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Me, My Self(ie) And I – Nummer 20: Wartenummer 1

Wartenummer eins

Ich habe es getan. Ich habe die Stadt verlassen und bin aufs Land gezogen. Dorthin, wo die Wege noch schlammig sind und man Crocs tragen kann, ohne von der Style-Polizei in U-Haft genommen zu werden. ?Ein Ort frei von Barista-Cafйs und vollbärtigen Baumfäller-Looks, jedoch voller Astlöcher in Bäumenstämmen – ein verschlafenes Dorf, in dem ich die Entdeckung der Schnelligkeit machte.
Ich war auf dem Weg zum Bürgeramt, um meinen neuen Wohnsitz zu melden. Ich stieg ich in den Bus, der zwei Minuten zu früh eintraf. Weil ich die einzige Mitfahrende war, hielt der freundliche Fahrer einige Hunderttausend Tannen weiter, noch vor der Haltestelle, direkt am Eingang des Amtes. Man muss sich vorstellen, in Berlin würde der Bus statt am Bahnhof Alexanderplatz zwei Ecken zuvor beim Technikmarkt halten, weil ein Fahrgast noch schnell ein Ladekabel kaufen muss. Tumulte und aufgebrachte Bürger wären die Folge! Hier blieb die Aufregung überschaubar. Meine Schritte hallten im menschenleeren Gebäude. Am Auto?maten zog ich die Wartenummer eins – meine erste Nummer eins über?haupt. Die Bearbeitungszeit dauerte vier Minuten, und perplex über den wohl kürzesten Aufenthalt meines Lebens in einer Behörde stieg ich auf dem Rückweg in den falschen Bus ein. ?Er war vollgestopft mit pubertierenden Schulkindern, die sich YouTube-Videos reinzogen oder WhatsApp-Nachrichten zuschickten. Merkwürdig: In der tiefsten Pampa ist schnelleres Internet verfügbar als an meinem letzten Wohnort in Berlin.
Nicht, dass man hier schnelles Netz bräuchte, gegen den verbalen Infostrom meines Dorfs können VDSL ?und LTE einpacken. Ein Gespräch ?mit der richtigen Person, und der Rest erledigt sich ohne Facebook. Eine Freundin sagte, es ist der schmale Grat zwischen Distanz und Nähe, ?der darüber entscheidet, ob man ein beschauliches Dorfleben führt oder die Hölle auf Erden erlebt. Die Formel dazu lautet: Grüßen – ja, lange Ge?spräche – nein. Vergessen ist die Berliner Taktung. „Schnelligkeit ist schlafen, wenn andere noch gähnen“ (frei nach Kalenderspruch).

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Jackie A. liest Jackie A. – Der Podcast: Me, My Self(ie) And I – Nummer 20: Wartenummer 1

Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Guten Tag, Siri, schönes Wetter heute!

Siri: Nein, Jackie, es wird heute nicht sehr schön sein.

 

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