Konzerte & Party

Metal-, Gothic- und Dark-Wave-Weihnachten in Berlin

Gorgoroth

Es erscheint grob blasphemisch, dass eine Kapelle wie Gorgoroth ausgerechnet die Tage rund um Weihnachten für eine Konzertreise nutzt. Die Black-Metal-Band aus dem norwegischen Bergen gründete sich 1992, also just zu der Zeit, als im hohen Norden eine Schar finsterer Gestalten der christlichen Gesellschaft mittels hasstriefender Tobsuchtsmusik, morbider Theatralik und Terrorismus den Krieg erklärte. Was zunächst als okkulte Suche nach dem absolut Bösen begann, mündete Anfang der Neunziger in Kirchenbränden und Mord. Auch Mitglieder von Gorgoroth waren damals beteiligt und wanderten wegen Brandstiftung in den Knast. Der ehemalige Sänger Gaahl saß ein paar Jahre später gar wegen Körperverletzung und Folter hinter Gittern. Und so eine Band spielt nun rund um die Feier der Niederkunft Christi das „Blackfest Over X-Mas“. Geht es hier also einigen schweren Jungs darum, eine grimmige Antithese zum heimeligen Glöckchenklingeling zu formulieren?
Die Musiksoziologin Sarah Chaker, die Metal-Subkulturen erforscht, sieht es pragmatischer. „Viele Menschen haben rund um Weihnachten einfach die Zeit und auch das Geld, um Konzerte zu besuchen, was die Veranstalter natürlich wissen und einkalkulieren“, sagt sie. Tatsächlich ist die Allianz aus dunkler Musik und dem Fest der Liebe durchaus üblich: Landauf, landab rollen Touren im Stile des „Blackfest“, haben sich größere und kleinere Christmas Metal Festivals etabliert. Im Tonträgerbereich gurgelten zudem schon Sodoms Tom Angelripper „O du Fröhliche“ oder selbst ein Lemmy Kilmister „Run Rudolph Run“ – auch die Düsternis hat ihr Weihnachtsgeschäft.
Fields of The NephilimUnd es scheint nicht mal schlecht zu laufen. „Wir können nicht ausschließen, dass in diesem Jahr einige Festivals vorzeitig ausverkauft sein werden“, sagt Elmar Herrmann von Protain Concerts. Die Firma veranstaltet die bereits vierte Auflage von „The Christmas Ball“, die mit Gothic-, Industrial- sowie Dark-Wave-Künstlern aufwartet und heuer erstmals im Huxleys Station macht. Unter anderem werden die stilprägenden Fields Of The Nephilim (Foto links) spielen, deren Mastermind Carl McCoy sich durch den libertären Okkultisten Aleister Crowley sowie den Chaosmagier Austin Osman Spare inspiriert sieht.
So gesehen geht es also auch auf solchen Weihnachtskonzerten spirituell zu. Und wenn schon nicht im streng christlichen, so doch im weiteren Sinne: Schließlich ist Weihnachten nicht zuletzt eine Zeit der Zusammenkunft, wie Elmar Herrmann sagt, „sei es in der Familie, mit Freunden oder auch im weiteren familiären Kreis einer Szene.“ Dem kann und will sich selbst der gemeine Schwarzkittel nicht entziehen, zeigt ein Blick in einschlägige Internetforen. Nachvollziehbar ist es da, wenn Herrmann auch im Fall von „The Christmas Ball“ von einer Tradition spricht, „die sich aus dem Geist der Weihnachtsfeiertage ableitet“. Die Soziologin sieht es ähnlich. Das Phänomen, dass um den Jahreswechsel viele Menschen Lust auf kulturelle Angebote hätten, sei ein gesamtgesellschaftliches, sagt Sarah Chaker. „Die einen besuchen dann eben den Nussknacker oder die Fledermaus in der Oper, die anderen gehen zu einem Metal-Konzert.“
Sogar Gorgoroth dürften davon zu profitieren suchen. Ganz so ernst scheint es ihnen mit der radikalen Antihaltung ohnehin nicht mehr zu sein: 2004 noch spielte die Band in Polen vor einer Kulisse aus blutverschmierten Gekreuzigten und aufgespießten Schafsköpfen, was sie ihren damaligen Plattenvertrag kostete. Inzwischen lässt man sich dagegen schon mal vom Norwegischen Kulturbüro subventionieren. Mit gotteslästerlichen Posen ist trotzdem nach wie vor zu rechnen – Gorgoroth’ aktuelles Album heißt „Quantos Possunt Ad Satanitatem Trahunt“. Auf deutsch in etwa: „Sie bekehren so viele sie können zum Satanismus“.

Text: Roy Fabian

Foto Gorgoroth (oben): Christian-Misje

Eisbrecher + Zin, Huxleys, So 26.12., 20 Uhr, VVK: 27,15 Euro

Blackfest over X-Mas mit Gorgoroth + Belphegor + Impiety u.a., C-Club, Mo 27.12., 19 Uhr, VVK: 21,30 Euro

The Christmas Ball mit Fields Of The Nephilim + Project Pitchfork + Laibach u.a., Huxleys, Mi 29.12., 19 Uhr, VVK: 35,50 Euro

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