Musik

Fotzenrap, Pussypop und Tussitechno mit 6euroneunzig

Als Rap-Duo 6euroneunzig texten die Berlinerinnen Nina und Kat über Männer, Partys und Schönheitsideale. Kürzlich erschien ihre erste EP „Slutalarm“, in der sie clubtaugliche Techno und Rap-Beats mit feministischen Themen zusammenbringen. Mit provokanten Texten und tanzbaren Beats liefert 6euroneunzig damit nicht nur eine ordentliche Portion Empowerment, sie machen auch klar: Das Patriarchat hat ausgedient.

Kat (links) und Nina (rechts) sind gemeinsam als das Rap-Duo 6euroneunzig unterwegs. Foto: Roman Gilz

Fast-Food, kurze Röcke, OnlyFans und eine haarige Vulva

Fotzenrap, Pussypop und Tussitechno, so beschreiben Kat und Nina von 6euroneunzig ihren Musikstil. Ihre Songs kombinieren schnelle, tanzbare Beats mit einer Bad-Bitch-Attitüde, die so im Rapgeschäft momentan ziemlich angesagt ist. Die Bilanz: Fast 65.000 Follower:innen bei Instagram und mehr als zwei Millionen Streams bei Spotify. Kennengelernt haben sich Kat und Nina bei einem Schauspielvorsprechen in Potsdam, nachdem sie beide in der dritten Runde rausgeflogen sind. Zur Musik sind die beiden als Mitbewohnerinnen in der gemeinsamen WG gekommen. „Wir haben nächtelang in der Küche gesessen und erste Songs geschrieben und aufgenommen“, sagt Nina. Zum ersten Mal performt hat das Rap-Duo auf einer Hausparty vor Freund:innen. 2023 gingen Videos zu ihrem zweiten Track „Dickpic“ viral.

Frauen, die über Sex, Alkohol, Partys und Fotzen texten und damit mit stereotypen Rollenbildern brechen, finden sich immer häufiger im Musikbusiness. Ikkimel, SXTN und Doja Cat sind da nur einige aktuelle Beispiele. Und auch bei 6euroneunzig geht es ähnlich explizit zu. In dem Song „Böses Mädchen“ etwa textet das Duo: „Gute Mädchen kommen in den Himmel. Ich bin ein böses Mädchen, also komm‘ ich überall“. Und mit der Line „Heut Nacht hab‘ ich Hunger auf vorne links im Bunker. Mit der Schnellfickerhose, da hab‘ ich safe nichts drunter“ ist der Song „Bunker“ ebenso deutlich.

Dass die Message dahinter durchaus über La Vida Loca hinausreicht, machen 6euroneunzig immer wieder klar: „Mit unseren Texten wollen wir vor allem radikale Selbstakzeptanz vermitteln, die keinen Fick auf gesellschaftliche Vorstellungen gibt“, sagt das Berliner Duo. Gesagt, getan: Anstatt Idealbilder zu reproduzieren, rappen 6euroneunzig lieber darüber, Fast-Food zu essen, kurze Röcke zu tragen, die Vulva haarig zu lassen und Männern auf OnlyFans das Geld aus der Tasche zu ziehen.

„Wir haben keine Lust, uns in gesellschaftliche Schönheitsideale quetschen zu lassen“, sagen 6euroneunzig

Ihre ersten Songs haben Nina und Kat in der gemeinsamen WG-Küche geschrieben. Foto: Roman Gilz

Kaum verwunderlich also, dass das Rap-Duo mit dem Track „Tittentraining“ (ein Feature mit dem Produzenten und Rapper Robbensohn) quasi eine Antihymmne zu dem liefert, was die Popkultur momentan vorlebt. Denn was auf den „Brat Summer“ vergangenes Jahr folgte, war eine Bewegung gegen einen hemmungslosen Lebensstil, der Partynächte, Zigaretten und ungewaschene Bettwäsche zelebriert. Clean-Girl-Aesthetics, Size-Zero und der inzwischen gesperrte Hashtag „Skinny-Tok“ fluteten die sozialen Medien, und „Brat“ schien gleichzeitig mit der lang erkämpften Body-Positivity-Bewegung wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Im Ozempic-Zeitalter hält das Musikbusiness nicht zurück, was gerade angesagt ist: skinny Körper, von Pilates geformt. Shirin David mit ihrem Album „Schlau aber blond“ ist da nur ein Beispiel.

Fallen wir in die Körperbilder der 2000er zurück? Ein gefährlicher Trend, dem sich Kat und Nina in ihrem Song „Tittentraining“ entgegenstellen: „Anstatt Bauch, Beine, Po trainieren wir lieber unsere Titten und fressen dabei Fast-Food. Wir haben nämlich keine Lust, uns in gesellschaftliche Schönheitsideale quetschen zu lassen“, erklärt das Rap-Duo. Ein Gegengewicht, hinter dem ein feministisches Selbstverständnis steckt, wie Kat betont: „Sich radikal selbst zu akzeptieren und auf die Schönheitsindustrie zu scheißen, ist das Antikapitalistischste, was man als Frau machen kann.“ Dass auch die beiden Rapperinnen als weiße junge Frauen dem gängigen Ideal entsprächen und der Druck auf andere Menschen noch viel größer ist, sei ihnen dabei stets bewusst, sagen sie.

Fotzenrap im Patriarchat: Ein Sprachrohr der Unterdrückten

Für 6euroneunzig ist klar: Patriarchale Denkmuster haben ausgedient! Foto: Roman Gilz

Sich mit fotzigen Texten im patriarchalen Musikbusiness Gehör zu verschaffen, ist empowernd. Schließlich wird der weiblich gelesene Körper seit jeher im cis-männlichen Rap-Kosmos geshamed, sexualisiert und beleidigt. Dass Misogynie dabei durchaus Platin gehen kann, zeigt die millionenfach auf Spotify gestreamte Playlist „Modus Mio“ mit aktuellen Deutschrap-Veröffentlichungen. Klar, Rap allein macht die Gesellschaft nicht frauenfeindlich. Doch das Musikbusiness kann trotzdem als ein Mikrokosmos dessen verstanden werden. Aber: Die Popkultur wandelt sich stetig und der Hashtag „Männer lol“ wurde längst millionenfach geteilt. Das Machtgefälle bröckelt durch immer mehr Gegenbewegung – auch im Rap-Business, wie Kat sagt: „Diese Selbstermächtigung von: Ich bin eine Frau und mache richtigen In-die-Fresse-Rap. Das ist es was wir brauchen.“

Kürzlich veröffentlichte 6euroneunzig die erste eigene EP. Im Titeltrack „Slutalarm“, der eine Mischung aus Deutschrap, Techno und Pop ist, texten Kat und Nina: „Meine Pussy gibt ’n Fick nur eine Nacht lang. Schreibe dir nicht mehr zurück, ich knall‘ lieber deinen Nachbarn“ und „Willst ’n Date? Guter Witz, ich geh‘ nicht ins Kino, Bitch. Achtung, Achtung, Slut-Alarm, oben ohne, Nippel hart“. Eine „provokante und sommerliche Hymne“, wie es das Duo beschreibt, in der es auch um Sex, Partys und Empowerment geht. „Die weibliche Sexualität wurde so lange unterdrückt. Weiblich gelesene Menschen hatten deswegen kaum eine Chance, eigene Fantasien zu entwickeln“, sagt Nina. Es bleibt nur eins zu sagen. Mit Lines wie diesen bringen 6euroneunzig die ursprünglichen Werte des Rap zurück auf die Bildfläche: ein Sprachrohr der Unterdrückten.


6euroneunzig live


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