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Mirna Funk und ihr Debütroman „Winternähe“

Mirna Funk

Es gibt Szenen in Mirna Funks Debütroman, da denkt man: Das kann jetzt nicht wahr sein. Oder, um einen Satz zu zitieren, der im Buch öfter fällt: What the fuck?
Wie dieses Essen unter Bekannten in Schöneberg. Lola ist dabei, Mirna Funks furioses Roman-Alter-Ego. Da sinniert eine Freundin am Tisch, was sie aus Lolas Körper gemacht hätte. Damals, im Dritten Reich. Die Beine: zwei Stehlampen. Der Schädel: eine Suppenschale. Ein Scherz, natürlich. Was sonst. Was sonst?
„Winternähe“ spielt ja nicht bei Kegelabenden in Vollpfostenhausen, sondern zumindest anfangs im Berliner Kreativenmilieu. Lauter hippe Leute mit Manieren. Die sie manchmal vergessen. Sich selbst auch. Dann malt einer Lola einen Hitler-Schnauzer ins Selfie. Findet sich toll dabei. Stellt das auf Facebook. 74 Likes binnen Minuten.
Zum Gespräch hat Mirna Funk das Galгo vorgeschlagen, ein Cafй am Weinbergsweg. In der Nähe wohnte die 34-jährige Journalistin, studierte Philosophin und Historikerin, die in Pankow aufwuchs und eine Urenkelin des DDR-Schriftstellers Stefan Hermlin ist, früher. Gerade ist sie aus Tel Aviv zurück, wo sie seit einem Jahr mit ihrem Verlobten lebt. Wie auch Lola sich in einen Israeli verliebt, in Berlin, via Tinder. Dafür hat Mirna Funk Shlomo erfunden, einen linksradikalen Exsoldaten. Lola reist ihm nach Tel Aviv nach. Auf der Suche nach sich selbst. Wer sie ist. Und wo sie hingehört. Wobei so vieles mitschwingt. Der Holocaust, der Nahostkonflikt. „In Lola soll sich nicht die Antwort auf diese Fragen herauskristallisieren“, sagt Mirna Funk. „Sondern die Unbeantwortbarkeit der Fragen.“
Mirna FunkEs ist ziemlich genau ein Jahr her, dass Mirna Funk nach Israel abflog. Wie sie es seit 20 Jahren tut. Ihr Vater ist ein ostdeutscher Jude, der kurz vor dem Mauerfall in den Westen ging. In Tel Aviv wollte sie für ihren Roman recherchieren. Den hatte sie im März in Thailand begonnen. Da ging es ihr nicht gut. Magenschmerzen. Die Nachwirkung ihrer „Der Freitag“-Titelgeschichte kurz zuvor. In „Die Barbie-Feministinnen“ hatte sie westdeutschen Feministinnen „unemanzipiertes Geplänkel“ attestiert. Das fanden die nicht lustig. Obendrein offerierte Mirna Funk ihnen zur „#aufschrei“-Aufwallung ihre eigene Replik-Variante auf Brüderles Dirndl-Drang: „So wird das doch nichts, Schnuppi!“ Kann man ja mal so machen.
Die Kurzgeschichte, die sie in dieser Stimmung anfing, nahm kein Ende. So begann „Winternähe“. Da stand sie also im Sommer 2014 in Tel Aviv auf dem Balkon. Gerade hatte der Gaza-Krieg begonnen. Über ihrem Kopf ein Donnern. Hamas-Raketen, die der Abwehrschild Iron Dome abräumte. Boom. Immer wieder. Boom.
Da wusste sie: Das ist anders. Der Krieg stellt alles infrage. Einfach zurück nach Berlin? Nein. Nicht in dieses Deutschland, wo, wie sie es fühlt, Israel kritisiert wird, aber Juden gemeint sind. Antisemitismus, allzu alltäglich.
Auch deshalb will Mirna Funk auswandern, die Aliyah machen, so heißt die Emigration von Juden nach Israel.
Wann aber begann das? Dieses ungute Gefühl? Da erzählt sie von einem Abend vor zehn Jahren in der Bar Tausend. Über ein „rich girl aus dem Grunewald“. Das sie beschimpfte, auf dem Klo: „deine hässliche jüdische Hakennase“. Die Szene war erst im Buch, die Lektorin und sie strichen sie aber raus. So ist dieses Buch zwar voller Wendungen, die interessant konstruiert sind. Das Essen und der Hitler-Bart sind es nicht. Das ist ihr wirklich passiert.
Ihr Verlobter ist ein Künstler, den sie damals, vor einem Jahr, in Israel interviewte. Seine Großeltern hatten sich in Buchenwald kennengelernt, nach der Befreiung des KZs. Er wird vor jeder Berlinreise krank. Angina, jedes Mal.
Für das nächste halbe Jahr bleibt Mirna Funk jedoch in ihrer Wohnung im Winskiez. Wegen des Buches, für das ihr gerade der Uwe-Johnson-Förderpreis zuerkannt wurde. Und wegen des Kindes in ihrem Bauch. Das hier geboren werden soll. In Tel Aviv vermisst sie Berlin, in Berlin Tel Aviv. Immer hin und her. Bis das Kind zur Schule kommt. Dann wird sie sich festlegen müssen auf eine Stadt.
Wahrscheinlich, sagt Mirna Funk, wird es Tel Aviv sein.

Text: Mirna Funk

Foto oben: Bella Lieberberg

Foto unten: Naama Alex Levy 

Winternähe von Mirna Funk, S. Fischer, 352 S., 19,99 Euro

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