Konzerte & Party

Mike Heron & Trembling Bells im HAU 1

Mike Heron & Trembling Bells

Die Briten pflegen ein inniges Verhältnis zu ihrer Volksmusik. Was nicht zuletzt daran liegt, dass England, Irland, Schottland und selbst Wales über eine musikalisch weitaus ansprechendere Folk-Tradition verfügen als, sagen wir, die Deutschen. Und weil die britische Volksmusik so zeitlos und reich ist, gibt es auf der Insel seit dem Zweiten Weltkrieg in jeder Generation ein kleines Folk-Revival zu bestaunen. Die stolzen Brits haben die Musik ihrer Vorväter zum Nationalheiligtum erhoben, auch darum verstanden sie in dieser Angelegenheit lange keinen Spaß.
Als Mike Heron Mitte der Sechzigerjahre in der schottischen Szene auftauchte, war britischer Folk eine Musik von und für Puristen. In den Clubs wurden Traditionals, Shanties und Arbeiterlieder gesungen, elektrische Instrumente waren tabu. Der umsichtige Produzent Joe Boyd, der im Zuge des Bob-Dylan-Hypes Folk auch in England popularisieren wollte, brachte Heron mit Robin Williamson und Clive Palmer zusammen, zwei verkappten Beatniks, die mit dem pastoralen Gestus des britischen Folk ebenfalls wenig anfangen konnten. Zusammen gründeten sie die Incredible String Band. Nach einem eher traditionellen Debüt und einem bewusstseinserweiternden Kurzurlaub in Nordafrika spielten Heron und Williamson mit ihren Freundinnen Rose Simpson und Christina Licorice und einem indischen Sitarmeister 1967 das luzid-verstrahlte Acid-Epos „The 5.000 Spirits Or the Layers of the Onion“ ein.
In der aktuellen Ausgabe des Musikmagazins „Wire“ beschreibt Heron die Musik der Incredible String Band als eine Reise. Heron und Williamson haben diese Metapher in den wilden Sechzigern ganz wörtlich genommen, ihre Einflüsse reichten vom Appalachen-Folk und Jug-Bands über Mittelaltergesänge und keltisches Liedgut bis zu traditioneller asiatischer Musik. In der Dokumentation „Be Glad for the Song Has No Ending“ von 1970 kann man Heron und Williamson kostümiert im Wald zu heidnischen Ritualen tanzen sehen. In einer anderen Szene spielt Heron konzentriert Sitar, begleitet von Williamson auf der Gitarre und Rose und Licorice auf Tamburas. Mit ihren exaltierten Live-Shows avancierte die Incredible String Band in kürzester Zeit zur Attraktion in der britischen Folk-Szene.
Inzwischen gehen Heron und Williamson getrennte Wege. Während Williamson noch regelmäßig Alben veröffentlicht, hat Heron (nach dem Tod von Pentangle-Gründer Bert Jantsch) die alleinige Rolle des Schutzpatrons für kommende Generationen britischer Folkmusiker übernommen: für Bands wie die Trembling Bells aus Glasgow, die sich auf bisher drei Alben dem Erbe des Folk Britannia verschrieben haben. In den letzten Jahren haben die Trembling Bells um Schlagzeuger Alex Neilson und Sängerin Lavinia Blackwall Heron hin und wieder live begleitet. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die Idee, die ersten vier Alben der Incredible String Band wieder einem jungen Publikum nahezubringen. Für Heron ist das Konzert im HAU sogar sein Berlin-Debüt, was dem Abend einen besonders feierlichen Rahmen verleiht.

Text: Andreas Busche

Foto: Quelle: HAU

Mike Heron & Trembling Bells + ?Filmvorführung: Be Glad For The Song Has No Ending (1970), ?HAU1, Mo 2.6., 19 Uhr, VVK: 22 / 16 Euro zzgl. Gebühr 

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