Konzerte & Party

Medienrevolution bei den Berliner Philharmonikern

Berliner Philharmoniker

Andere mögen die Krise der Tonträgerindustrie beklagen, die Berliner Philharmoniker gründen einfach ein eigenes Plattenlabel: Berliner Philharmoniker Recordings. Als erste Produktion präsentieren Simon Rattle und die Seinen Schumanns vier Symphonien, einmal auf zwei CDs, außerdem auf Blu-Ray mit Audio-File und Film. Alles zusammen verpackt in einer großen Pralinenschachtel, die in kein CD-Regal passt. Musikalisch bieten die Philharmoniker fast so etwas wie einen Berliner Schumann. Pünktlich, planmäßig exakt und konturverstärkt. Man merkt, dass der britische Chef im Grunde der preußischste aller Philharmoniker-Chefs war. Auf Zusammenhalt erpicht, auf Schlagkraft und Drill.
Warum brauchen die Philharmoniker überhaupt ein hauseigenes CD-Label? Schließlich sind sie längst Pioniere wesentlich modernerer Medien-Nutzung. In ihrer Digital Concert Hall lassen sich ihre Konzerte live und als Archiv-Aufzeichnungen im Internet verfolgen. Damit wurden sie weltweit zum ersten Orchester, das den Medienwandel souverän für sich nutzt. CDs zu pressen wirkt da fast rührend altmodisch. „Das CD-Label ist kein Rückschritt“, sagt Solo-Cellist Olaf Maninger, der Geschäftsführer der Berlin Phil Media GmbH. „Wir waren seit Jahren unzufrieden damit, dass das große symphonische Repertoire aus unserem Aufnahmeleben herausgefallen ist. Auf unserem eigenen Label wollen wir demnächst einen Beethoven- und einen Sibelius-Zyklus, außerdem Bachs Johannes-Passion in der Inszenierung von Peter Sellars herausbringen.“ Ein Schubert-Zyklus mit Nikolaus Harnoncourt soll folgen. „Da wir auf die Bestände der Digital Concert Hall zurückgreifen können, ist alles leicht umzusetzen – und auch bezahlbar.“ Ökonomischer Hintergrund der Label-Gründung dürfte die Tatsache sein, dass das Orchester zum ersten Mal in seiner Geschichte über keinen externen Schallplattenvertrag bei einem Major-Label verfügt. Der von Simon Rattle bei der EMI ist ausgelaufen und wurde, aus welchen Gründen auch immer, von Maestro und Label nicht verlängert. Und die Schumann-Symphonien, mit denen man jetzt startet, wollte die Warner, welche den EMI-Katalog mittlerweile übernommen hat, offenbar nicht ins Programm aufnehmen.
Berliner Philharmoniker„Da wir den Vertrieb selbst steuern und uns vom alten Honorar-Modell getrennt haben, brauchen wir nicht mehr jeweils 30?000 bis 40?000 CDs zu verkaufen wie früher“, erklärt Maninger. Stattdessen überschreite man schon bei 5?000 bis 10?000 verkauften Exemplaren die Gewinnschwelle. Auch das sind im engen Klassik-Markt ambitionierte Ziele. Zumal auch Maninger davon überzeugt ist, „dass man in fünf Jahren noch weiter weg sein wird vom physischen Produkt“. Da die Philharmoniker mit 650?000 Facebook-Likes, Newslettern, Apps und YouTube-Channel die digitalen Kanäle gekonnt wie kein anderes Orchester bespielen, gelingt ihnen heute über die sozialen Netzwerk eine intensive Kunden- und Markenpflege. Das können sie für ihre CD-Vermarktung nutzen. „Ich wundere mich selber“, so Maninger, „wie sehr sich heute viele aus der Branche für uns interessieren, nicht nur aus künstlerischen Gründen, sondern weil sie den direkten Kontakt zu unseren Kunden so spannend finden.“ Der berühmteste Klangkörper der Welt ist offenkundig auch in der Nutzung neuer Medien ein klug agierender Branchenprimus.
Das alles sind Spätfolgen der fetten Karajan-Jahre. Unter ihm lernten die Philharmoniker das Geldverdienen gründlich. Viele Orchestermusiker legten sich damals von den üppigen Schallplatten-Tantiemen Zweithäuser in Salzburg und schnittige Sportwagen zu. „Das ist lange, lange her“, wiegelt Maninger ab. „Schon, als ich vor 20 Jahren ins Orchester kam, machten wir nur noch sechs bis sieben CD-Aufnahmen jährlich und fünf bis sieben Fernsehübertragungen.“ Heute kommt einer der besten Klangkörper der Welt noch auf drei bis vier Fernsehübertragungen pro Jahr. Von Tantiemen-Ausschüttungen wie zu Karajans Zeiten können die Musiker heute nur träumen.
Sir Simon RattleAber nicht nur der Medienwandel machte die Label-Gründung für die Philharmoniker interessant. 2018 gibt Simon Rattle seinen Posten als Chefdirigent ab – als erster Dirigent ganz und gar freiwillig in der 132-jährigen Geschichte des Orchesters. Vielleicht schon nächstes Jahr werden die Musiker des selbst verwalteten Orchesters über einen Nachfolger abstimmen. Für den Posten des Chefdirigenten des besten Orchesters der Welt kommen fünf große Namen in Betracht. Drei Altmeister: Mariss Jansons, Riccardo Chailly und Christian Thielemann. Und zwei Jungstars: Gustavo Dudamel und Andris Nelsons. „Dabei wird ein Schallplattenvertrag des Neuen keine Rolle spielen“, räumt Maninger ein. Und setzt sofort hinzu: „Genau wie früher.“
Die ganze Wahrheit ist das nicht. Claudio Abbado trug 1990 bei der Karajan-Nachfolge wohl auch deswegen den Sieg davon, weil die Deutsche Grammophon gemeinsame Schallplattenprojekte zusicherte. Ein ähnlich großes Marketing-Potenzial dürfte am ehesten die südamerikanische Temperamentsbombe Gustavo Dudamel (33) haben. Soll man ihm die Berliner Philharmoniker aber wünschen? Die gelten als unwiderstehliches, aber auch nicht ganz leicht zu handhabendes Orchester. Die Label-Gründung ist so auch als pragmatischer Akt zu verstehen – und als Signal der Bereitschaft, auf eigenes Risiko zu wirtschaften. Was die Wahl des Rattle-Nachfolgers erheblich entspannen dürfte.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Fotos: Monika Rittershaus

Robert Schumann: ?Symphonien Nr. 1–4
Berliner Philharmoniker, ?Ltg. Simon Rattle ?(2 CDs+1 Blu-Ray-Audio, Berliner Philharmoniker Recordings)

Berliner Philharmoniker / ?Gustavo Dudamel Saisonabschlusskonzert in der Waldbühne, Fr 27. 6., Einlass:18.15 Uhr, Beginn: 20.15 Uhr, Kartentelefon: 01806570070

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