Electro-Pop

Mittel gegen die Apathie: Austra spielt im Astra

Katie Stelmanis träumt auf dem neuen Album ihrer Band Austra von einer fernen, aber dafür besseren Zukunft

Foto: Renata Raksha

Wie sieht eine effektive Protestbewegung aus? Und was kommt nach dem Kapitalismus? Das sind Themen, über die Katie Stelmanis dieser Tage plaudern muss. Warum? Seit kurzem gibt es das dritte Studioalbum ihrer Synthiepop-Band Austra. „Future Politics“ erschien zufällig am Tag der Amtseinführung von Donald Trump. Doch während sich die einen angesichts des aktuellen politischen und gesellschaftlichen Klimas in finsteren Zukunftsprognosen ergehen, versucht es die Kanadierin trotz der Umstände mit dem Prinzip Hoffnung.

„I‘m never coming back here/ There‘s only one way/ Future politics“, verkündet die Opern-geschulte 31-Jährige im Titelsong. Auf der Single „Utopia“ prophezeit sie das Ende einer Gesellschaft ohne Zusammenhalt. „Es sind ziemlich angsteinflößende Zeiten“, räumt Stelmanis beim Telefonat ein. „Aber ich bin immer noch so optimistisch wie ich es war, als ich die Songs der Platte schrieb.“ Zu jenem Zeitpunkt schien ein US-Präsident namens Trump noch undenkbar und Stelmanis las politische Manifeste, wirtschaftswissenschaftliche Abhandlungen und Science-Fiction-Romane. Sie war auf der Suche nach Utopien, nach zukunftsträchtigen Alternativen zu einem Wirtschaftssystem, das nach permanentem Wachstum strebt, zulasten von Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit. Fündig wurde sie in Büchern wie „Inventing the Future“ von Nick Srnicek und Alex Williams oder bei „Star Trek: Next Generation“ mit der Vision einer hochtechnologisierten, post-kapitalistischen Welt ohne Geld, Mangel oder Krieg. „Ich denke, das Potenzial der Technik kann im Kapitalismus nicht voll ausgeschöpft werden“, konstatiert Stelmanis und erwähnt die Replikatoren der Star-Trek-Sternenflotte, die jeden molekular abgespeicherten Gegenstand erzeugen können.

Sich eine schöne neue Welt auszumalen ist eine Sache, der Weg dorthin eine andere. „Doctor, what’s the cure for apathy?“, fragt Stelmanis im Opener „We Were Alive“, ein Appell, aus der Lethargie zu erwachen und Veränderung zu bewirken. Demonstrationen seien dabei eher ein symbolisches Mittel, so Stelmanis mit einem Verweis auf das Buch „The End of Protest“ vom Mitbegründer der Occupy-Bewegung Micah White. „White meint, dass Proteste nicht mehr die Wirkungskraft haben wie früher. Statt nur auf die Straße zu gehen, sollten die Menschen das System infiltrieren, indem sie für politische Ämter kandidieren oder Polizisten werden.“ Derartiges Engagement ist natürlich schwer umsetzbar für jemanden, der wie Stelmanis nicht mal einen festen Wohnsitz hat. Während der Entstehung des fast im Alleingang geschriebenen und produzierten „Future Politics“ lebte Stelmanis erst in Montréal, dann in Mexico City. Beide Städte hinterließen auch musikalische Spuren. Während die dunkleren, persönlicheren Lieder, die sich ebenfalls auf der Platte finden, ihren Anfang im winterlichen Kanada nahmen, brachte das sonnige, turbulente Mexiko, wo die Austra-Frontfrau den Sound des Electro-Cumbia für sich entdeckte, tanzbareres Material hervor. So vereint „Future Politics“ eine unterkühlte Schlafzimmerproduktion mit pulsierenden Club-Beats und erhebenden Melodien, stets veredelt von Stelmanis‘ zugleich klagender und mutmachender Stimme.

Als Protest-Album begreift Stelmanis „Future Politcs“ trotzdem nicht. „Es ist eher meine emotionale Reaktion auf die Dinge, die in der Welt passieren“, sagt sie. „Ich unterscheide beim Schreiben nicht zwischen einem Trennungs-Lied und einem Song über Umweltzerstörung durch den Kapitalismus.“ Ist ja auch fast dasselbe.

Astra Revaler Str. 99, Friedrichshain, Mo 13.3., 20 Uhr, VVK 28,10 € zzgl. Gebühren

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