Konzerte & Party

Michael Tilson Thomas in der Philharmonie

Michael Tilson Thomas

Musik einigt die Welt? Ach was. Hätte Leonard Bernstein mit seiner Weltverbrüderungs-Theorie der Musik Recht gehabt, wäre zum Beispiel die amerikanische Dirigentenwelt nicht so scharf von der europäischen getrennt. James Levine, Andrew Davis, Andrй Previn oder Michael Tilson Thomas mögen in den USA große Namen sein. In Deutschland spielen sie kaum eine Rolle. Da dies so ist, entgehen uns einige der besten Groß-Talente. Nur Bernstein selber, ein weltumspannend erfolgreicher Mann, war eine Ausnahme.
Nehmen wir: Michael Tilson Thomas. Der inzwischen 70-Jährige, berufjugendlich ungealtert, gilt manchen als eine Art Simon Rattle von San Francisco. Education wird bei ihm großgeschrieben. Am Pazifik leitet er seit 20 Jahren das San Francisco Symphony, weshalb man dort nicht mehr nur von den „Big Five“ der amerikanischen Orchester spricht (Boston, Chicago, Cleveland, New York, Philadelphia). Sondern von den „Big Seven“. Nicht nur das San Francisco Symphony nämlich, sondern auch das Los Angeles Philharmonic Orchestra – schon länger als Gustavo Dudamel dort wedelt – gelten als besser als etwa das New York Philharmonic.
Tilson Thomas, geborener Kalifornier, ist das, was man früher einen „Sunnyboy“ genannt hätte. Alert, drahtig und mit einem gewissen Tennislehrer-Charme ausgestattet, war er lange Zeit auf amerikanisches Repertoire wie Copland, Barber und Charles Ives abonniert – und hat tatsächlich die zumeist besten Aufnahmen dieser Komponisten vorgelegt. Binnenschliff, Drive und Groove sind Eigenschaften, die man ihm nicht erklären muss.
Michael Tilson ThomasMit der über 60-jährigen Sarah Vaughan gelang ihm 1982 ein Urknall musikalischer Grenzgängerei: „Eigentlich stand das unter schwierigen Bedingungen“, erinnert sich Tilson Thomas. „Schließlich ist das Original eigentlich immer besser!“ Aber: „She took it to another level…“ In der Tat: die Gershwin-Oma, zu der sich Sarah Vaughan damals bequemte, leuchtet bis heute unerreicht. Die Platte ist eine Inkunabel amerikanischer Orchester-Unbekümmertheit.
Das San Francisco Symphony hat Tilson Thomas außerdem zu einem der europäischsten Klangkörper in Amerika umgebaut – mit hinreißend saftigem Streicherklang. Dem Mahler-Zyklus, den er auf CD ­vollendete, bekommt das glänzend, ebenso seinen Beethoven- und John Adams-Aufnahmen, die an Spannung, Tempo und Swing derzeit nirgendwo ihresgleichen haben.
Ihm liege wenig an einem Personalstil, so MTT (wie man ihn in den USA meist nennt). „Ich komme aus einer alten Theaterfamilie“, sagt er. „Da hieß es immer: Sei vielseitig, sonst wirst du langweilig!“ Mit der Gründung des New World Symphony Orchestra in Miami Beach und Projekten wie „Keeping Score“ und einer „Sound Box“ für alle nicht ganz stubenreinen Veranstaltungsformate in San Francisco hat er in einer Weise innovativ gewirkt, von der man sich in Deutschland noch allerhand abgucken kann.
Freilich ist MTT auch zu modernen Management- und Fundraising-Methoden bereit, mit denen sich europäische Dirigenten ungern die Finger schmutzig machen. „Ich kenne die meisten der 65 Board-Mitglieder persönlich, die viel Geld aufbringen und bei Entscheidungen ein Wörtchen mitzureden haben“, sagt er. „Auch ihre Geschichten kenne ich größtenteils. Ich begrüße sie, ich kenne und berücksichtige ihre Interessen, ich diskutiere mit ihnen, und zwar gerade dann, wenn ich etwas Neues vorhabe.“ Das bedeute, dass er als Chefdirigent die entscheidenden Dinge nicht nur innerhalb seiner eigenen Firma kommunizieren und abnicken muss (wie Dirigenten in Europa), sondern auch gegenüber den Partnern draußen, ohne die in den USA kulturell wie finanziell gar nichts läuft.
Michael Tilson ThomasUnter derlei Existenzbedingungen sind in den letzten Jahren freilich nicht wenige US-Orchester in die Krise geschlittert. Das Philadelphia Orchestra ging bankrott, andere Ensembles mussten ganz abgewickelt werden. Auch Tilson Thomas glaubt nicht, dass die Krise generell überwunden sei. „In ganz Amerika ist es leider so, dass die Museen uns den Rang abgelaufen haben. Museen sind die neuen Kathedralen. Warum? Weil ein Kunstwerk von Frank Stella scheinbar repräsentativer und vor allem leichter konsumierbar ist als eine Symphonie von Brahms.“ Es bedeute heute viel mühsame Kleinarbeit, um ein Orchester zu halten. „Aber es lohnt sich.“
Auf die Frage, ob er europäische Orchester mit ihren eher gesicherten Subventionen noch nie beneidet habe, antwortet er: „Ich kann ehrlich sagen: Nein! Und zwar deswegen, weil alle für mich wichtigen Projekte in der Vergangenheit durch private Sponsoren zustande gekommen sind. Ich persönlich habe gute Erfahrungen mit dem amerikanischen Modell gemacht.“
Daraus spricht ein Optimismus, den MTT in das Programm des San Francisco Symphony beim Musikfest gleich mit übernommen hat: Beethovens „Eroica“, Schönbergs Variationen op. 43b und John Adams „Absolute Jest“ – letzteres 2011 von ihm uraufgeführt – sind zukunftsoffene, reichlich positiv gestimmte Werke. Wer nur ein Konzert des Musikfestes besuchen will, ist mit diesem hier bestens bedient.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto oben: Kristen Loken

Foto mittig und unten: Art Streiber

Michael Tilson Thomas, Philharmonie, Fr 4.9., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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