Schwarzmarkt für Konzerttickets

Mit gezinkten Karten – Immer mehr Probleme mit Konzerttickets

Die Auswüchse auf dem Ticket-Schwarzmarkt bringen Veranstalter und Fans in die Bredouille

Mattia Luigi Nappi – Own work. Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Als der britische Superstar Ed Sheeran am 19. Juli in Berlin zu Gast ist, herrscht vor dem Olympiastadion an der eigens eingerichteten Beschwerdestelle riesengroßer Andrang. Eine mehr als 100 Meter lange Menschenschlange hat sich gebildet, man sieht dort viele enttäuschte Gesichter. Die, die hier warten und warten, wollten eigentlich mit 60.000 anderen Fans Songs wie „Shape Of You“ oder „Perfect“ hören. Nun aber gibt es Ärger um ihre Tickets.

Das Problem: Hunderte Fans von Ed Sheeran sind mit ungültigen Karten angereist. Denn die Tickets bei den Konzerten des rotschöpfigen Sängers sind personalisiert, also mit Namen versehen – und wer seine Karte über eine Internet-Tauschbörse wie Viagogo gekauft und einen fremden Namen darauf stehen hat, der kommt nicht hinein. Oder er erwirbt – wie rund 900 Fans an diesem Abend – ein neues, reguläres Ticket. Und zahlt doppelt.

Veranstalter FKP Scorpio verteidigte das Vorgehen, schließlich hatte auch Sheeran selbst die harte Maßnahme angekündigt: Mit personalisierten Karten und strikter Kontrolle wolle er gegen den grassierenden Schwarzmarkthandel vorgehen. Insbesondere gegen den für fragwürdige Geschäftspraktiken bekannten Anbieter Viagogo: Ausgerechnet für eine Charity-Show Sheerans zugunsten krebskranker Jugendlicher waren dort 2017 beispielsweise Tickets für 5.000 britische Pfund (aktuell ca. 5.600 Euro) im Umlauf. Eigentlich kostete der Eintritt nur 75 Pfund.

„Ich glaube, dass die Veranstalter des Ed-Sheeran-Konzerts richtig entschieden haben, die Leute abzuweisen und keine Ausnahme zu machen“, sagt Tobias Gruber, der beim Berliner Unternehmen Melt Booking arbeitet, wenige Wochen später im Interview. „Die Leute müssen langsam lernen, dass Viagogo kein offizieller Anbieter ist, sondern eine Plattform, auf der sich Schwarzmarkthändler und Ticketfälscher tummeln.“ Natürlich existiert das Problem auch noch vor Ort, an den Veranstaltungsorten, wenn etwa „Leute vor der Columbiahalle stehen und Tickets verkaufen, und es sind komischerweise bei jedem Konzert dieselben Personen“, wie Gruber sagt. Weitestgehend aber hat sich der Handel ins Netz verlagert.

Gruber, der bei Melt Booking vor allem für die Promotion der Tourneen und Einzelshows zuständig ist, versucht mit seinem Arbeitgeber ebenfalls Online-Börsen wie Viagogo oder Tickettube zu bekämpfen. Denn auch für ausverkaufte Melt-Shows werden Karten dort schon mal für den fünf- bis sechsfachen Preis gehandelt. So verkauft Melt Booking, das deutschlandweit rund 600 Konzerte im Jahr bucht, bei stark nachgefragten Konzerten und Festivals nun auch personalisierte Tickets und platziert Warnhinweise, nur offizielle Verkaufsstellen zu nutzen. Denn belangen könne man Viagogo und Co. kaum: „An die Plattformen, die in der Schweiz oder anderen Ländern sitzen, kommt man nicht ran, die erreichst du nicht mal. Man kann rechtlich nichts gegen sie ausrichten. Was sehr schade ist.“

Der Online-Ticketmarkt ist in Deutschland zu einem Dauerärgernis geworden. Die Geschädigten – Fans, Veranstalter, Agenturen, Veranstaltungsorte – können dem Betrug derzeit nur achselzuckend begegnen – und sich neue Strategien überlegen. Zum Beispiel den offiziellen Verkauf auf wenige Karten pro Person zu beschränken, um es gewerbsmäßigen Händlern schwerer zu machen. Oder die Kunden immer wieder informieren, beraten, aufklären. „Kauft Eure Karten nicht über Viagogo“, steht etwa nun auf den Tickets für das Lollapalooza-Festival, das im September im Olympiapark stattfindet. „Wir setzen dauerhaft auf den gesunden Menschenverstand der Konzertbesucher“, sagt Gruber. Aber wird das am Ende ausreichen?

Viagogo, 2006 in London gegründet und nicht zufällig in der Schweiz, außerhalb der EU, angesiedelt, ist die mit Abstand größte Onlinebörse für den Ticket-Weiterverkauf. Gründer und Chef der Firma ist der kalifornische Geschäftsmann Eric Baker, der mit der Ebay-Ticketbörse Stubhub auch noch ein zweites Unternehmen gleicher Art mitinitiiert hat. Viagogo wird massiv dazu genutzt, mit dem Verkauf von Karten für Sport- und Musikevents Gewinn zu erzielen – die reale Identität des Verkäufers ist dabei nicht ersichtlich, Viagogo erweckt den Anschein einer offiziellen Ticketbörse. Immer wieder gibt es auch Gerüchte, dass Veranstalter gemeinsame Sache mit Viagogo machen, indem sie Tickets aus dem Erstmarkt direkt in den Zweitmarkt leiten und mitverdienen. Ob das aber wirklich stimmt, da hat Melt-Promoter Gruber seine Zweifel.

Mehrere hundert Prozent Gewinn

Als Fußballvereine wie Schalke oder der HSV vor einigen Jahren offiziell mit Viagogo kooperierten, da sind Fans erfolgreich dagegen auf die Barrikaden gegangen. Juristische Verfahren gegen das Unternehmen sind reihenweise anhängig – deutsche und französische Verbraucherzentralen, das spanische Innenministerium und die Fifa finden sich unter jenen, die rechtliche Anstrengungen gegen Viagogo unternehmen oder unternahmen. Zwar hat es den Anschein, als kämen die Einschläge für Viagogo näher, auch Fanzusammenschlüsse wie FanFairAlliance in Großbritannien und ViaNoGoGo haben sich gebildet. Aber richtig ist auch: Geändert hat all dies bislang nichts.
Das hat mehrere Gründe. In Deutschland liegt dies zunächst daran, dass Regelungen zum Ticketweiterverkauf nur über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Veranstalters, nicht aber gesetzlich verankert sind. Mit weitreichenden Folgen: Rechtlich steht jede Online-Börse – sei es Ebay, sei es Ticketbande oder sei es sonstwer – in gar keinem Verhältnis zum Veranstalter, kann nicht zur Verantwortung gezogen werden. „Sie bieten zwar die Plattform, verkaufen die Tickets aber nicht selbst zu einem höheren Preis“, erklärt der Jurist Julian Fischer, der zum Thema Ticket-Zweitmarkt promoviert hat.

Nur der Wiederverkäufer wäre also haftbar, der aber ist im Fall von Viagogo anonym, versteckt sich hinter einer IP-Adresse. „Hinzu kommt“, so Fischer, „dass ein Kaufangebot selten eine genaue Angabe von Block und Sitzplatz enthält, so dass eine Zuordnung von Kaufangebot und Ticketinhaber schwer fällt.“ Außerdem sei die Wirksamkeit eines Weiterveräußerungsverbots in den AGBs juristisch umstritten: „Denn rein rechtlich ist eine Eintrittskarte zunächst ein Wertpapier. Manche Juristen argumentieren deshalb, dass auch für Tickets die Weitergabe und der Weiterverkauf uneingeschränkt möglich sein muss.“

Weil die Situation rechtlich so unbefriedigend ist, fordern viele ein Gesetz, das den Weiterverkauf von Eintrittskarten reguliert. Allen voran Jens Michow, Gründer und Vorsitzender des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft (bdv): „Man kann den Zweitmarkt nicht komplett verbieten, das wollen wir auch gar nicht. Aber man kann ihn regulieren. Der Gesetzgeber könnte festlegen, dass Tickets, die im Verkehr sind, nur mit einer Gewinnmarge von maximal 25 Prozent weiterverkauft werden dürfen. Für meinen Geschmack wäre das schon zu viel, aber man muss sich auch an der Realität orientieren.“

In der Realität sieht es derzeit so aus, dass Ticketdealer problemlos Margen von mehreren hundert Prozent erzielen. Bei Pop-Events, bei Fußballspielen. Ein Stehplatzticket für das Bundesliga-Auswärtsspiel des FC Bayern München beim VfB Stuttgart Anfang September wurde kürzlich bei Viagogo für 204 Euro statt für die 30 Euro, die es eigentlich maximal kostet, angeboten. Michow empfiehlt deshalb, sich an Ländern zu orientieren, die bereits gesetzliche Regelungen eingeführt haben. In Australien darf man etwa in einigen Bundestaaten Tickets nur mit 10 Prozent Aufschlag weiterverkaufen. Und in Frankreich und Spanien ist der Weiterverkauf grundsätzlich verboten.

Jurist und Ticketexperte Julian Fischer ist dennoch gegen eine gesetzliche Regelung in Deutschland – und das, obwohl auch er sich für sozialverträgliche Preisstrukturen und eine Eindämmung des Schwarzmarktes ausspricht. „Ich bin der Auffassung, dass das ein Thema ist, das nicht auf staatliche Ebene gehört. Gesetzliche Verkaufsmonopole sind nur dann gerechtfertigt, wenn sie auch wirklich erforderlich sind – denn damit schränkt man den freien Wettbewerb und die Warenverkehrsfreiheit ein.“ Im Übrigen hätten Studien in den USA gezeigt, dass die Preise bei einem gesetzlichen Verbot des Ticketweiterverkaufs auf dem illegalen Markt nur noch weiter anstiegen. Fischer glaubt, Musikveranstalter und Fußballvereine müssten das selbst regeln und hätten ihre Möglichkeiten auch noch nicht ausgeschöpft: „Sie könnten zum Beispiel ihre Verkaufsstrategien ändern und Kunden enger und besser an sich binden – in England verkauft mancher Fußballclub 95 Prozent der Tickets an Mitglieder.“

Auch personalisierte Tickets sind für Fischer, der Fan von Borussia Dortmund ist und die Spiele seines Clubs regelmäßig auf der Südtribüne verfolgt, keine dauerhafte Lösung: „Man müsste dann sicherstellen, dass immer alle Personen kontrolliert und nach ihrem Personalausweis gefragt würden. Wenn ich ins Stadion gehe, dann strömt ein Großteil der 25.000 Menschen erst kurz vor Anstoß auf die Südtribüne. Wie will man das praktisch umsetzen? Ganz ehrlich: Das sehe ich nicht.“

Worauf Jurist Fischer setzt, und worauf seit einiger Zeit auch Veranstalter und Clubs setzen, sind eigene, transparente, faire Zweitmärkte. Union Berlin etwa hat auf seiner Website einen eigenen Zweitmarkt eingerichtet, und auch Melt Booking und Tobias Gruber haben für ihre Kunden – über die Verkaufsplattform Tixforgigs – eine offizielle Stelle zum Weiterkauf geschaffen. Denn ein generelles Weiterverkaufsverbot hält auch Gruber für problematisch: „Man schränkt den Kunden dadurch ein. Und es kann ja passieren, dass man krank wird und eine Veranstaltung nicht besuchen kann. Dann soll man die Karte auch weiterverkaufen dürfen.“ Bei diesen selbst geschaffenen Zweitmärkten sieht Julian Fischer generell aber noch enormen Nachholbedarf: „Sie müssen attraktiver gestaltet werden und den Fans gegenüber aktiv kommuniziert werden.“

Drehen an der Preisspirale

Auch Marktführer Eventim hat mit Fan­sale eine offizielle Plattform zum Ticket-Wiederverkauf, die etwa mit Hertha BSC und anderen Sportvereinen kooperiert. Zwar ist dieser Zweitmarkt transparent, Eventim liegen die Daten des Verkäufers vor. Eine fanfreundliche Lösung aber ist das kaum: Eventim, ohnehin ein mit Zusatzkosten kräftig abkassierender Ticketservice, verdient am Verkauf mit, erhält 10 Prozent Provision vom Verkäufer und 15 Prozent „Servicegebühr“ vom Käufer. Und Tickets können auch hier das Vielfache des Originalpreises kosten. Aktuell wird ein Ticket für das U2-Konzert in Berlin am 31. August für 999 Euro angeboten. Ticketmaster, der zweite Riese im Konzertkarten-Business, hat seine Zweitmärkte Seatwave und GetMeIn erst vor wenigen Tagen geschlossen – wohl, weil sie massiv Kunden verloren haben. Eine neue Tauschbörse soll eingerichtet werden, bei der Tickets nur mit maximal 15 Prozent Aufschlag verkauft werden dürfen.

Das größte Problem mit dem Namen Viagogo aber bleibt. Und die Unwägbarkeiten auf dem Zweitmarkt sind für Jens Michow Grund genug, dass die Politik tätig werden und ein Gesetz auf den Weg bringen muss. Ob sich denn für einen solchen Eingriff Mehrheiten fänden? „Da gibt es sicher Themen, für die man mehr kämpfen müsste. Die öffentliche Hand hat schließlich auch ein Interesse daran. Sie ist Inhaberin vieler Spielstätten – die Elbphilharmonie gehört zum Beispiel der Stadt Hamburg, viele Stadthallen den Kommunen. Die leiden auch unter dem Ticketbetrug.“
Wenn weiterhin nichts passiert und sich die Viagogo-Déjà-vus fortsetzen, ist die Gefahr groß, dass sich die Preisspirale für Konzerttickets noch weiter nach oben dreht. Denn horrende Ticketpreise werden eben nicht nur gefordert, sondern auch gezahlt. So manchen Künstler oder Veranstalter kann das dazu verleiten, auch den Preis für reguläre Karten Stück für Stück weiter anzuheben.

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