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Max Raabe: „Ich muss keine Krise durchleiden, um darüber ein Lied zu schreiben“

max_raabe_c_gregor_hohenbergMit Annette Humpe haben Sie fraglos Ihre ideale Schreibpartnerin gefunden. „Für Frauen ist das kein Problem“ klingt gänzlich mühelos. War es das auch?
Als wir bei Annette am Küchentisch saßen, haben wir um jedes Wort gefeilscht und gerungen. Uns verbindet eine Liebe zu durchdachten Formulierungen. Und wir sind beide unglaublich pingelig.

In Ihren Songs treffen nun „ICE“ oder die „Schöffin beim Sozialgericht“ auf schöne vergilbte Wörter wie die „Ansichtskarte“ oder das „Sahne-Baiser“. Nostalgische Luft weht bei Ihnen immer.
Stimmt, aber das Album sollte keine nachgemachte Zwanzigerjahre-Musik sein. Es kokettiert mit Popmusik. Im Großen und Ganzen ging es um die Frage: Wenn man die Komponisten der 20er- und 30er-Jahre nach heute gebeamt hätte, wie hätten die sich mit dem Wissen der Popmusik verhalten und was hätten sie geschrieben?

Die Lieder wirken noch mal kürzer und reduzierter als zuvor. Ein bewusster Schritt?
Ich wollte nicht, dass sich etwas darin wiederholt. Es gibt keine Zeile auf dem Album, die ich so exakt zweimal singe, nicht mal im Refrain.

Ihre Sympathie gilt wieder allerlei schüchternen Menschen, die sich nicht trauen, vor anderen Leuten zu tanzen, oder die sich an allem schuldig fühlen. Singen Sie auch über sich selbst?
Irgendwie kennt man das alles, aber autobiografisch sind die Lieder nicht. Ich muss selbst keine tiefe Krise durchlitten haben, um ein Lied darüber zu schreiben. Der Ehrgeiz ist vielleicht, dass man diese Lieder in normalen Lebenssituationen rauskramen und zitieren könnte. „Ich bin schuld“ kann man zum Beispiel vor sich hinsingen, wenn man gerade vom Chef angeraunzt worden ist, (singt): Ich bin schuld, wer soll es sonst gewesen sein …


Bei aller Melancholie muss man über Ihre Heimlichtänzer und Notlügner lächeln – aufgrund eines überraschenden Wortes oder wenn Sie „Seychellen“ auf „Neukölln“ reimen.
Das ist mein Humor. Annette Humpe hat mal gesagt, dass es in der Popmusik eigentlich keine Ironie gibt. Wenn wir beide aber zusammen schreiben, kommen diese Brüche zustande.

Selbst dem Tod gewinnen Sie etwas Lustiges ab. „Am Ende beißen wir alle ins Gras“ singen Sie trocken. Offenbar sehen Sie die Sache entspannt.
Warum auch nicht? Irgendwann ist nun mal alles vorbei. Umso wichtiger ist es, dass man vorher das Leben genießt.

Bei Ihren Texten fallen einem kaum Referenzen zum Pop ein, eher denkt man an den skurrilen Witz Loriots. Gibt es da eine Affinität?
Ich denke schon. Als er gestorben ist, hat mir seine Frau später erzählt, dass die letzte Platte, die er gern aufgelegt hat, „Küssen kann man nicht alleine“ gewesen sei. Dass er eine CD mehrmals hintereinander angehört hat, ist sonst wohl nie geschehen. Das ist natürlich eine große Ehre. 

Interview: Ulrike Rechel

Foto: Gregor Hohenberg

Max Raabe & Orchester Admiralspalast, Do 7.–Mi 20.11., Sa 23. + So 24.11., jeweils 20 Uhr, sonntags 18 Uhr, VVK: 50–65 Ђ zzgl. Gebühr

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