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Metallica

Metalica

tip Die allgemeine Neugier, was Ihr neues Album betrifft, wird erst dann richtig verständlich, wenn man weiß, dass der Vorgänger „St. Anger“ 2003 unter sehr großen zwischenmenschlichen Problemen und mit dem Beistand eines Psychologen entstanden ist. Ein Umstand, der bestens in dem Film „Some Kind of Monster“ doku­men­tiert wurde. Kommen Sie nun wieder miteinander klar?
James Hetfield Der Film war ein wunderbarer Spiegel für uns. Er zeigt auf, wie eine Band im Begriff ist, sich selbst zu zerstören. Der Zusammenbruch eines Menschen vor der Kamera ist ja eine Sache, für die es kein Drehbuch gibt. Wenn ich mich grausam schlecht fühle, dann winke ich ja niemanden herbei und sage: „Hey, filme mich.“ Es begann ganz simpel damit, uns beim Einspielen der Platte zu beobachten, und endete schließlich in etwas viel Wichtigerem.
tip Was hat Sie denn damals so entzweit?
Hetfield Einer der großen Bandkiller ist das Ego und der Umstand, dass Leute irgendwann nicht mehr miteinander klarkommen. Wir haben das überwunden. Das heißt nicht, dass so was nicht mehr passieren kann, aber wir haben nun die Mittel, damit umzugehen. „Death Magnetic“ sind die Früchte all der Arbeit, die wir in „St. Anger“ steckten.
tip Drummer Lars Ulrich hat in diesem Film einen bösen Wutanfall, bei dem er Ihnen schließlich aufgebracht „Fuck“ ins Gesicht brüllt. Hat er sich jemals dafür entschuldigt?
Hetfield Das ist eine der Szenen im Film, die ich mir selbst heute noch nicht locker ansehen kann. Ich weiß gar nicht, ob er sich entschuldigt hat. Ich glaube nicht. Aber wir haben später darüber gesprochen, und ich habe ihm gesagt: „So was kannst du exakt ein einziges Mal machen. Und diesen Blankoscheck hast du jetzt aufgebraucht.“
tip Die Texte entstanden damals unter Mithilfe aller, in regelrechten Kreativsitzungen. Wie war das nun bei „Death Magnetic“?
Hetfield Das war diesmal ganz anders. Ich habe sie rausgeschmissen aus meinem Keller und mich ganz allein in mein tiefes, dunkles Loch zurückgezogen, um ein paar Texte hervorzubringen. Und das fühlte sich auch sehr gut an. Bei „St. Anger“ war sicher sehr wichtig, dass wir uns gegeneinander geöffnet haben. Aber ich fühlte jetzt schon den Drang, das zu singen, was aus mir selbst herauskommt. Nicht, dass die Sachen von den anderen schlechter wären, aber es fühlte sich für mich einfach besser an, die eigenen Dinge zu singen.
tip Dabei ist viel vom Tod die Rede. Wie halten Sie es selbst mit dem Sterben? Würden Sie gerne richtig alt werden oder doch lieber aufhören, solange der Körper noch mitmacht?
Hetfield Gute Frage. Ich denke, ich sterbe, wenn es eben so sein soll. Ich will das nicht forcieren. Das habe ich sicher in meinem früheren Leben zur Genüge getan – den Prozess der Vergänglichkeit zu verschnellern. Und das ist auch ganz genau, was „Death Magnetic“ für mich bedeutet – nicht viele Leute denken gern an den Tod, ich tue es halt. Und dabei fasziniert mich, dass es – wie bei einem Magneten – eine Seite gibt, die dich anzieht, und die andere, die dich weg­drückt. Warum werden manche Leute richtiggehend hingezogen zum Tod? Umgekehrt macht den Tod doch erst der Umstand gruselig, dass keiner richtig darüber reden will.
tip Metallica sind mittlerweile Familienväter, Sie selbst haben drei Kinder. Fühlen Sie da keine Verantwortung, wenn Sie solch düstere Texte schreiben?
Hetfield Meine Verantwortung ist es, einen guten Song zu schreiben. Oder meinen Sie, ob ich nun vorsichtiger mit den Inhalten bin?
tip Ja.
Hetfield Ich habe schon bemerkt, dass das Fluchen für mich nicht mehr so wichtig ist wie früher, das Scho-ckierende daran hat schon abgenommen. Aber ansonsten versuche ich immer noch so tief wie möglich zu gehen. Ich versuche Gefühle auszudrücken. Und ich denke nicht, dass ich meine Kinder oder andere Menschen damit zu etwas anstifte, sondern einigen vielleicht das Gefühl gebe, dass sie nicht allein sind mit ihrem Innersten.
tip Erstmals haben Metallica mit dem Produzenten Rick Rubin zusammengearbeitet. Was gab den Ausschlag – sein Ruf, Künstler wieder zu ihren Wurzeln zurück-zubringen?
Hetfield Ja, ich habe die neue Neil- Diamond-Platte gehört und sagte mir: So wolltest du schon immer klingen (herzhaftes Lachen)! Nein, nein, wir stehen schon sehr lange auf Ricks Sachen. Wir haben ungefähr zur selben Zeit wie er begonnen, und unsere Wege haben sich schon oft gekreuzt. Zum ersten Mal, als ich beim ersten Danzig-Album Backup-Vocals gesungen habe. Er ist sehr gut darin, die Dinge wegzulassen, die man nicht wirklich braucht, und zur Essenz vorzudringen. Was er in einer Band fühlt, was seine Aufmerksamkeit gefangen hält, das ist der aufregendste Teil ihrer Arbeit.
tip Was hat er denn von Ihrem Sound weggelassen?
Hetfield Er hat die Überproduktion weggelassen. Das „Schwarze Album“ war der Höhepunkt unseres ausladenden Sounds. Es sind weniger Gitarrentracks drauf, absolut keine Vocalharmonies mehr. Eigentlich gibt es wirklich nur eine Person, die die ganze Zeit singt. Das war anfangs schlimm für mich, weil es schon Spaß macht, zu zeigen, dass du Harmonien singen kannst, aber nun gefordert war, auf anderem Wege Farbe in die Songs zu bringen.
tip Nach 27 Jahren – haben Sie da noch den Eindruck, die Leute mögen Sie wegen Ihrer neuen Musik, oder ist es vielleicht auch die Legende Metallica, deretwegen Sie Aufmerksamkeit genießen?
Hetfield Was soll’s – auch dafür würde ich mich gerne abfeiern lassen. Aber natürlich möchte ich, dass die Leute meine neue Platte mögen, weil sie eine Beziehung dazu haben. Ich hab kein Problem mit dem Hype, solange unsere Platte den dann einlöst – und daran glaube ich.
tip Gibt es denn eine andere Band, die Sie heutzutage für innovativ halten, an der Sie sich gerne messen?
Hetfield U2.
tip U2! Warum ausgerechnet die?
Hetfield Weil sie immer wagemutig sind. Darin sehe ich eine Rivalität zu uns. Natürlich könnten wir auch Bands wie Iron Maiden als unsere Konkurrenten ansehen. Aber im Metal läuft das mit der Rivalität nun mal so: „Oh, Maiden spielen in Indien. Verdammt, da müssen wir auch hin.“ Wogegen U2 einen 3-D-Film gemacht haben. „Verdammt, das hätten wir auch gerne getan – na gut, versuchen wir etwas anderes Neues.“ Hier existiert einfach die Herausforderung, der Erste bei etwas zu sein. Wir mögen diese Herausforderung, den Wettbewerb.
tip U2 lassen gerade den höchsten Wolkenkratzer Dublins errichten. Wie toppen Sie das?
Hetfield Wir bringen ihn zum Einstürzen.
tip Gibt es eigentlich Momente, wo Sie sich gänzlich vom Larger- than-Life-Effekt des Rockstars frei machen können?
Hetfield Ja, gerade erst letztens, da war ich mit meinen Kids bei einem Konzert von Tenacious D. in Dublin.
tip Der Band des Filmschauspielers Jack Black.
Hetfield Genau. Sie kamen angerannt zu mir, ihre Augen waren weit aufgerissen, die Münder offen: „Dad, wir habe gerade Jack Black gesehen. School of Rock! Au Mann, ich habe noch nie vorher jemand Berühmten getroffen, das ist ja Waahnsinn!“ Und dann dachte ich mir: Klar, ich bin nicht berühmt, Mis­ter Trujillo nicht, Mister Ulrich und Mister Hammett sind nicht berühmt, sie sind halt nur die Eltern von Ty oder von Miles. Alles eine Frage der Wahrnehmung.
tip Na ja, außerhalb ihrer heimischen vier Wände können Sie sich über mangelnde Anerkennung sicher nicht beklagen.
Hetfield Die nehme ich auch gerne in Anspruch. Zuerst einmal dafür, dass wir eine sehr gute Platte gemacht haben – und es ist kein Blut dabei geflossen. Niemand ist im Krankenhaus gelandet. Aber das größte Zeichen für unseren Erfolg ist wohl, dass die Leute immer noch zu unseren Shows kommen. Wir sind eine Live-Band, wir sind Road-Dogs von Anfang an. Klar, viele Platten zu verkaufen ist auch klasse. Eine Nummer-eins-Single ist nicht zu verachten. Aber dass die Leute in ihr Auto oder den Bus steigen, zu Rock am Ring und anderswohin fahren und sich da zur Not in den Matsch stellen und dann „Metallica“ brüllen – das ist Erfolg für uns.

Text: Anja Caspary

Foto: Jens Berger/tip

Metallica O2 World, Fr 12.9., 20 Uhr, ausverkauft

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