. Ich laufe einfach gerne durch die Stadt. Und jeder Berliner findet ja eh, sein Kiez sei der beste. (lacht)

Weitere Konzerte beim IFA Sommergarten
Mit Rapperin Ikkimel übernimmt am Samstag, 6.9., ab 15 Uhr eine der lautesten Stimmen der neuen Berliner Szene den IFA Sommergarten – Überraschungsgäste inklusive. Ikkimels kompromissloser „Fotzenstyle“ ist wild und garantiert nicht jugendfrei. Ihr Debütalbum „Fotze“ landete auf Platz 8 der deutschen Album-Charts, ihre EPs „Keta & Krawall“ sowie „Aszendent Bitch“ sind mit mehreren Millionen Streams bei Spotify und YouTube längst zu Hymnen einer Generation geworden, die Bock auf Abriss hat. Nach ihrer restlos ausverkauften „Hände hoch, Hose runter“-Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz ist das Heimspiel im Sommergarten der nächste Höhepunkt. Am Sonntag, 7.9., beenden dann Jan Böhmermann & Olli Schulz das Wochenende mit einer Live-Ausgabe ihres Erfolgs-Podcasts „Fest & Flauschig“.
Max & Joy – Alles Liebe Open Airs ’25 abgesagt- Offen für alles – Ikkimel & Friends Open Air IFA Sommergarten, Messe Berlin, Charlottenburg, Sa. 6.9., 15 Uhr, Tickets ab 55 €
- Fest & Flauschig live IFA Sommergarten, Messe Berlin, Charlottenburg, So 7.9., 20 Uhr, Tickets ab 28,50 €
- Mehr Infos und Tickets auf der Website
Mehr Musik
War schon mit Joy Denalane auf Tour: Newcomer FAYIM singt über queere Liebe. Hier lest ihr unser Interview. Bock auf Konzerte? Hier gibt’s unsere Konzerthighlights für den September. Auf ihrem Konzert in der Zitadelle Spandau beschwörten The Smashing Pumpkins den 90er-Spirit. Immer noch Mr. „SexyBack“? So war der Auftritt von Justin Timberlake auf dem Lollapalooza. Auferstanden von den Toten: So war das Konzert von Queens of the Stone Age in der Zitadelle. Noch lange im Gedächtnis wird uns bestimmt der Auftritt von Neil Young in der Waldbühne bleiben. Nicht ganz so lang wie Neil Young, aber nun auch schon 25 Jahre als Musiker unterwegs, ist Sido: Hier könnt ihr nachlesen, wie der Start der Jubiläumstour in Berlin war. Oder lieber direkt rein ins Nachtleben? In unserer Club-Rubrik findet ihr Partys in Berlin. Jede Woche neu: Hier meldet ihr euch für den tipBerlin-Newsletter an.


