Online-Exklusiv-Interview

Jamie Isaac: „Meine romantischen Ideen sabotieren mich“

Kein zweites Album wurde 2017 über Genre- und Altersgrenzen hinweg so abgöttisch gefeiert wie das von King Krule, dem 23 Jahre jungen Angry Man. Der King hat seit Schulzeiten aber auch einen weniger pissigen und dafür umso piano-affineren Buddy und kingkünstlerischen Weggefährten: Jamie Isaac, ebenfalls 23, ein junger Jazzer, der seinen nachdenklich souligen Tracks auf dem neuen, zweiten Album „(4:30) Idler“ schön Bossa-Breitseite gibt – und wie ein unehelicher Sohn von Hot Chips Alexis Taylor und James Blake drüber singt, was ihm den Schlaf raubt. Wir sind mit ihm am Landwehrkanal spazieren gegangen, an einem dieser Tage kürzlich, die sich sommerlicher als Sommer anfühlten. Natürlich ist auch dort die Melancholie in die Idylle eingebrochen. Typisch Idler, typisch Isaac.

Foto: Bolade Banjo

Du bist ja so ein Romantiker, Jamie. Gibt’s bei dir zuhause in London auch Wasser in der Nähe wie hier am Paul-Lincke-Ufer.

Leider erst fünf Meilen entfernt.

„(4:30) Idler“ heißt dein Album, also Morgens-Halb-Fünf-Müßiggänger.

So hab ich mich gefühlt. Wie ein Leerdreher. Und ich auch die Leute, über die ich in meinen Songs schreibe, sind solche Müßiggänger. Zugleich erscheint mir das auch sehr zeitgeistig: dass wir Zeit verbummeln. 

Welche Bedeutung hat die Uhrzeit halb fünf morgens für dich?

Ich hab viel Musik um diese Uhrzeit herum geschrieben. Ich hatte ja starke Schlafprobleme, als ich das Album gemacht habe. Halb fünf ist so ein Niemandsland. Stille Stunde. Zu spät für das eine und zu früh für das andere.

Hast du Tricks, die helfen, einzuschlafen?

Musik machen! Das verschafft einem Befriedigung. Das hilft ja dabei, ins Schlummerland zu gleiten.

Setzt du dich dann ans Klavier oder an den Laptop?

Kann beides sein. Mit Kopfhörern, damit die Nachbarn nicht klopfen, um sich zu beschweren. Oder ich sitze im Bett mit meinem Notizbuch.

Du bist schon ein Grübler, oder?
Ich glaub, so ist es. Ich mach Musik zum Grübeln. Für grübelnde Teenager von 20 bis 30. (lacht) Ich glaube, wir Engländer haben nicht viel gut drauf, aber Melancholie können wir verdammt gut. (lächelt)

Musik für 20-30-jährige „Teenager“? Du referierst aber auf viel Jazz, den Leute in dem Alter eher nicht kennen.

Das stimmt wohl. Ich meine auch eher Leute mit Teenager-Mentalität. Die können durchaus älter sein. Aber auch Jazz wird zurzeit wieder größer, in London zumindest.

Durch Samples im Hip-Hop?

Ja, immer durch Hip-Hop! Daher rührt ja schon lange bei vielen die Liebe zum Jazz. Und mir ging es auch so. Indem ich Samples im Hip-Hop aufgespürt habe und dann mehr über diese Song-Schnipsel wissen wollte.

Dein Dad hat dir aber auch viel Jazz vorgespielt, hab ich gelesen.

Früher war er Drummer, heute fährt er Taxi. Im Taxi hat er mir immer viel Funk und Soul vorgespielt. Acid-Jazz und so Zeugs. Er hat im Rhythmus aufs Lenkrad getrommelt. Das waren passionierte Autofahrten.

Du bist seit vielen Jahren mit King Krule befreundet. Der scheint ja bisschen aggressiver drauf zu sein. Wie kommt ihr beide überhaupt miteinander klar?

Ich glaube, unsere Persönlichkeiten sind im Grunde sehr, sehr ähnlich. Nur die Art und Weise, wie wir unsere Emotionen anderen mitteilen, unterscheiden sich eben. Da ist Archy, also King Krule, schon aggressiver. Und ich mehr in mich gekehrt. Aber wir passen wunderbar zusammen. Soll auch gar nicht heißen, dass ich weniger zornig bin als er. Aber meine Musik ist es. Oder der Ärger drückt sich in meiner Musik anders aus als bei Archy. Aber auch bei mir gibt’s verkrümmte Vocals und Soundscapes im Hintergrund. Vielleicht weniger Geschrei. (lacht)

Ist das eine bewusste Entscheidung oder passiert das automatisch so?

Das kommt von selbst so. Es entspricht meinem Naturell, dass ich romantische Musik machen will. Weißt du, ich bin einfach einer von den Kerlen, die das mögen. Und ich find es sogar cool. Melancholische Musik von anderen ist auch immer am stärksten in mir mitgeschwungen. Aggressivere Musik spricht mich inzwischen auch an. Doch als ich anfing, selbst Musik zu machen, war das noch nicht so. So aggressiv war ich einfach nicht drauf. Doch Songs, die ich letztens rausgebracht habe, wie „Maybe“ und „Wings“ und „Doing better“ – die sind schon fetter produziert und lassen durchschimmern, dass ich noch mehr Facetten habe.

In deinen Lyrics fällt mir auf, dass öfter mal von Knochen die Rede ist. Ein Leitmotiv?

Ja, schließlich halten sie uns Menschen zusammen. So wie Wasser. Ich singe auch gerne übers Wasser. Bei den Knochen geht’s mir jedenfalls auch darum, etwas im wahrsten Sinn des Wortes von innen nach außen zu wenden.

„Doing better“ klingt so, dass es dir nun besser geht: „Yes, I’m doing better with my sleeping / I need less time for weeping.“ Die Musik hilft als Therapie.

Und so war es schon immer. Mit diesen menschlichen Gefühlen, die jeder alltäglich hat. Liebeskummer.

Du hast jeden Tag Liebeskummer, Jamie?

Ähm, ja klar, du etwa nicht? (lacht)

Na gut, fast jeden Tag.

Siehst du! Mach dir selbst nix vor! (lacht) Musik befriedigt und heilt. Sie kommt aus dem Nichts. Sie entspannt mich, wenn sie mein Denken auf andere Bahnen leitet.

Musik allein reicht wohl aber nicht. Man braucht schon auch andere Menschen.

Ja klar! Ich neige auch zur Abhängigkeit von Menschen.

Auf einem gefährlichen Level?

Manchmal. Aber da arbeite ich dran. Meine romantischen Ideen sabotieren mich. Und ich stehe sogar noch drauf, dass das so gefährlich ist. Ich weiß, dass das nicht toll ist, aber ich mag den Thrill daran.

Dein Papa hat mal in einem Interview von dem kleinen batteriebetriebenen Casio-Keyboard erzählt, auf dem du als Kind angefangen hast zu spielen.

Ich erinnere mich genau an das alte Mist-Teil! Da war ich sechs oder so. Und ich war davon besessen. Es hatte so witzige Sounds in sich. DJ-Sounds hab ich die genannt. Als Kind war das so: Meine Güte, was für ein krasser Scheiß! Aber ich hab das meistens heimlich gespielt. Ich wollte damit nicht rausgehen und Zeugs tun, was normale Kids tun. Mein Papa machte sich damit schon Sorgen, dass ich ein Superweirdo werde.

Aber er hat dir das Keyboard doch gekauft.

Wohl zusammen mit meiner Oma. Sie war eine richtige Pianistin. Bei ihr zuhause hatte auch schon als Kind auf dem Klavier geklimpert. Sie wusste, dass ich das liebte, und hat mich massiv beeinflusst.

Wurdest du dann mit dem Keyboard noch introvertierter oder hat es dir geholfen, dich mit der Welt draußen zu verbinden?

Wenn du ein Instrument lernst, wirst du halt zum Einsiedler. Zumindest wenn du die Sache ernst nimmst. Du verbringst Stunden um Stunden damit. Und nicht etwa weil du müsstest, sondern weil du es von ganzem Herzen willst. Das gibt dir mehr als dir Menschen manchmal geben können. Erst wenn du älter wirst und auf Tour gehst, bringt dich die Musik nach draußen in die Welt. Die Leute denken dann beim Konzert natürlich nicht groß drüber nach, dass du dich jahrelang eingeschlossen hast und nichts anderes gemacht hast als diese Instrumente zu erlernen und mit ihnen eins zu werden. Da steckt so viel mehr drin als Leute so gemeinhin meinen. Inzwischen hilft mir die Musik, nach außen zu blicken. Aber das war nicht immer so.

Wirst du mit allen Instrumenten eins? Nicht nur mit dem Klavier, das dir vielleicht am nächsten steht?

Absolut! Anders geht’s nicht. Du kriegst sonst nicht wirklich was aus ihnen heraus, wenn du nicht sehr viel hineingibst.

Du spielst ja wahnsinnig viele Instrumente und machst dir offenbar viel Gedanken darüber, Klangstimmen zu arrangieren. Wie widerstehst du der Versuchung eines pompösen Sounds? Der Klang deiner Songs erinnert mich an simpel scheinende, beruhigende Zengärten. Ist Minimalismus dein Ideal?

Ja, das spielt immer eine wichtige Rolle für mich. Im Schweigen und in der Ruhe steckt eine Menge Kraft. Meine Songs brauchen diese Momente der Ruhe. Damit man kurz aufatmen kann und seiner selbst gewahr wird. Ich fand das immer romantisch, Klavierklänge immer wieder zu loopen und jedes Mal ein Detail hinzuzufügen oder wegzunehmen. Kleine Wiedergeburten. Reinkarnationen.

Du redest viel von Romantik. Woher hast du eigentlich all deine romantischen Ideen? Aus Filmen?

Gute Frage. (überlegt lange) Ich bin gar nicht mal so sicher. Sorry.

Frühere Beziehungen?

Gut möglich. Wenn man viel Zeit mit Instrumenten verbringt und seine Introversion immer weiter steigert, blickt man eben eigen auf die Welt.

Jamie Isaac rollt sich Zigaretten und beginnt zu rauchen.

Wie viel Zigaretten rauchst du so an einem normalen Tag?

20?

Haben sie dir im Kirchenchor früher nicht beigebracht, dass Rauchen auf die Stimme geht?

Ich hab mit 15 angefangen. Entspannt! Das Singen im Chor tat aber auch gut. Das war großartig und hat mich in meiner Musik sehr voran gebracht. Religiös war ich allerdings nie. Das kam nie so richtig an mich ran. Aber ohne das wäre ich wohl jetzt nicht hier. Ich mag das auch, hohe Chorale in meine Songs reinzuschreiben. Ich liebe es!

Eine andere Eigenart von dir: Bossa Nova. Das ist schon sehr ungewöhnlich in junger, melancholischer Pop-Musik.

Die 1964er Platte „Getz/Gilberto“ von João Gilberto und Stan Getz war dabei sehr wichtig für mich. Ich hab sie zum ersten Mal in San Francisco gehört, als ich mit meinem ersten Album dort auf Tour war. Leute aus meiner Band haben mich in diesen Plattenladen mitgeschleift. Da hab ich das Album für mich entdeckt. So sollten meine neuen Songs klingen: kühle Drums. Nicht so viel Nachhall bei den Vocals wie ich ihn früher benutzt habe.

Sonniger sollten die Songs auch klingen. Das passt so gut zu einem Sonnentag wie heute. Aber wie bringst du Bossa-Heiterkeit und Sonnenschein mit Emo-Lyrics und Schlaflosigkeit zusammen?

Ich mag das Nebeneinander dieser Gegensätze. Die Ironie. Mehr als alles sonst. Sommerklang mit morbiden Texten. Das amüsiert mich. (lacht)

Du magst die Idee, dass Leute auf deine Grabestexte tanzen?

Yeah!

Apropos Jazz-Ikonen. Was geht da mit Chet Baker und dir?

Grandios! Und weißt du was: Wahrscheinlich stammen daher meine Ideen von Romantik. Man fühlt sich im allerbesten Sinne wie unter Folterqualen. Das löst richtig was in mir aus. Auch seine Stimme wurde so gemixt als wäre sie eine Trompete. Nie zu hoch oder zu tief, schön in der Mitte. Das hat mir das Hirn weggeblasen. Ohne diese Musik gäbe es keine Jamie-Isaac-Musik. So tragisch, wie er verstarb! Wie bei so vielen West-Coast-Jazzern: Heroin und andere Horror-Drogen.

Du bleibst also den Drogen fern?

Korrekt. Drogen sind so gar nicht mein Ding.

Keine Jamie-Isaac-Musik ohne Blechbläser. Aber auch keine Jamie-Isaac-Musik ohne Klavier, richtig?

Ich verwende viel Saxophon, das gleitet so schön. Himmlisch. Vor allem Tenorsaxophon, da hört man so richtig den Atem drin.

Hast du schon mal Kamasi Washington live gehört?

Leider nicht, Mann. Ich will ihn unbedingt mal sehen. Du?

Ja, vorgestern. Und gestern war ich bei einem englischen Metal-Rapper, der dir auch gefallen könnte: Scarlxrd.

Scarlord? Das klingt krank! Ich checke ihn mal aus. Ich mag so was: Rap mit Metal-Drones.

Aber zurück zu den zarten Gefilden. Du würdest niemals einen Song ohne Klavier drin schreiben. Dein Ernst?

Weil es mein Instrument ist. Man sagt immer Piano. Aber es heißt ja eigentlich Pianoforte. Das erste Tasteninstrument, das laut und leiste konnte. Diese Dynamik! Für mich ist es einfach das beste Instrument. I feel it! Oh my God! Boah! Ich könnte eine ganze Bibliothek darüber vollschreiben. Meine Musik basiert darauf. Es hat so bezaubernde Klangnuancen. Bei mir kommen immer Klavier und Vocals zuerst.

Du startest nie mit dem Laptop?

Nein. Der Song muss für sich funktionieren, bevor du mit der Produktion rangehst. Sonst verlierst du ihn. Gut, andere machen alles am Laptop. Aber ich könnte das nicht. Als Musiker spielt man doch wohl ein Instrument. Finde ich.

Aber du hast ja nicht immer ein Klavier zur Hand auf Reisen.

Dann nicht. Kein großes. Aber ich hab immer ein Mini-Klavier mit dabei. Und ein großes Keyboard natürlich.

Du sagst ja, du bist introvertiert. Wie ist das dann, wenn du damit aufs Publikum triffst?

Schon sehr seltsam. Ich mache ja keine politische, sondern sehr persönliche Musik. Ich will aber nicht übertrieben egoistisch sein. Wenn Leute mit meinem super persönlichen Kram was anfangen können, ist das große klasse. Aber ich schreib es eigentlich erst mal nur für mich. Dass Fremde deine Lyrics singen – das ist das Verrückteste, was ich mir denken kann. What the fuck?! Ich habe es gehasst und nun, da ich älter werde, liebe ich es. Das ist cool. Paar Bier trinken und dann auf die Bühne steigen – ein Spaß!

Wie wird das Line-Up im September in Berlin?

Ich. Mein Drummer. Und ein Typ für Effekte. Der macht die ganze Zeit nix anderes als Effekte. Er hat diesen verfickten massiven Tisch mit Effekten! Dann Gitarre. Bass. Ja, wir sind zu fünft. Ich will nicht alles kontrollieren, obwohl es natürlich meine Musik ist und ich sie dadurch automatisch etwas kontrolliere. Manches geht halt nicht anders. Aber vieles steht der Band zur Interpretation frei.

Noch mal zu King Krule. Was braucht der King eigentlich von dir? Ihr arbeitet ja viel zusammen.

Wir verstehen einander schon sehr gut. Wir wohnen zusammen, sind seit Jahren beste Freunde. Musik machen wir getrennt voneinander, aber auch zusammen. Wir teilen auch den Musikraum mit Keyboards, Gitarren, Synths. Wir teilen die Instrumente. Fragen uns gegenseitig wie wir unsere neuen Stücke finden. Wir respektieren die Meinung des anderen sehr. Eine Freundschaft, die weiter geht als bloß Musik zu machen! Viele Leute wollen deine Freunde sein, wenn du Musik machst, weil sie dann auf die Gästeliste kommen und so. Du weißt, was ich meine. Aber wir sind befreundet, seit wir 14 sind. Das ist was ganz anderes.

Weißt du noch, wie ihr auch auf der Schule zum ersten Mal getroffen habt?

Seine erste Frage war, welche Musik ich mag. Ich hab „Indie“ gesagt. Er wollte wissen, welche Bands. Die Foals, hab ich gesagt. Seine Lippen bebten, und er meinte: „Foals?! Das sind doch bloß Fohlen.“ (engl. foals) Ich dachte: Was für ein Arsch ist das denn? (lacht) Und am Ende wurden wir beste Freunde. Ja, ja. Lustige Zeiten.

Richten sich alle deine Songs eigentlich an Menschen, die wirklich existieren?

Absolut. Ich schreibe manchmal aber auch „er“ oder „sie“, wenn ich eigentlich von mir selbst erzähle. Das fällt mir leichter. Ich schiebe meine eigenen Gefühle einer fiktiven Figur in die Schuhe. Dann kann ich offener und ehrlicher sein.

Wir sind ja hier gerade an einem ziemlich romantischen Ort, nebenbei gesagt.

Ich weiß, ich weiß! (lacht) Dieses Setting macht mich ganz verrückt. Hast du sehr gut ausgesucht.

Und ist Indie-Rock jetzt eigentlich wirklich fohlenzahm, wie der King suggeriert, oder gar tot?

Nein, verdammt, ich liebe Indie-Musik. It’s cool as fuck! Eine Gefahr!

Aber nicht gerade, was du selber machen würdest.

Wer weiß, wer weiß. Nächstes Jahr mache ich ein Metal-Album, pass mal auf!

Jamie Isaac: „(4:30) Idler“ (Marathon Artists/Rough Trade);
Berlin-Konzert: Fr 28.9., 20 Uhr, Privatclub, Skaliter Str. 48, Kreuzberg, VVK 19,60 €

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