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Indie-Rock

Mein Kokain ist grüner Tee, sagt die japanische Sängerin Mitski

„Ich habe schlechte Angewohnheiten“, sagt Mitski. Die Sängerin wurde in Japan geboren und lebt in New York. Sie ist wohl die spannendste neue
Stimme des Rock. Ein Gespräch über Rassismus, Faulheit und das Ende des Kokains

Foto Ebru Yildiz

tip In Ihrem Song „Best American Girl“ singen Sie darüber, warum Sie nicht mit diesem All-American-Boy zusammen sein können. Ein politisches Statement?
Mitski Klar, das Private ist politisch, und Politik wirkt ins Private hinein. Allein schon, wenn ich mich als asiatische Frau in den USA bewege und mit Leuten rede, ist das politisch. Aber die Idee für den Song war kein politischer Aufschrei. Ich wollte einfach meine missglückte Liebesgeschichte erzählen. Auch wenn das am Ende zwangsläufig wieder politisch wird.

tip Wie denken Sie über die Black-Lives-Matter-Bewegung, der sich auch prominente Menschen der Musikwelt anschließen, Beyoncé und Kendrick Lamar etwa? M.I.A. meinte ja kürzlich, man sollte lieber sagen: „All Lives Matter“.
Mitski Dass alle Leben von Bedeutung sind, steht doch sowieso außer Frage. Aber in den USA werden Schwarze zurzeit so behandelt, als ob sie nicht zählen würden. Deshalb ist dieser Kampf für Gleichberechtigung genau richtig. Ich kann die Kritik von M.I.A. an der Bewegung nicht verstehen. Natürlich könnte Beyoncé, wie es M.I.A. fordert, auch sagen: „Muslim Lives Matter.“ Aber da Beyoncé nun mal keine Muslimin ist, kann sie nicht wirklich wissen, wie sich diese spezielle Diskriminierung anfühlt. Sie hat diese Erfahrung niemals gemacht. Ich finde das völlig richtig, dass sie sagt: „Black Lives Matter.“

tip In Ihrem Song geht es jedenfalls darum, dass Ihre US-Schwiegermutter in spe damit wohl nicht einverstanden wäre, wie Sie erzogen wurden.
Mitski Ich bin in Japan geboren und in einem Dutzend Ländern aufgewachsen. Ich selbst bin bi-racial: Meine Mutter ist Japanerin, mein Vater Amerikaner. Ich habe nicht das Gefühl, von einem einzigen Ort herzukommen. In den USA finden mich viele Leute sonderbar. Die Leute sind verwirrt, können nicht mal sagen: Sie kommt da-und-da her. Wenn ich in dem Song von unseren beiden Müttern singe, ist das aber auch eine Metapher: Mutter als Metapher dafür, wie man aufgewachsen ist.

tip Also geht es nicht um das Klischee der strengen asiatischen Tiger-Mama, die ihre Kinder zwingt, Instrumente zu lernen. Sie hatten als Kind nicht mal Musikstunden.
Mitski Wir sind viel zu oft umgezogen, als dass das möglich gewesen wäre. Manchmal alle sechs Monate, weil man Vater Diplomat war. Oft gab es da nicht mal Klaviere. Ich hab mir selbst in Malaysia das Tastenspiel beigebracht auf einem Keyboard, das dann immer mit uns umzog. Ich hab also ein paar schlechte Angewohnheiten, die mir richtige Pianisten sofort ankreiden würden.

tip Sie haben trotzdem Komposition studiert.
Mitski Ganz ehrlich: Für die Basics der Kompositionstheorie muss man nicht besonders clever sein. Es gibt bestimmtes Handwerkszeug, mit dem man da rangeht. Mich hat das immer interessiert, deshalb fühlte es sich auch nie nach Studieren an. Ich hab einfach gemacht, was mir lag. Im Grunde bin ich aber faul. Irgendwann wurde es mir sogar lästig, mein Keyboard in Zügen zu transportieren, sodass ich für Gigs auf Gitarre umstieg. Und die hab ich so umgestimmt, dass ich besonders leicht den D-Dur-Akkord spielen konnte – weil ich niemals Zeit hatte, ordentlich Gitarre zu lernen. Ich kann nur ein paar einfache Griffe.

tip Ihr wichtigstes Instrument ist nun mal die Stimme.
Mitski Absolut!

tip Sie gröhlen, schluchzen und halten dann wieder super saubere Töne. Kontrollieren Sie diese Modulationen streng oder ist das pure Intuition?
Mitski Ein bisschen von beidem. Ich hab gelernt, wie man richtig atmet und bin begierig darauf, meine Stimme sehr präzise zu steuern. So was überlasse ich nicht dem Zufall. Es geht mir darum, meine Stimme so zu manipulieren, um ganze bestimmte Emotionen auszulösen. Ich benutze viel meinen Kopf, um wirklich von und zum Herzen zu sprechen.

tip Man spürt dieses Faible für kosmische Metaphern: Die Sonne, die niemals die Nacht sieht. Oder ein Mensch, der aus Sternbruchstücken gemacht ist.
Mitski Das Weltall war so ziemlich die einzige Konstante in meinem Leben. Egal wo ich lebte, hab ich immer hoch in die Sterne geschaut. Deshalb liegen mir solche Metaphern wohl besonders nahe.

tip Wie kommt das dann eigentlich, dass Sie trotz Ihrer Liebe für die Weite Ihre Songs meist auf drei Minuten eng schnüren?
Mitski Ich möchte, dass die Songs selbst so wenig Zeitraum wie möglich einnehmen. Alles, was sich sagen lässt, möchte ich so konzise und direkt sagen wie es irgend geht. Die Geduld zum Mäandern bringe ich nicht auf.

tip Leben Sie auf Tour eigentlich den amerikanischen Rock’n’-Roll-Traum mit Sex und harten Drogen?
Mitski After-Show-Partys sind so gar nicht mein Ding. Ich schlafe so lang und esse so gesund wie ich nur kann. Sex, Drugs and Rock’n’Roll? Ich bitte Sie, diese Ära ist doch seit den 1990ern vorbei. Die Musikindustrie hat gar nicht mehr genug Geld, um wirklich fett zu feiern. Mein Kokain ist grüner Tee.

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