Konzerte & Party

„Midlake“ im Lido

MidlakeViele kennen „Roscoe“, den bisher bekanntesten Song von Midlake. Es ist der, in dem Sänger Tim Smith, ein markant murmelnder Melancholiker, über Vorzüge des Jahres 1891 berichtet. „The village used to be all one really needs, now it’s filled with hundreds and hundreds of chemicals that mostly surround you, you wish to flee“, heißt es da. Allein schon diese Zeilen sagen viel darüber aus, worum es Midlake geht. Bei der Band aus dem texanischen Denton ist Widerstand gegen die Moderne das künstlerische Leitmotiv. Man beschäftigt sich mit alten Zeiten, preist die Natur und macht eine Musik, die verträumt wirkt, innere Ruhe ausdrückt und stolz eine Position abseits des grellen Tagesgeschäfts einnimmt.
In den elf Jahren ihrer Exis­tenz hat die Band eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Smith erinnert sich noch, wie alles anfing. „Als ich auf dem College war, habe ich die ganze Zeit Saxofon geübt. Die ers­ten Stücke, die ich spielen konnte, waren von Glenn Miller. Ich interessierte mich sehr für Jazz, von Charlie Parker bis John Col­trane. Die anderen Jungs in der Band hatten ähnliche Vorlieben, also probierten wir zuerst was in der Richtung von Funk und Jazz.“ Davon war dann aber auf „Bamnan And Slivercork“, dem Debütalbum aus dem Jahr 2004, nicht mehr viel zu hören. Die Band hatte sich dem Indie-Rock zugewandt und bastelte mit bescheidenem Budget an einem Sound, der in Richtung Mercury Rev und Flaming Lips ging. Zwei Jahre später, mit „The Trials Of Van Occupanther“, schlüpften Midlake dann zum ersten Mal in die Rolle der Antimodernisten. Fleetwood Mac, die „Harvest“-Ära von Neil Young und der frühe James Taylor wurden zu Referenzpunkten. Als Smith vor wenigen Monaten nach Berlin kam, um das dritte Midlake-Album „The Courage Of Others“ vorzustellen, hörte sich der Sänger in den Interviewpausen auf dem iPod die Incredible String Band an. „Ich bin jemand, der sich nicht immer mit Musik aus derselben Ecke befassen will. Es gibt so viel zu entdecken, und diese Möglichkeit nutze ich, wo ich nur kann. Über Blogs bin ich auf britischen Folk gestoßen, und jetzt kann ich davon gar nicht mehr genug kriegen. Es sind die üblichen Verdächtigen, also auch Fairport Convention oder Pentangle. Diese Musikalität, Tiefe und Reinheit – das gefällt mir.“ Nun kommt das, was ein Musiker privat oder auf Reisen hört, nicht immer in den Aufnahmen mit der Band zum Vorschein. Hier ist es aber so. Midlake hatten sich gleich nach ihrem Auftritt beim Berlin-Festival im Sommer 2007 ins Studio begeben und neue Songs ein­gespielt, die sie am Ende aber nicht überzeugten. Man nahm eine Auszeit auf einer Farm, wo Smith die Kollegen mit seinen Folk-Ausgrabungen konfrontierte. „Wir beschlossen, ein Album auf dieser Grundlage zu machen. Nicht, weil wir verzweifelt vor dem Publikum weglaufen wollen, das wir uns erspielt haben. Es ging einfach darum, das zu machen, wonach uns der Sinn stand. Alles andere wäre eine Lüge gewesen.“
An einer Stelle auf „The Courage Of Others“ geht es übrigens noch weiter zurück in die Vergangenheit. Da entdeckt man nämlich zwei Zeilen aus der eng­lischen Übersetzung von Goethes Gedicht „Allerdings (Dem Physiker)“. Wir resümieren: Midlake sind Texaner, die sich aus der Wirklichkeit verabschieden, in Richtung Europa orientieren, jahrhundertealte Schriften und Rituale studieren und daraus eine wunderbar entspannte Musik kreieren. Da sage noch einer, der Pop von heute halte keine originellen Wendungen mehr parat.

Text: Thomas Weiland

Foto: Bil Zelmann

Midlake + Sarah Jaffe, Lido, Di 9.2., 21 Uhr, VVK: 14 Euro

Tickets www.tip-berlin.de/tickets

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