DJ Hell zählt zu den einflussreichsten Personen der elektronischen Musik – Produzent, Labelgründer, Mode-Ikone und kultureller Grenzgänger zwischen Club, Kunst und Avantgarde. Mit International Deejay Gigolo Records prägte er einst den Electroclash, jetzt kehrt er mit seinem neuen Album „Neoclash“ zu seinen Wurzeln zurück. Im Interview mit tipBerlin-Autorin Marit Blossey spricht Hell über KI als künstlerisches Werkzeug, über die Rückkehr eines Sounds – und über den Zustand der Berliner Clublandschaft, in der heute, wie er sagt, gefühlt jede:r DJ ist.

Die Wiedergeburt eines Sounds
tipBerlin Du bist gerade viel unterwegs. Gestern fand die Release-Party des Keyi Magazine statt, auf dessen Cover du aktuell zu sehen bist. Wie war dein Abend?
DJ Hell Es war irgendwie überwältigend. Da stehen Leute aus Malaysia, London, New York, Turin, São Paulo, alle total aufgeregt, weil sie mich treffen. Das berührt mich dann schon sehr, weil ich im Alltag meistens gar nicht realisiere, welchen Impact meine Musik über die Jahrzehnte für manche Menschen hatte. Da kommen Mütter mit Kindern, die fünf oder sechs sind und meine Sachen hören. Andere drücken mir USB-Sticks mit ihren eigenen Produktionen in die Hand – mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge ihr Leben davon ab. Und ich spüre, wie wichtig der Moment für sie ist.
tipBerlin Und hörst du dir die USBs wirklich an?
DJ Hell Ja, immer. Ich würde mich dazu auch verpflichtet fühlen, ehrlich gesagt. Viele haben sich tagelang vorbereitet, manche sagen „Ich hab drei Monate an diesen Songs gearbeitet, bitte hör es dir an“. Und ich mache das dann auch – wenn mir etwas gut gefällt, melde ich mich sofort. Daraus kann dann ein engerer Kontakt entstehen oder ich release das umgehend. Aber wenn ich es nicht gut finde, ist schweigen oft die bessere Variante. Ich will niemanden verletzen.
„Neoclash ist Electroclash weitergedacht“
tipBerlin Lass uns über dein neues Album sprechen, das im Dezember erscheint. Was war die Vision hinter „Neoclash“?
DJ Hell Die Vision? Es gab erst mal keine klare Linie.
tipBerlin Gar keine?
DJ Hell Naja, am Anfang war es wirklich ein wildes Sammelsurium an Ideen. Ich hatte viele Skizzen, Soundfragmente, Melodien, Coverversionen, 909-Beats. Und irgendwann habe ich gemerkt: Da bahnt sich etwas Größeres an. Ich beobachte gerade, wie Electroclash – also das, was wir um 2000 herum losgetreten haben – wieder massiv in Sets auftaucht. Junge DJs spielen plötzlich alte Sachen von Miss Kittin, Vitalic, Zombie Nation, Dopplereffekt. Und ich dachte: Okay, vielleicht ist jetzt der Moment, das weiterzuführen und neu zu bewerten. So kam der Begriff Neoclash – der Name fühlt sich an wie eine logische Weiterführung des Themas. Ich hatte insgesamt über 40 Tracks in Arbeit, am Ende habe ich 12 ausgewählt. Und da wäre genug Material für ein „Neoclash 2“.
tipBerlin Wie sieht dein Produktionsprozess konkret aus?
DJ Hell Sehr organisch. Ich habe meistens eine Grundidee, die ich dann nach und nach weiterbaue. Ich höre mir viele Zwischenversionen auf dem Handy an, oft abends im Bett, direkt vor dem Einschlafen – und plötzlich weiß ich, was noch verbessert werden sollte: Bei Minute 2:30 muss ein Clap kommen, oder der Bass muss früher rein. Das passiert alles sehr intuitiv. Manche Tracks brauchen zehn Sessions, bis ich weiß: Jetzt ist es stimmig. Aber das verändert sich auch ständig. Ich arbeite auch mehr und mehr mit KI.
DJ Hell: „KI kann Dinge, die ich nicht kann“
tipBerlin Du hast zum Beispiel kürzlich mit Namae Koi kollaboriert, einer virtuellen Singer-Songwriterin, die von der KI-Künstlerin Mieke Haase erschaffen wurde. Was reizt dich an dieser Technologie?
DJ Hell Ich finde das alles wahnsinnig spannend. Die KI generiert Melodien, Streicherarrangements, manchmal sogar Vocals, die ich so niemals komponieren könnte. Ich nehme dieses Material und baue meine Beats, Arrangements, Sounddesign dazu – und dann entsteht daraus etwas Neues.
tipBerlin Viele Künstler:innen sehen KI als Gefahr. Du nicht?
DJ Hell Viele Leute reagieren bei KI sofort reflexhaft kritisch. Ich sehe die Risiken ja auch in anderen Feldern. Aber ich bin Künstler – für mich ist das ein Werkzeug, wie früher ein neuer Synthesizer. Mein letztes Albumcover ist komplett KI-generiert. Die meisten glauben, es sei ein echtes Foto.
tipBerlin In dem Fall ersetzt die KI doch tatsächlich die Arbeit eines Künstlers.
DJ Hell Ja, das passiert schon. In den USA war jetzt ein KI-generierter Country-Song auf Nummer 1. Spotify ist da auch völlig unreguliert. Zum Glück war Spotify für mich nie wichtig.
„2010 war der Punkt, an dem sich Berlin für mich wirklich verändert hat“
tipBerlin Du legst diesen Monat mehrfach in Berlin auf – Tresor, Panorama Bar, Herrensauna. Wie hat sich das Berliner Nachtleben für dich verändert?
DJ Hell Ich bin seit Ende der 80er dabei. Ich habe Acid House erlebt, die wilden 90er, die illegale Clubkultur – die besten 20 Jahre. Für mich war schon ungefähr 2010 ein Punkt erreicht, an dem ich dachte: Ich kann hier keine neuen Impulse mehr setzen. Trotzdem bin ich der Meinung: Berlin ist immer noch die Clubmetropole der Welt. Die Leute kommen nach Berlin, um auszugehen. Leider kommen sie nicht überall rein.
tipBerlin Du bist also kein Fan der berüchtigten Berliner Türpolitik?
DJ Hell Ich kenne Leute, die seit Jahren hier leben, produzieren, DJs sind, und die trotzdem nicht in Clubs reinkommen. Weil sie nichts „darstellen“, nicht gestylt sind? Das ist absurd. Beim Berghain verstehe ich die Politik komplett. Ich kenne Sven [Sven Marquardt, Türsteher des Berghain, Anm. d. Red.] schon lange. Er entscheidet spontan, wenn du vor ihm stehst – wenn du normal freundlich bist, keine Show abziehst oder unter Einfluss von Substanzen stehst, wenn du nicht übernervös bist, klappt das schon.
tipBerlin Naja, vielleicht nicht immer…
DJ Hell Es gab sogar schon Abende [in anderen Läden], wo ich kurz vor meinem Set reingehen wollte, und die Türsteher fragen mich, hast du dich verlaufen? Weißt du, wo du bist, wer hier spielt? Dann mache ich auch meine Spielchen. Irgendwann sage ich, wer ich bin, dann wird es unangenehm für die. Ich will keine Namen nennen, aber wenn ich in einem Club spiele, es stehen 200 Leute vor der Tür, ich komme rein und die Tanzfläche ist halb leer…
DJ Hell fragt sich: Ist inzwischen jeder in dieser Stadt DJ?
tipBerlin Würdest du dann so weit gehen, zu sagen, dass manche Clubs auch selbst die Verantwortung dafür tragen, wenn sie wirtschaftlich ins Straucheln geraten?
DJ Hell Es heißt ja immer, dass die Leute seit der Pandemie weniger feiern gehen, dass sie es sich auch weniger leisten können… wir könnten jetzt stundenlang hier sitzen und eine Top-100-Liste mit Gründen für das Clubsterben aufstellen, von Pandemie bis Türsteher-Politik, bis Berlin-Attitude, bis Veränderung des Ausgehverhaltens oder was auch immer. Ich sehe schon, dass Clubs wegbrechen, aber es kommen ja auch wieder neue nach. Ich glaube, dass es immer noch nichts Vergleichbares gibt wie hier in Berlin. Okay, das Watergate hat zugemacht wegen zu hoher Mietpreise. Klar, da kommen zu hohe Stromkosten, zu hohe DJ-Gagen. Aber…
tipBerlin …das ist dann nichts, dem du hinterher trauerst?
DJ Hell Ich trauere gar nicht. Ich habe 2010 getrauert. Ich habe damals schon gesagt, diese Kommerzialisierung, der Touristenwahnsinn, das ist inakzeptabel. Es wurden noch mehr Clubs, noch mehr Touristen, noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr DJs. (Er blickt zum Nebentisch, an dem drei junge Frauen sitzen.) Wer von den dreien da ist kein DJ?
Berlin ist immer noch die Clubmetropole der Welt. Die Leute kommen nach Berlin, um auszugehen. Leider kommen sie nicht überall rein
DJ HELL
tipBerlin Du lebst ja hauptsächlich in München. Fühlst du dich Berlin trotzdem noch verbunden?
DJ Hell Ich komme natürlich immer wieder hierher, weil ich eine Liebesbeziehung mit der Stadt hatte. 20 Jahre war hier mein Lebensmittelpunkt. Die meisten Freunde sind weggezogen oder nicht mehr im Nachtleben tätig. Natürlich sind einige schon noch aktiv, sogar aus den 90ern, Dimitri Hegemann zum Beispiel, und Sven Marquardt war bei meinen Gigolo-Partys in den 90ern schon Türsteher. Wenn ich hier bin, gehe ich auch gerne in neue Clubs. Lasse mich überraschen, was die neuen Entwicklungen sind. Ich bin gespannt, was nächstes Jahr ist. Durch den Neoclash-Hype habe ich plötzlich fünf Anfragen im Monat. Ich überlege sogar, die Gigolo-Vinyl-Nights zurückzubringen, viele kennen die alten Gigolo-Releases gar nicht.
„Lars Eidinger ist in kürzester Zeit zu einem ernsthaften DJ geworden“
tipBerlin Du legst oft gemeinsam mit Lars Eidinger auf. Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
DJ Hell Ich habe ihn mal auf der Bühne gesehen und fand seine Energie faszinierend. Irgendwann hat er mich auf einer Party angesprochen. Er hat sich innerhalb kürzester Zeit krass reingearbeitet – in Dramaturgie, in Trackauswahl, in Technik. Wir sprechen viel über seine Sets. Vielleicht bin ich ein Mentor für ihn, ich schätze ihn als Person sehr, als Freund. Er will natürlich jetzt in den angesagten Clubs spielen. Viele realisieren nicht, dass er nicht mehr diese Disco-Pop-Variante fährt und sind dann überrascht, wenn er da jetzt ein geiles Clubset hinlegt. Er macht das nicht so zum Spaß und nebenbei. Er hat den schönsten Satz gesagt, warum er DJ sein will: Er sagt, er spürt das Leben beim Auflegen. Das habe ich so noch nie definiert und habe es direkt übernommen. In Lars we trust.
- DJ HELL „Neoclash“, erscheint am 12.12. digital auf International Deejay Gigolo Records, am 16.1.26 auf Vinyl
Mehr Interviews aus und über Berlin
2022 hat DJ Hell beim 50. Geburtstag des tip aufgelegt – damals sprach er mit uns über seinen Werdegang vom Münchner Nobody zum Berliner Resident. Deutschlands wohl bekanntester Bestatter Eric Wrede im Interview: Ist der Tod ein Arschloch? Neue Wege im Umgang mit dem Tod: Wir haben mit Charlotte Wiedemann vom ahorn Space gesprochen. „Show Me Love“ war erst der Anfang: WizTheMc im Interview. Paula Hartmann sagt: „In Berlin wächst man mit einem Grundmodus von Reizüberflutung auf“. „Den Futschi mal mit Cola Light trinken“: Jutta Hartmann über „Juttas Futschi Freizeit“. „Lästern kann uns helfen, empathisch zu sein“: Autorin und Journalistin Yasmine M’Barek im Interview.

