Alternative-Folk

„Mehr ist mehr“ – Interview mit Alt-J

Die drei Briten von Alt-J hatten 2012 gleich mit ihrem ersten Album den Mercury Prize gewonnen, den zweitwichtigsten Musikpreis der Welt. Ihr Sound, mal düster, mal dancy, ist anspruchsvoll, aber erfreut sich riesiger Beliebtheit. Wie machen die das bloß? Wir haben mal in Melbourne angerufen, während sie down under auf Touren waren, und haben den Keyboarder gefragt

Foto: Mads Perch

tip Kommen Sie gerade vom Soundcheck, Gus?
Gus Unger-Hamilton Der ist schon vorbei. Jetzt schauen wir Cricket. (lacht) Aber keine Sorge, gerade ist Pause.

tip Dann machen wir es kurz und schmerzlos. Heißt die Band eigentlich Delta oder Difference oder Alt-J? Da scheiden sich die Geister.
Gus Unger-Hamilton Als wir mit der Band begonnen haben, schwebte uns jedenfalls das Delta-Symbol vor Augen, als Zeichen des Andersseins …

tip … das man auf vielen Computern schreibt, indem man die Tasten Alt und J gleichzeitig drückt. Und obwohl Sie zu viert begonnen haben, sind Sie inzwischen ja sogar ein Dreieck im Studio.
Gus Unger-Hamilton Exakt, wir sind zu dritt!

tip Apropos Anderssein: Im Opening-Track Ihres 2017er Albums „Relaxer“ geht es darum, seine eigene Sprache zu finden, statt die drei allzu abgetragenen Worte zu benutzen, um seine Liebe auszudrücken.
Gus Unger-Hamilton Ich glaube, wir haben alle schon mal „Ich ­liebe dich“ gesagt, ohne wirklich zu hundert Prozent dahinterzustehen. Nicht bloß wenn man betrunken ist. Manchmal geschieht es aus einer Unbeholfenheit heraus. Man kriegt das in seiner Erziehung ja so mitgegeben, dass man das so sagt, nicht? Obwohl die Konsequenzen explosiv sein können. Das ist, als ob jemand einem den Atomkoffer in die Hand drückt und auch noch fahrlässig den Code verrät. Und dann geht man eben in die Welt hinaus und verwendet diese Formel überall: „Ich liebe dich.“ Bis man rafft, dass das nicht sehr sensibel ist.

tip Als Mitglied einer Band, die ihre sehr eigene musikalische Sprache gefunden hat: Wie erfindet und entwickelt man denn eine solche eigene Semantik und Grammatik?
Gus Unger-Hamilton Himmel, Kreuz, Donnerwetter! Ich würde ­sagen, die Sprache ist nicht mal so wichtig, sondern die Beziehung selbst, wissen Sie?

tip Okay, aber musikalisch? Die Musik von Alt-J hat doch einen Spleen.
Gus Unger-Hamilton Dankeschön! Nun, musikalisch haben wir damals definitiv verschiedene Sprachen mitgebracht, als wir an der Kunsthochschule zusammentrafen. Thom hat in Heavy-Metal-Bands getrommelt. Ich habe klassische Musik gesungen. Joe hatte viel von seinem Papa gelernt, und der ist Singer-Songwriter. So gesehen mussten wir musikalisch erst mal zueinander finden, um einander zu verstehen. Zunächst war das sicher ein Kauderwelsch. Andererseits waren wir unverbraucht. In uns brodelte ein Übermaß an Ideen. Wir versuchen, uns diesen Spirit zu erhalten, sind aber auch einfach besser auf unseren Instrumenten geworden, haben uns neue Instrumente angeeignet. Und: Experimente sind uns wichtiger geworden. Wenn wir Songs schreiben, kommt uns schon manchmal der Gedanke daran, was für ein Spaß das sein wird, sie live zu performen. Trotzdem schreiben wir unsere Songs nicht eigens für die Arenen.

tip Wie passen Ihnen denn die Labels Alternative-Folk oder Indie-Rock?
Gus Unger-Hamilton Wenn ich jemanden treffe, der noch nie was von uns gehört hat, würde ich wohl erst mal Indie-Rock sagen. Das ist die Welt, in der wir uns musikalisch herumtreiben. Wenn uns Leute als Alternative-Folker bezeichnen, freue ich mich aber auch darüber, dass sie den Folk unter der Oberfläche entdecken. Das ist ja nicht ganz offensichtlich.

tip Apropos Folk. Ganz schön tollkühn, „House of the Rising Sun“ zu covern. Ausgerechnet einen Song, den man an jedem zweiten Lagerfeuer hört.
Gus Unger-Hamilton Wir haben uns den folkigsten Song der westlichen Welt herausgepickt und etwas eigenes damit gemacht. Wir ziehen mit dieser Cover-Version von „House of the Rising Sun“ schon seit der Tour zum ersten Album 2012 umher. Je mehr wir daran gearbeitet haben, je mehr die Original-Akkorde und die Original-Liedzeilen verschwammen, desto mehr wurde der Klassiker zu einem Alt-J-Song.

tip Ihre Version klingt depressiver als jede andere, die ich kenne. Trifft sie des Pudels Kern der Lyrics damit am besten?
Gus Unger-Hamilton Hm, ich weiß nicht. Ursprünglich kannte ich die Version der Animals gar nicht so richtig. Für mich war das vor allem ein Song, den man in meiner Familie sang. Mir war das Lied also immer schon sehr vertraut. Auf dem Album haben wir 20 klassische Gitarristen gebeten, gleichzeitig zu spielen. Das hat eine besondere Magie heraufbeschworen. Ein bisschen so wie ich mir das bei John Cage vorstelle. Man hört nicht bloß die Gitarren-Riffs, sondern gewissermaßen auch den Raum. Und 20 Menschen, deren Finger versetzt gegen die Gitarrenhälse knarzen. Unsere Devise war: Mehr ist mehr. Auch bei den Streichern. Wir haben diesmal alles aufgemotzt.

tip Wir hatten über die Wichtigkeit und Unwichtigkeit von Sprache gesprochen. Ihr Drummer ist zu 80 Prozent taub, wegen einer Erbkrankheit, dem Alport-Syndrom. Ändert das was an der Kommunikation?
Gus Unger-Hamilton Das war nie das Problem. Auch wenn man das meinen könnte. Er ist eher ein Ruhiger und redet nicht unnötig viel, aber das hat nie geschadet.

tip Sie haben, anders als Ihre Band-Buddys, nicht Kunst, sondern Literatur studiert. Ein Song auf dem letzten Album heißt genau wie der nicht-fiktionale Truman-Capote-Klassiker über den Mord an einer Familie: „In Cold Blood“. Kaltblütig.
Gus Unger-Hamilton Die Zeile kommt definitiv daher, aber die Lyrics haben den Roman dann doch hinter sich gelassen. Der Song ist kein Song über das Buch. Ich hab aber ein anderes Buch für Sie: „So grün war mein Tal“ von Richard Llewellyn. Es handelt von einer walisischen Bergbaugemeinde im 19. Jahrhundert. Der letzte Song auf dem Album, „Pleader“, basiert auf diesem Buch. Eine geradezu pastorale Hymne auf die Aura dieser Zeit, die längst vergangen ist. Also sind wir in eine englische Kirche gegangen, die Ely Cathedral, und haben dort sowohl die Kirchenorgel als auch einen Knabenchor aufgenommen. Ich selbst war in diesem Chor-Internat vier Jahre lang, bis ich 13 war. Ziemlich intensiv, aber das hat mir auch viel gegeben.

tip Lesen Sie eigentlich Rezensionen zu Ihrem Album oder ist Ihnen das zu doof?
Gus Unger-Hamilton Ja, doch, wir lesen uns das durch.

tip Viele Kritiken zum neuen Album waren ja nicht so nett wie bei den ersten beiden. Geradezu harsch, mitunter.
Gus Unger-Hamilton Einige waren hymnisch, andere das Gegenteil. In den USA kriegen wir übrigens nicht halb so viel Gegenwind von der Kritik wie bei uns zu Hause in England. Über dem Teich sind wir als Briten nämlich schon Exoten. (lacht) Zu Hause in England gelten wir als langweilige weiße Middle Class Kids. Aber Gegenfrage: Warum soll man im Showbiz immer eine verrückte Persönlichkeit mitbringen? Warum soll die Musik nicht für sich stehen dürfen? Aber so ist das: Sie werden nie von allen geliebt werden für das, was Sie tun. Es stimmt schon: Wir stehen oft unter Beschuss durch scharfe Kritik. Wir spielen eben Musik, die nicht ganz Standard ist. Manchen geht das wohl gegen den Strich. Die finden das prätentiös. Aber Gegenfrage: Was bitte ist nicht prätentiös allein an dem Fakt, dass man in einer Band spielt? Man hat sich immerhin dafür entschieden, auf die Bühne und ins Rampenlicht zu treten. Das ist per se großtuerisch. Wenn Prätention das beste Wort ist, das Leuten einfällt, um uns zu beleidigen, dann bin ich guter Dinge. Dann umarme ich das Wort sogar! (lacht)

tip Sie machen ja nicht wenig Geld damit.
Gus Unger-Hamilton Ich würde nicht gerade sagen, dass wir reich sind. Aber es geht uns zumindest unheimlich viel besser als das mal der Fall war. Als wir früher, noch zu viert, in einem Haus mit zwei Betten in Cambridge wohnten, habe ich ­heruntergebrannte Zigarettenstummel geraucht. Das war einfach billiger als Essen. Ich glaube, die Musikindustrie unterschätzt den Appetit von Menschen, sich auf Musik einlassen, die einen auch herausfordert. Das heißt aber überhaupt nicht, dass wir krampfhaft versuchen würden, anders zu klingen als andere. Das macht einen nämlich sicherlich nicht glücklich.

Max-Schmeling-Halle Am Falkplatz, Prenzlauer Berg, Do 18.1., 20 Uhr, VVK 48,50 €

 

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