Electro-Pop

Mura Masa im Huxleys

Philosophischer Matrose: Mura Masa kommt von der winzigen, sehr provinziellen Insel Guernsey, ist blutjung und zurückhaltend. Wie hat es der Electro-Produzent trotzdem geschafft, die Londoner Clubwelt zu verzaubern?

Foto: Universal Music

Als er nach Japan reiste, hat Mura Masa Singzikaden aufgezeichnet. Wie ihr Zirpen den Sommer dort prägt. Atmo von Road-Trips. Warteschleifenmelodien. „All das hat für mich Bedeutung, sentimental“, sagt er mit weicher Stimme und einem nur angedeuteten Lächeln. Und wenn er, der eigentlich Alex Crossan heißt und 21 Jahre jung ist, einem so sanftmütig gegenübersitzt, deutet nichts darauf hin, dass er über 200 Millionen Klicks bei Youtube verbucht und mit Weltstars wie A$AP Rocky oder Stormzy rumhängt, die sehr picky darin sind, auf wessen Beats sie rappen.

„Sie sind zwar große Persönlichkeiten“, sagt Mura Masa, „aber das heißt nicht, dass sie immer nur prahlen.“ Selbst Damon Albarn, einst Frontmann von Blur und nun Godfather der Gorillaz, sang mit Mura Masa ein Duett ein fürs Debütalbum „Mura Masa“, das im Sommer erschienen ist. Aber Mura Masa ging ja schon zwei Jahre zuvor auf den Berliner Streaming-Portal Soundcloud viral, während die Blogger im Jubeltrubel ausgerastet sind. Das Risiko, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, war also überschaubar – auch wenn Alex Crossan sich benannt hat nach Muramasa, einer für ultrascharfe Schwerterklingen berühmten japanischen Waffenschmiede aus dem späten 16. Jahrhundert. „Weil ich selbst so ein schüchterner Typ bin, fühle ich mich angezogen von der Demut und Bescheidenheit, die japanische Kultur ausstrahlt“, sagt Mura Masa süß wie Matcha-Cheesecake.

Wäre Crossan in einem anderen Jahrhundert geboren, er wäre wohl Matrose geworden. Kommt er doch von Guernsey, der kleinen Insel im Ärmelkanal vor der Normandie, aber vier, fünf Bootsstunden vor der britischen Küste. „Es gab da so wenige junge Menschen“, erzählt er, „dass man kaum eine Band zusammenkriegte – man musste einfach viele Ins­trumente draufhaben.“ Die Mama spielte Joni Mitchell am Klavier, der Papa brachte ihm Bass und Gitarren bei, Beatles, natürlich. Als Teenager zog Crossan sich nachmittags Youtube-Tutorials rein, wie man Electro am Rechner produziert.

Musik wie Sturm und Drang

Auf Guernsey hat er sich zwar in die Tanz­lokale schmuggeln und ein paar Biere abgreifen können, aber die „Clubs“ auf dem Eiland schlossen ja schon um 2 Uhr früh. „Doch durch das Internet als Linse kam der Underground zu mir“, sagt Crossan heute. Später hat er Philosophie und Literatur studiert in Brighton.

Horizont erweitern. Exotica wie Holzschlagstabspiel, Stahltrommel und Lamellophon hört man auf den Tracks seines Albums über allerlei Vocals von Gästen. Aber auch fingergeschnippten Funk-House, fetten Hip-Hop, Calypso-Fanfaren, UK-Garage und besagte Zikaden aus Japan. „Meine Tracks sind Formwandler“, sagt Crossan. Die erste Platte, die er sich als Teenager kaufte, war „Demon Days“ von Damon Albans Gorillaz. „Auch ihre Rhythmen stammen aus ganz verschiedenen Kulturen“, sagt Crossan. „Und doch sind sie einfach Pop, der Spaß macht, ohne auf andere herabzuschauen.“ Seine Musik erzählt vom Sturm und Drang, wie man ihn nur mit 20 spürt. Davon, woanders anzukommen und dann auf festeren Füßen zu stehen. So wie man es sollte, wenn man mit Schwertern kämpft.

Huxleys, Hasenheide 107, Neukölln, Mo 30.10., 20 Uhr, VVK 23,80 zzgl. Gebühren