Konzerte & Party

Mit Stromgitarren gegen den Strom: AC/DC im Olympiastadion

AC/DCDass AC/DC nach Scotts Tod dann allerdings nur kurz und nicht in finaler Trauer-Schock-Starre verharrten, lässt sich zu gewissen Verdienstteilen wohl auch auf Bons Vater zurückführen, der Malcolm Young auf der Beerdigung seines Sohnes beiseite nahm und AC/DC die Absolution für einen Neuanfang erteilte. „Bon hätte dasselbe gemacht und in gewisser Weise hatten wir das Gefühl, dass wir somit auch seinen Segen haben“, erinnert sich Angus Young. In einem kleinen Londoner Apartment schrieben die Brüder an neuen Songs, welche sich zu den noch vor Bons Tod entstandenen gesellen sollten. Das waren sie ihrem altem Sänger schuldig. Das weitaus schwierigere und in seinen Konsequenzen schwerwiegendere Unterfangen war indes, jemand Einzigartigen zu ersetzen. Mit Brian Johnson war dieser gefunden. Nicht nur, dass ein amerikanischer AC/DC-Fan Johnson dem Management der Band als Empfehlung ans Herz legte, nein, Bon Scott selbst hatte den damaligen Sänger der britischen Glam-Rocker Geordie einst bei einem Gig live erlebt und seinen Bandkollegen begeistert davon berichtet. Ein Vorsingen später wurde Johnson nur sechs Wochen nach Scotts Tod zum neuen AC/DC-Sänger. Und das aus dieser neuen Konstellation resultierende Album „Back In Black“ wurde nicht nur zum erfolgreichsten der Bandgeschichte, sondern mit bis heute über 49 Millionen Exemplaren auch das weltweit zweitbestverkaufteste Album überhaupt – nach Michael Jacksons ewigem Spitzenreiter „Thriller“. AC/DC hatten das ungeschriebene Rock-Paradigma des zum Scheitern verurteilten Neuanfangs nach Sängerwechsel vollkommen umgekehrt. Die Band war darüber hinaus in einer ganz neuen Liga angekommen. Und dort spielen sie bis heute.
AC/DCIhr jüngstes Werk „Black Ice“ belegte unlängst in 29 Ländern die Spitzenpositionen der Charts und die begleitende Hallen-Tournee im letzten Jahr war innerhalb von Sekunden restlos ausverkauft. Von Ausverkauf im rudimentären Rock’n’Roll-Sinne kann hingegen bis heute nicht die Rede sein. Denn auch wenn die Shows der Australier im Laufe der Jahre an Spesen und Spektakel-Sperenzchen immer mehr zugenommen haben und der Pub an der Ecke nunmehr das nächstgelegene Stadion ist, ist allen Aufblaspuppen und allem Pyrotechnik-Brimborium zum Trotz der 62-jährige Brian Johnson mit seiner sympathisch juvenilen Schiebermütze immer noch ein Typ von nebenan, von dem man sich ohne Zögern einen Gebrauchtwagen andrehen lassen würde. Und Angus Young bleibt wohl ungeachtet seiner mittlerweile 55 Lenze für immer der Lausbub in Schuluniform, der einfach nur verdammten Rock’n’Roll spielen will. So simpel und einfach kann Rock manchmal sein.

Text: Frank Thiessies

Fotos: Guido Karp

AC/DC + Support: Boon, Volbeat, Olympiastadion, 22. Juni, 18 Uhr, VVK: 81 Euro

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