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Mayhem in der Volksbühne

MayhemUmgedrehte Kreuze, brennende Kirchen, schwarze Messen und Solipsismen – dass Black Metal und seine ausführenden Protagonisten nicht nur klanglich für einige der schwärzesten Kapitel in der metallischen Musikgeschichte verantwortlich zeichnen, ist auch au­ßerhalb dieser Spielart hinlänglich bekannt. Kaum ein anderes Genre, abgesehen vom amerikanischen Gangster-Rap vielleicht, hat es seit den 90ern öfter in die Fachpresse-fremden Schlagzeilen geschafft, wenn es tatsächlich um reale (Selbst-)Morde, Gewalt, Zerstörung und politische Inkorrektheiten geht. Dabei kann den Norwegern von Mayhem gleich in mehrfacher Hinsicht eine führende Position zugeschrieben werden.
Mitte der 80er von und um Gitarrist Euronymous (bürgerlich Шystein Aarseth) gegründet, zählt die von Besetzungswechseln gebeutelte Band zu den wichtigsten Vertretern der schwarzmetallischen skandinavischen Szene. Ihr Panda­bär-Schminkgebaren, ihre paranor­malen Pseudonyme und anfangs auf antiaudiophilem Klang­ni­veau angesiedelten schwarzen Soundskizzen gelten bis heute als unumstößliche Blaupausen des Black Metals. Zu maßgeblichem Anteil sind es jedoch eher die unfassbaren (un-)menschlichen tragischen Begebenheiten, die sich um die Band und ihre Mitglieder ranken, die die Gruppe aus dem Nischendasein einer kultisch verehrten Band ins sprich­wörtliche Kritikkreuzfeuer einer großen Öffentlichkeit inner- und außerhalb Norwegens gebracht haben: Anfang der 90er begeht der mit dem bezeichnenden Künstlernamen Dead gesegnete Interimssänger Per Yngve Ohlin mit aufge­schnit­tenen Pulsadern den Selbstmord per Schrotflinte – ein blutiges Szenario, welches von Kollege Euronymous flugs zur Fotosession für potenzielle posthume Cover-Artworks genutzt wird. Darüber hinaus keimen Gerüchte auf, Euronymous und der damalige Mayhem-Basser Count Grishnackh (Varg Vikernes) seien Vorsitzende einer Organisation namens Inner Circle, einer extremen und antichristlichen Vereinigung, zu der auch Mitglieder anderer Black­Metal-Bands zählen sollen. Als 1992 in Norwegen diverse Gotteshäuser bis auf den Grund niedergebrannt werden, ist die Beweislage für Black-Metal-Brandstiftung ziemlich eindeutig: So wird Varg Vikernes, der zudem 1993 seinen Bandkollegen Euronymous mit 23 Messerstichen über die Klinge springen lässt, 1994 zur Höchststrafe verurteilt und bis zu seiner Bewährungsentlassung 2009 inhaftiert.
MayhemUngeachtet dieser Ereignisse setzen Mayhem nach einem Jahr Inaktivität ihre musikalische Karriere in einer von Schlagzeuger Hellhammer (Jan Axel Blomberg) reformierten Erscheinung fort und veröffentlichen Platten mit, nun ja, zunehmend musikalischem Fokus. Dies, die körperliche wie geistige Abwesenheit ihrer einstigen moralisch-ethisch ambivalenten Aushängeschilder oder einfach die Tatsache, dass Sänger Attila Csihar – der seine Stimme auch der künstlerisch experimentellen US-Drone-Band Sunn O))) leiht – nun festes Mayhem-Mitglied ist, mag erklären, warum sich die allgemeine Außenwahrnehmung bezüglich dieser in Sachen Lebensführung durchaus fragwürdigen Band mit der Zeit gewandelt hat. Und spätestens wenn die historische Hollywood-Verklärung oben be­schrie­­bener Realdramaturgie in Form der Buchverfilmung „Lords Of Chaos“ mit „Twilight“-Darsteller Jackson Rathbone als Varg Vikernes demnächst in die Kinos kommen wird, ist der Black Metal ideologisch sowieso das, was er nie sein wollte: Mainstream – und somit ziemlich tot.

Text: Danny Dubilski

Mayhem + Next Life, Volksbühne, So 17.1., 20 Uhr, VVK: 24/20 Euro

Tickets www.tip-berlin.de/tickets

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