Interview

Die Nerven: „Wir sind die letzte Rockband Europas”

Die Nerven sehen sich nicht als Berliner Gruppe, obwohl zwei Mitglieder in der Hauptstadt wohnen. Auf ihrem schwarzen Album bündelt das Post-Punk-Trio Scham und Frust zu befreiender Energie. Ihre wütenden Songs treffen den Zeitgeist, ihre Konzerte sind brachial. Wir haben Max, Julian und Kevin getroffen.

Nie ganz gemütlich: Max Rieger, Kevin Kuhn und Julian Knoth (v.l.n.r) sind Die Nerven. Foto: Lucia Berlanga

Die Nerven im Interview: „Wir befinden uns im Worst-Case-Szenario”

tipBerlin Liebe Nerven, der zweite Song eurer neuen Platte heißt „Ich sterbe jeden Tag in Deutschland“. Die Texte sind schon 2018/19 entstanden. Sterbt ihr inzwischen nicht mehrmals am Tag?

Alle Ja.

Kevin Das ist eine sehr gute Deutung.

Julian Der Song ist vielschichtiger geworden mit der Zeit. Es ist dieses diffuse Gefühl: Ich sterbe jeden Tag mehr. Vor Scham, innerlich, weil ich Deutscher bin. Natürlich ist das gegen Patriotismus gerichtet. Gleichzeitig ist Deutschland für viele geflüchtete Menschen ein Land, in dem sie einigermaßen sicher sind. Es geht mir um diesen Zwiespalt.

tipBerlin Zeilen wie „Ich dachte irgendwie, in Europa stirbt man nie“ hauen bei der aktuellen Weltlage noch mehr rein.

Max Ich hätte mir gewünscht, dass sich die Texte des Albums nicht erfüllen. Wir befinden uns jetzt wirklich im Worst-Case-Szenario. Die Zeile war fürs Mittelmeer geschrieben und jetzt mit Corona und Krieg in der Ukraine ist alles noch schlimmer.

Die Nerven: „Der ganze Frust darf sich entladen”

tipBerlin Wie fühlt es sich an, solche Zeilen zu singen?

Julian Es ist traurig, aber wenn wir das Lied spielen, steht es für mich gar nicht mehr so arg in diesem Kontext. Dann singen Leute mit und man merkt, dass es uns allen so geht in unserer privilegierten Sichtweise.

Max Unsere Konzerte sind eben auch Druckabbau. Der ganze Frust darf sich entladen. Daher gibt es keine negative Energie, wenn wir spielen.

Julian Es ist eher befreiend, wenn man das sagen kann. Vor allem geht es um die Erkenntnis, dass diese heile Welt bröckelt. Manchmal muss man sich von dieser Schwere befreien, die auf diesem Leben liegt.

tipBerlin Macht das die Konzerte noch heftiger?

Kevin Ich glaube nicht, dass unsere Konzerte wegen der Texte heftig sind, sondern dank der gebündelten Energie.

Julian Bei uns ging es schon immer darum, Negatives in etwas Positives zu verwandeln. Im besten Fall im kollektiven Gefühl mit dem Publikum. Das sind die besten Momente, wenn sich Band und Publikum gegenseitig hochheben.

Pop und Punk: „Im Endeffekt dienen wir alle dem Song”

tipBerlin Woher kommt diese Energie?

Max Die Energie entsteht einfach, wenn wir drei in einem Raum stehen und Musik zusammen machen.

Kevin Das passiert vielleicht auch aus Frust. Aus dem Drang, sich abzureagieren. Das funktioniert ja auch nur mit so einer Katharsis.

tipBerlin Trotzdem schafft ihr es, Songs zu schreiben, die nicht nur eskalieren, sondern sogar Pop-Ausflüge machen. 

Max Im Endeffekt dienen wir alle dem Song.

Julian Wir waren so lange laut, bis der Lärm zusammengebrochen ist. Dann kam die Begeisterung für Zusammenspiel und Ruhe.

Partner in Crime: Die Nerven. Foto: Promo

Die Nerven mit Balladen: „Die Angst bleibt, dass es eskaliert”

tipBerlin Auf dem neuen Album sind sogar Streicher und balladenhafte Parts zu hören. Wie realistisch ist eine komplett ruhige Nerven-Platte?

Kevin Selbst wenn wir diese Intention hätten, käme früher oder später eine Stelle, wo sich alles wieder hochschraubt.

Max Die ruhigen Stellen laufen ja immer auf eine Implosion hinaus. Man kann sich nicht entspannen. Das ist Teil von Die Nerven. Irgendwann eskaliert es. Oder selbst wenn nicht: Die Angst bleibt, dass es eskaliert. 

Julian Das wäre ein unerträgliches Album.

Max Wir werden aber auch älter irgendwann.

Die Nerven haben ein schwarzes Album rausgebracht. Foto: Lucia Berlanga

tipBerlin Die Entstehung eures Albums fiel auch erwachsener aus.

Max Gesünder vor allem. Wir haben kein Bootcamp durchgezogen, sondern uns richtig Zeit genommen. Vorher sind wir mit zehn Skizzen ins Studio gegangen, wenn wir elf Songs haben wollten. Diesmal haben wir fast 20 ausgearbeitete Stücke mitgebracht.

Julian Wir waren das erste Mal richtig vorbereitet und hatten einen geregelten Tagesablauf. Es gab kaum schlechte Vibes.

Max Sich gegenseitig zerfleischen, macht die Arbeit nicht besser. Vielleicht muss man auch mal etwas leiden. Aber nicht im Studio.

Metallica, Jay-Z, Die Nerven

tipBerlin Ihr habt alle sehr dominante Spielweisen, zwei Sänger und diverse Nebenprojekte. Gibt es bandinterne Konkurrenz?

Kevin Früher auf jeden Fall. Das wurde aber nie ausgesprochen. Das war vielleicht das Problem.

Julian Das Gespräch haben wir fünf Jahre hinausgezögert.

Kevin Wir haben nie geprobt und sind mit minimaler Absprache auf die Bühne gegangen. Man lernt, sich als Teil des Ganzen zu sehen. So pendelt sich das irgendwann ein.

Die Nerven sind ein brachialer Live-Act. Foto: Imago/Carsten Thesing

tipBerlin Und resultiert in einem „Die Nerven“ betitelten Album. Wann kommt der Moment, in dem der Bandname genügt?

Max Also bei uns genau jetzt. Das Album fühlt sich anders an, die Entstehung war anders, wir sind anders. Ich würde es jetzt nicht als Neustart bezeichnen, aber vielleicht als frischen Impuls.

tipBerlin Einfarbige, selbstbetitelte Alben haben Tradition und markieren oftmals Wendepunkte.

Max Das schwarze Album von die Nerven. Mit Augenzwinkern auf Metallica, zu denen wir eine Hassliebe teilen. 

Kevin Ich hoffe, dass die Fans die Platte doch lieber „die mit dem schwarzen Hund“ nennen.

„Man unterhält sich, auch ohne zu sprechen”

tipBerlin Mit eurem neuen Album seid ihr auf Tour. Was habt ihr während der Pandemie-Pause am meisten vermisst?

Julian Bei einem Konzert geht es nicht um Clicks und Streams, sondern um nonverbale Kommunikation. Man unterhält sich, auch ohne zu sprechen.

tipBerlin Worauf freut ihr euch am meisten?

Julian Auf nonverbale Kommunikation. Mit meinem Bass, aus der Box in die Menge, den Leuten entgegenschreien und auf das Echo, auf überteuerten Kaffee auf Raststätten und graue Novembertage auf der Autobahn.

Kevin Auf die zehn Minuten nach einem Konzert. Das ist ein Zustand, der lässt sich mit nichts anderem herbeiführen oder vergleichen.

Julian Außer Heroin?

„Wir sind das Allerletzte”

tipBerlin Am 21. Oktober habt ihr in Berlin gespielt. Bei der Zeile „kalte Kriege, erhöhte Miete, überhöhtes Selbst“ musste ich sofort an diese Stadt denken. Wie inspiriert euch Berlin?

Max Überhaupt gar nicht. Ich hasse Berlin.

Julian Wir sind die letzte Rockband Europas. Weltweit würde ich jetzt noch nicht sagen.

Max Wir sind keine Stuttgarter Band, keine Berliner Band, wir sind eine Band aus Europa. Fertig.

tipBerlin Ihr seht euch wirklich als europäische Band?

Julian Aber wirklich die letzte.

Kevin Wir sind das Allerletzte.

  • Die Nerven  Die Nerven (Glitterhouse/Indigo)

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