Musik

Punk, Techno und Schlager: 12 mal Berlin auf dem Plattencover

Plattencover auf denen man Berlin sieht, haben eine lange Tradition. Der Glanz der Stadt, bedeutende Sehenswürdigkeiten und die Tanzhallen und Ballhäuser gaben schon in der Frühzeit der Musikindustrie visuell genug her, um den Verkauf von Tonträgern anzuheizen.

Die Stadt war eine Marke. Die Labels und Designer bedienten sich der Attribute, die man Berlin zugeordnet hat, bei der Gestaltung der Cover. Berlin war die moderne Metropole, Ort der Freiheit, urbane Verheißung des Sozialismus, Sündenpfuhl und isolierte Mauerstadt. Damit ließ sich arbeiten.

Hier haben wir 12 Plattencover mit Berlin-Motiven zusammengestellt, die von den 1960er-Jahren bis heute reichen und zugleich von der Geschichte der Stadt, der Entwicklung der Musik und der Musikbranche selbst erzählen. Eines ist gewiss, ob Pop, Schlager, Techno oder Punk, Berlin kam immer wieder aufs Cover!


Verschiedene Künstler: „Treffpunkt Berlin“

Ja, 1965 war die Welt noch simpel. Man nahm ein Farbfoto vom Ku’damm, ein paar lustige Lieder von Leuten wie Willi Rose, Ilse Trautschold und den Schöneberger Sängerknaben, nannte den Bums „Treffpunkt Berlin“ und verkaufte das alles als einen „fröhlichen Berlin-Bummel mit viel Musik und noch mehr Herz“.

Schlager und das leicht miefige West-Berliner Großstadt-Flair der 1960er-Jahre passten ziemlich gut zusammen. Und solche „gemütlichen“ Platten mit Lokalkolorit waren auch ein schönes Mitbringsel für Freunde und Familie in Westdeutschland.

  • Verschiedene Künstler: „Treffpunkt Berlin“, Label: Telefunken, Jahr: 1965, Genre: Schlager/Tanzmusik, Ort auf dem Plattencover: Kurfürstendamm und Gedächtniskirche

Stanley Brinks and the Wave Pictures: „Berlin“

Ganz anders sieht die Sache hier aus. Der Indie-Musiker Stanley Brinks ist das Alter-Ego des französisch-schwedischen Musikers André Benouaisch, der vor allem mit dem Projekt Herman Düne bekannt wurde. Er gehört zu der Expat-Generation, die nach dem Mauerfall von der unendlichen Freiheit Berlins und den billigen Mieten angezogen wurde und sich in der Stadt verwirklichte.

2015 erschien das mit „Berlin“ schlicht betitelte Album, das Stanley Brinks zusammen mit dem englischen Trio The Wave Pictures aufgenommen hat. Das Cover der folkig angehauchten Indiepoprock-Platte zeigt eine grafisch verfremdete Aufnahme der Abrissarbeiten vom Palast der Republik und den dahinter aufragenden Fernsehturm. Minimalistische Siebdruck-Ästhetik, die an DDR-Sozialismus anknüpft, den die Künstler nur als ästhetische Referenz kennen können.

  • Stanley Brinks and the Wave Pictures: „Berlin“, Label: Fina Records, Jahr: 2015, Genre: Indie, Ort auf dem Plattencover: Fernsehturm und Palast der Republik (Abrissphase)

Verschiedene Künstler: „Tresor. 197 Headquarters_Berlin“

Seit dem Mauerfall steht Berlin vor allem für ein Musikgenre: Techno. Das Nachtleben, die DJ-Szene und Clubs wie E-Werk, Bunker und Tresor haben die Stadt als Partylocation rund um den Globus bekannt gemacht. Zu den führenden Techno-Institutionen der Stadt gehört seit den Anfangsjahren der elektronischen Tanzmusik in Berlin der Tresor.

Das hauseigene Label veröffentlichte 2002 die Compilation „Tresor. 197 Headquarters_Berlin“ mit Tracks von Subtronic, Aquaton, Dash und anderen. Das Motiv auf dem Cover verweist auf den historischen Standort des mittlerweile in der Köpenicker Straße beheimateten Clubs, die Kreuzung Leipziger Straße/ Ecke Wilhelmstraße.

  • Verschiedene Künstler: „Tresor. 197 Headquarters_Berlin“, Label: Tresor, Jahr: 2002, Genre: Techno, Ort auf dem Plattencover: Leipziger Straße/ Ecke Wilhelmstraße

Einstürzende Neubauten: „Berlin Babylon“

Kaum eine andere Berliner Band hat sich derart intensiv mit der Stadt und ihrer Architektur auseinandergesetzt wie die am 1. April 1980 gegründeten Einstürzenden Neubauten. 2001 erschien ihr Soundtrack zum Dokumentarfilm „Berlin Babylon“ von Hubertus Siegert, in dem der Regisseur die gewaltigen Bauarbeiten am Potsdamer Platz nach der Wende reflektiert hat.

Blixa Bargeld sagte im tipBerlin-Interview über dieses Kapitel der Berliner Architekturgeschichte, dass es damals „ganz konkret um den Versuch ging, am Potsdamer Platz Geschichte zum Verschwinden zu bringen.“ Das Plattencover zeigt einen Filmstill aus der Dokumentation.

  • Einstürzende Neubauten: „Berlin Babylon“, Label: Our Choice, Jahr: 2001, Genre: Avantgarde/Experimental, Ort auf dem Plattencover: Potsdamer Platz

Au Pairs: „Live In Berlin“

Bei der Gestaltung von Plattencovern gilt bei Live-Alben oft das Bedürfnis der Grafiker, den Ort des Geschehens visuell darzustellen. So sieht man bei etwaigen „Live in Berlin“-Alben immer wieder auch die Stadt. Mal ist es der Veranstaltungsort, mal eine nächtliche Straßenszene oder ein Foto der Band im Stadtbild.

Im Falle der einflussreichen britischen Postpunk-Band Au Pairs ist auf der 1983 veröffentlichten Liveaufnahme eine minimalistische Zeichnung der Berliner Mauer auf dem Plattencover zu sehen. Ein Beispiel für die Faszination der Punkgeneration mit dem Beton, der Berlin teilte.

Schon die Sex Pistols sangen von der „Berlin Wall“, und die Berliner Ur-Punks PVC um den legendären Frontmann Gerrit Meijer prägten den Begriff „Wall City Rock“ und ließen sich an der Mauer ablichten. Beton, Kalter Krieg und Punk, das passte gut zusammen.

  • Au Pairs: „Live In Berlin“, Label: Line Records, Jahr: 1983, Genre: Postpunk, Ort auf dem Plattencover: Berliner Mauer

Barcley James Harvest: „A Concert For The People (Berlin)“

Im gleichen Jahr wie die Au Pairs spielten auch Barcley James Harvest ein Konzert in Berlin, das als „A Concert For The People (Berlin)“ bereits 1982 erschienen ist. Musikalisch ist der softe Progrock von BJH ein ganz anderes Kaliber als der aggressive Sound der englischen Postpunks, doch auch hier wählten Künstler, Label und Designer ein Berlin-Motiv für das Plattencover.

Barcley James Harvest traten auf der Wiese vor dem Reichstag auf, wo in den 1980er-Jahren regelmäßig Konzerte unter freiem Himmel stattfanden. Auch Weltstars wie Michael Jackson und David Bowie spielten dort. Die Aufnahme zeigt die Festivalstimmung, die bei den Sommerkonzerten am historischen Ort in direkter Mauernähe (so dass auch die Ost-Berliner etwas hören konnten) dort herrschte.

  • Barcley James Harvest: „A Concert For The People (Berlin)“, Label: Polydor, Jahr: 1982, Genre: Rock, Ort auf dem Plattencover: Wiese vor dem Reichstag

Z: „In Berlin“

Die Geschichte der Berliner New-Wave-Band Z reicht in die späten 1970er-Jahre zurück und ist mit der Besetzung des Ufa-Geländes in Tempelhof, der späteren ufaFabrik, eng verknüpft. Damals lebten und probten die Musiker in dem Raum, den man heute als Wolfgang-Neuss-Salon kennt.

Das im Geiste der Neuen Deutschen Welle gehaltene Cover der Single aus dem Jahre 1980 zeigt die Band an einem U-Bahnhof, während die U-Bahn gerade einfährt. Auffällig ist das gut sichtbare Logo der BVG. Englische Lyrics, melancholische Stimmung, klirrende Gitarren, so klingt „In Berlin“ von Z.

  • Z: „In Berlin“, Label: Rocktopus, Jahr: 1980, Genre: New Wave, Ort auf dem Plattencover: Berliner U-Bahnhof (nicht identifiziert)

Verschiedene Künstler: „Berlin – Lieder einer großen Stadt“

Auch in Ost-Berlin setzte man beim Staatslabel Amiga auf Berlin als Verkaufsargument und nutzte Fotos der Stadt als Covermotiv. Im Punkjahr 1977 erschien dort die Schlager-Jazz-Compilation „Berlin – Lieder einer großen Stadt“. Der Schnappschuss zeigt die Leipziger Straße, eine Alltagsszene, Autoverkehr, Häuser, in der Ferne Passanten.

Im Rückblick erscheint die Wahl für dieses Motiv willkürlich, aber zugleich charmant. Statt zu inszenieren, nimmt man ein beliebiges Foto und sagt, das ist die Stadt, sie ist groß, und so sieht sie aus. Punkt.

  • Verschiedene Künstler: „Berlin – Lieder einer großen Stadt“, Label: Amiga, Jahr: 1977, Genre: Jazz/Schlager, Ort auf dem Plattencover: Leipziger Straße

Hildegard Knef: „Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen“

Hildegard Knef war nicht irgendein Star, sie war, neben Marlene Dietrich, die vermutlich bedeutendste Sängerin, die diese Stadt je besungen hat. Sie kannte sich hier aus, und doch verband sie eine Hassliebe mit Berlin. Hildegard Knef lebte und arbeitete lange in den USA, in England und Frankreich. Sie starb 2002 in Berlin und erhielt ein Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Zehlendorf.

Die ruppig montierte Collage zeigt die Knef vor einer Luftaufnahme der City-West. Ein klassischer Promo-Schuss, konzeptionell sogar ein Schnellschuss. Aber die Single dürfte sich 1966 ganz ordentlich verkauft haben, auch wenn längst andere Künstler den Ton angaben und Cover dieser Art schon damals recht altbacken daherkamen.

  • Hildegard Knef: „Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen“, Label: Decca, Jahr: 1966, Genre: Chanson, Ort auf dem Plattencover: Kurfürstendamm und Gedächtniskirche

The Insane: „Berlin Wall“

The Insane und die 1984er-Single „Berlin Wall“: ein weiteres Beispiel für die Faszination der No-Future-Generation für den Antifaschistischen Schutzwall. Die Band fand die Grenzanlage derart ansprechend, dass sie gleich vier Schwarz-Weiß-Fotos der Berliner Mauer aufs Plattencover montierte.

  • The Insane: „Berlin Wall“, Label: White Rose Records, Jahr: 1984, Genre: Punk, Ort auf dem Plattencover: Berliner Mauer

Bel Ami: „Berlin Bei Nacht“

Wave trifft Pop mit deutschen Texten. Unvergessen der Hit von Bel Ami: „Berlin bei Nacht“. Interessanterweise spielte die Band den Song auch auf Türkisch ein: „Gece Berlin’de“. Eine frühe Würdigung der Kreuzberger Urbanität.

Hier zeigt sich auch ein frühes Beispiel für den Kiezbezug der Künstler. Während lange meist Fotografien aus den Zentren der Stadt, Kurfürstendamm respektive Mitte, für Plattencover genutzt wurden, sieht man hier die Band an einer unscheinbaren Kreuzberger Straßenecke stehen.

  • Bel Ami: „Berlin Bei Nacht“, Label: Pool, Jahr: 1979, Genre: Rock, Ort auf dem Plattencover: Riemann-/ Ecke Nostitzstraße in Kreuzberg 61

Oliver Nelson and the Berlin Dreamband: „Berlin Dialogue For Orchestra“

Und noch einmal zurück an den Kurfürstendamm, diesmal in einer gezeichneten Version. Man sieht die Gedächtniskirche und den Straßenverkehr auf dem Plattencover von Oliver Nelsons „Berlin Dialogue For Orchestra“, einer Aufnahme, die von den Berliner Jazztagen (heute Jazzfest Berlin) in Auftrag gegeben wurde.

  • Oliver Nelson and the Berlin Dreamband: „Berlin Dialogue For Orchestra“, Label: Flying Dutchman, Jahr: 1971, Genre: Jazz, Ort auf dem Plattencover: Kurfürstendamm und Gedächtniskirche

Mehr Musik aus Berlin

Hier hat er gelebt und legendäre Alben geschaffen. David Bowie in Berlin: 12 Dinge, die man wissen sollte. Eine Ära ist zu Ende gegangen: Unser Abschied von Wolfgang Doebelings Radiosendung „Roots“. Und wer so richtig in der Musik aus Berlin abtauchen will: Hier sind die 12 wichtigsten Berliner Bands: Ärzte, Seeed, Pankow und mehr.

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